Wesel: Einzigartige Baegert-Schau

Wesel: Einzigartige Baegert-Schau

Winfried Evertz hat drei Jahre lang Überzeugungsarbeit geleistet und die einmaligen Genehmigungen für eine Ausstellung aller Bilder von Derick Baegert erhalten. Ab Oktober sind die Fotorepros im Centrum zu sehen.

Die "Eidesleistung" von Derick Baegert ist Wesels größter Schatz. Die einzige bekannte weltliche Szene des spätgotischen Meisters bekommt im Oktober im Städtischen Museum Galerie im Centrum aufsehenerregenden Besuch. Denn der Weseler Winfried Evertz stellt eine Ausstellung auf die Beine, die es so noch nie gegeben hat und wohl auch nie wieder geben wird. Der 75-Jährige trägt auf eigene Faust und Kosten alle Bilder des Weseler Meisters zusammen: "Derick Baegert – das Gesamtwerk – Reprografien um ein Original"

Topqualität in Originalgröße

Beim Begriff "Reprografien" sollten Kenner nicht abwinken. Wie zahllose andere Werke bedeutender Künstler unterliegen Baegerts strengen Auflagen, wenn nicht gar Verboten der Museen und Kirchen. Sie dürfen nicht fotografiert und reproduziert werden. Evertz hat es geschafft, die Genehmigungen zu erhalten. Für 38 Stück, die Baegert zuzuordnen sind. Nur an ein Werk, dessen private Besitzer unerreichbar sind, kam Evertz nicht heran. Alle anderen werden in Originalgröße gezeigt, in bester Qualität durch die Fachbetriebe Lippka (Wesel) und Sander Imaging (Düsseldorf) reprografiert. In Arbeit ist ein Katalog, den es so nie gab (siehe Info). Unterstützt wird Evertz von der Historischen Vereinigung, Niederrheinischem Kunstverein, Stadtarchiv und Kulturamt.

Drei Jahre Arbeit und eine erkleckliche Summe hat Evertz in das Projekt gesteckt, das 2007 im Urlaub geboren wurde. Im Vorpommerschen Landesmuseum stieß er auf eine Kreuzabnahme Christi von Baegert und fragte sich, wo noch mehr sein könnten. Es folgte Spurensuche in Münster, Dortmund, München, Nürnberg, Issum, Kalkar, Berlin und Stolzenhain (Brandenburg). Zudem waren in Madrid, Brüssel und Brügge Anfragen nötig.

"Geschichte war schon in der Schule eins meiner Lieblingsfächer", sagt Evertz. "Und auch an Kunst war ich immer sehr interessiert." Wenn er von Baegert spricht, dann leuchten seine Augen wie die Bilder des Meisters es auch nach 500 Jahren immer noch tun. Der frühere selbstständige Metzgermeister und spätere Diplom-Verwaltungswirt (Arbeitsamt) ist eingetaucht in die Welt des späten Mittelalters. Zu jedem Bild, jeder Figur kann er ganze Romane erzählen. Und er macht sich Gedanken, warum Baegert etwas so und nicht anders dargestellt hat. Und darüber, was man da eigentlich sehen kann.

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Ein Fall für Forscher ist beispielsweise eine Kreuzabnahme mit typisch niederrheinischer Landschaftskulisse. Evertz vermutet, dass (Alt-)Büderich sowie Wesel und Spellen im Hintergrund zu sehen sind. Wobei Baegert die Büdericher Gebäude aus kompositorischen Gründen spiegelverkehrt in Szene gesetzt haben könnte, weil sonst Wesel verdeckt worden wäre.

Mathena-Fragmente in Madrid

Stoff für Rätsel liefert auch die Frage, ob der Hauptmann unter dem Kreuz – Fragment des Hochaltars aus Mathena (heute Kaufhof) – Baegert selbst zeigt. Der Weseler gilt als erster Künstler nördlich der Alpen, der Selbstbildnisse in seine Massenszenen einbaute. Dass Teile aus Mathena (Sammlung Thyssen-Bornemisza, Madrid) den Bildersturm zu Zeiten der Reformation überlebt haben, schreibt Evertz der Möglichkeit zu, dass Angehörige von Dargestellten Stücke gerettet haben. So vielleicht auch Jan Baegert seinen Vater. Ganz sicher jedenfalls hat Baegert sich um 1475 im Retabel der Propsteikirche Dortmund verewigt. Ausgeklappt misst es 2,30 mal 7,90 Meter. Auch dies wird in voller Größe zu sehen sein.

"Der Weseler kennt den Namen Baegert und die ,Eidesleistung'", sagt Evertz. "Aber sonst weiß man von ihm wenig." Das wird sich mit der einzigartigen Schau ändern.

(RP)
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