Schermbeck: Einsames Grab erinnert an Flugzeugabsturz

Schermbeck : Einsames Grab erinnert an Flugzeugabsturz

Vor 75 Jahren stürzte in Weselerwald eine Messerschmidt 109 ab. Jahrelang wurde verzweifelt versucht, den Piloten zu bergen. Das Grab wird weiterhin von der Erntegruppe des Weselerwalder Heimatvereins gepflegt.

Dort, wo die Marienthaler Straße ins Tal der Issel hinabführt, erkennt man in etwa 200 Metern Entfernung von der Straße inmitten einer Weide, die zum Gehöft Hartmann gehört, ein Fliegergrab. An dieser Stelle starb am 22. Juni 1943 Dr. Ludwig Nover. Ein Steinkreuz kennzeichnet die Stelle, an der sich seine Messerschmidt 109 in den Boden bohrte und in dem sumpfigen Gelände versank. Mehrfach hat man sich bemüht, den Fliegerleutnant auszugraben. Alle Bemühungen scheiterten. Die Bergungsmannschaften der deutschen Wehrmacht konnten einige Tage nach dem Absturz nur Teile des Flugzeuges finden.

Am 25. März 2018 trafen sich Mitglieder der Erntegruppe Weselerwald, Vorstandsmitglieder des Heimatvereins und Mitglieder der Familie Hartmann vor dem Grab des Fliegeroffiziers Ludwig Nover (v.l.): Roswitha Gernemann-Labenz, Doris Gernemann, Martin Gernemann, Wilma Nuyken, Heinrich Nuyken, Anne Tietze, Wilhelm Tietze, Arnd Terstegen, Angelika Hüfing, Harald Hüfing, Heinz-Erich Ohletz, Hermann Schlabes, Josef Hartmann (Junior), Josef Hartmann (Senior), Karl Westerhuis, Erhard Beloch, Gisela Beloch, Angela Ohletz, Elke Sondermann, Klaus Sondermann. Es fehlte: Burkhard Labenz. Foto: Scheffler

In den 1950er Jahren wurde erneut ein Versuch gestartet, den Gefallenen der Erde zu entreißen. Bis in eine Tiefe von zehn Metern wurde gegraben, allerdings wurden dabei nur weitere Teile des Motors gefunden. Dennoch zweifelte man zu keinem Zeitpunkt daran, dass Dr. Ludwig Nover an Ort und Stelle gestorben war. Als Augenzeuge berichtete Bernhard Sondermann im Jahre 1961 einem Lokalreporter: "Wir hatten uns in der Nähe unseres Hauses einen Unterstand gebaut", so der damals 82-Jährige, "den wir aufsuchten, wenn die feindlichen Flieger über dem Land kreisten. Auch an diesem Tag hatten wir wieder den Unterstand aufgesucht. Da ich vor dem Deckungsloch stand, konnte ich am hellen Tage den Zweikampf zwischen einem deutschen und einem amerikanischen Flieger in großer Höhe beobachten. Immer wieder griffen die beiden Maschinen einander an, und wir konnten die Abschüsse der Bordkanonen hören. Plötzlich geschah es dann. Mit pfeifendem Heulen stürzte das deutsche Flugzeug ab und schlug in den Boden der Weide ein. Ich habe nicht beobachtet, dass die Maschine beim Absturz brannte. Auch der amerikanische Jagdflieger musste herunter. Er stürzte ebenfalls in einiger Entfernung ab." Bernhard Sondermann und sein gleichaltriger Nachbar Josef Hartmann eilten noch mit anderen Männern gleich nach dem Kampf zur Absturzstelle der deutschen Maschine. Die spitz zulaufende Kanzel des Jagdflugzeuges vom Typ "Me 109" hatte sich wie eine Pfeilspitze in den Boden gebohrt. Von dem Gewicht der Maschine war der Pilot in die Tiefe des Bruchs gezogen worden.

Der noch erhaltene Wehrpass zeigt den Fliegeroffizier Ludwig Nover. Foto: Scheffler

Der Raesfelder Heimatforscher Adalbert Friedrich schrieb im Jahre 2000 in einem Leserbrief: "Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wurde der Fliegeroffizier Dr. Ludwig Nover bei den Luftkämpfen im hiesigen Raum am Vormittag des 22. Juni 1943 abgeschossen, als 190 'Fliegende Festungen' der US Air Force das Buna-Werk in Marl-Hüls angriffen. Bei diesem schwersten Luftangriff auf das Rüstungswerk wurden 1560 Bomben abgeworfen. Für drei Monate lag die Produktion still. In dem täglichen Wehrmachtsbericht durch das Oberkommando wurde dieser schwere Tagesangriff nicht erwähnt.

