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Wesel: Eine Völkerwanderung des Grauens

Wesel : Eine Völkerwanderung des Grauens

"Fremd im Feindesland. Fremd im Heimatland": Buch über Kriegsgefangenenlager und Zwangsarbeiter vorgestellt.

Bei einem Spaziergang auf dem Gelände von Haus Aspel in Rees sind Rüdiger Gollnick und seine Frau Monika vor einigen Jahren zufällig auf die Gräber von fünf Polen, zwei Italienern und einer Russin gestoßen. Zwei der dort im März und April 1945 Begrabenen waren als Säuglinge gestorben. In Aspel war im Krieg ein Krankenhaus untergebracht. Doch wie kam es, dass es so viele Ausländer dorthin verschlagen hatte, fragte sich das Ehepaar und begann, dem nachzugehen. Daraus wurde eine umfassende Forschungsarbeit. Es ist die erste dieses Ausmaßes über Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager am Niederrhein. Zweieinhalb Jahre haben der 74-jährige Autor und seine Frau (67), die heute in Bocholt leben, recherchiert. Gestern haben sie "Fremd im Feindesland. Fremd im Heimatland" in der Mayerschen Buchhandlung in Wesel vorgestellt.

Es ist die Dokumentation einer Völkerwanderung des Grauens. Hunderttausende Menschen waren nach dem Rheinübergang der Alliierten am Niederrhein unterwegs. Und das in alle Richtungen. Von Osten wurden deutsche Kriegsgefangene auf die linke Rheinseite geschafft und in riesigen Lagern eingepfercht. Parallel strömten Massen von nunmehr freien Zwangsarbeitern (vorher verniedlichend Fremdarbeiter genannt) aus aller Herren Länder durch die Region.

Die Gollnicks haben die Archive durchwühlt. Das Ergebnis ist nicht nur ein Buch mit bewegenden Zeitzeugenberichten, die von den katastrophalen Verhältnissen erzählen, unter denen während des Krieges die ausländischen Zwangsarbeiter unter den Nazis und nach dem Krieg die deutschen Kriegsgefangenen unter den Alliierten leben mussten. Es stellt auch die erste vollständige Dokumentation über die Lager in den heutigen Kreisen Wesel und Kleve dar. Eine Liste der Betriebe, Höfe und Haushalte, die während des Krieges hier Zwangsarbeiter beschäftigten, haben die Gollnicks ebenfalls zusammengestellt. Von Unternehmen wie Keramag und RWE in Wesel bis hin zu landwirtschaftlichen Betrieben in Loikum.

Eine damals 14-Jährige, mit Mutter und Bruder aus der Ukraine zunächst nach Spellen und dann nach Friedrichsfeld verpflanzt, unternahm von dort zu Fuß Ausflüge nach Wesel. Hier kam sie in Kontakt zu einer Familie. Im Buch schildert sie, wie gut es ihr da ging. Aber auch, wie sie von Bauern als eine potenzielle Arbeitskraft wie Vieh unter die Lupe genommen wurde und wie sie die Bombenangriffe auf Wesel erlebte.

Allein die Krankheiten, an denen die auf dem Gelände von Haus Aspel begrabenen Zwangsarbeiter verstorben sind, lassen erschauern. Auch die 160 