In der Raesfelder Schulchronik wurde folgendes über diesen Luftangriff geschrieben. ",22. Juni 1943 - Heute Morgen gegen 10 Uhr ging das Getöse einfliegender feindlicher Bomber wieder los. Die schweren Bomber kamen in großer Höhe, dicht aufgeschlossen zu Geschwadern von 30 bis 40 Flugzeugen, über uns hinweg. Der Verband griff das Buna-Werk in Marl-Hüls an. Auf dem Rückflug schossen Jäger über uns einen Bomber ab. Sieben Mann der Besatzung sprangen mit dem Fallschirm ab und pendelten langsam aus großer Höhe zur Erde nieder. Spät am Abend meldete der Rundfunk 27 Abschüsse aus diesem Verband. Zwei deutsche Jäger kamen hier herunter. Einer landete in Rhade, der andere in Bocholt.'"

Die ehemals selbstständige Gemeinde Weselerwald hatte sich in Zusammenarbeit mit der damaligen Schermbecker Amtsverwaltung in den 1950er-Jahren bereiterklärt, das bis dahin von der Familie Hartmann privat unterhaltene Grab in die pflegende Obhut zu übernehmen. Kein ausgebauter Weg führt zum Grab, so dass dieses in Vergessenheit geriet. Eine Zeit lang wurde das Grab von einer Weseler Gruppe gepflegt; zuletzt machte es allerdings einen ziemlich herabgewirtschafteten Eindruck.

Als Heimatverein in spe übernahm die Erntegruppe Weselerwald im Jahre 1997 die Pflege des Grabes. Harald Hüfing, Egon Hülsmann, Klaus Sondermann und Reinhart Holloh erneuerten den Zaun; eine Eberesche am Grab wurde gerodet und der Elektrozaun repariert, um das Grab auf der Weide vor dem Vieh zu schützen. Die Steine am Grab wurden neu verlegt und der Grabstein wieder aufgerichtet. Waltraud Holloh und Elke Sondermann pflanzten Blumen.

Am 11. November 1997 kamen Bürgermeister Wilhelm Cappell, sein allgemeiner Stellvertreter Günther Hoppius sowie die beiden Ratsmitglieder Volker Schulte-Bunert und Horst Ufermann mit Mitgliedern der Erntegruppe und dem Grundstückseigentümer Josef Hartmann zum Grab, um eine Eiche zu pflanzen. Dabei wurde auch ein Dankschreiben verlesen, das Dr. Ludwig Novers Sohn Hans-Dieter aus Quedlinburg geschickt hatte. In seinem Schreiben gab er seiner Freude Ausdruck, dass die Grabruhe seines Vaters weiterhin am Absturzort sichergestellt werde. "Mein wesentliches Argument", so schrieb er, "gegen die Verlegung war und ist, dass sich dort mitten auf der Weide die Unsinnigkeit des Sterbens eines jungen Familienvaters, den seine Frau und seine kleinen Kinder lebend gebraucht hätten, besonders deutlich zeigt."

Am 28. Dezember 1999 nahm der Heimatverein Weselerwald den angekündigten Besuch Hans-Dieter Novers, des Sohnes des abgestürzten Fliegeroffiziers, zum Anlass, eine zweite Eiche als Ersatz für die nicht richtig angegangene Eiche des Jahres 1997 zu pflanzen, die der Drevenacker Baumschulbesitzer Selders kostenlos zur Verfügung gestellt hatte. Im Reisegepäck hatte Hanns-Dieter Nover einige Dokumente, die ein wenig Licht in die Lebensgeschichte seines Vaters brachten. Viel mehr als das auf dem Grabstein eingemeißelte Geburtsdatum (16. August 1913) und den 22. Juni 1943 als Todesdatum kannte man bis 1999 in Weselerwald nicht. In lockerer Runde erzählte Hans-Dieter Nover in Josef Hartmanns Haus vom beruflichen Werdegang seines Vaters, der an der Martin-Luther-Universität in Halle studiert habe und seine Dissertation über Frösche verfasst habe. Auch seine Ehefrau Ilse studierte an derselben Universität. Der Sohn erwähnte von ihr verfasste Arbeiten über Pflanzenkrankheiten.

Als Doktor der Zoologie blieb dem Fliegerleutnant Ludwig Nover vor siebeneinhalb Jahrzehnten keine Zeit für weitere Forschungen. Der Krieg forderte ein hohes Opfer von ihm und der Familie. Der Verstorbene hinterließ eine Frau, zwei Söhne und eine Tochter. Die Ironie des Schicksals wollte es so, dass etwa zur selben Zeit, als Dr. Ludwig Nover in Weselerwald starb, auch das Haus in Mülheim durch Bomben zerstört wurde.

Das Grab wird weiterhin von der Erntegruppe des Weselerwalder Heimatvereins gepflegt. So bleibt ein wichtiges Zeugnis der Kriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts als mahnendes Beispiel für die Sinnlosigkeit von Kriegen erhalten.

(hes)
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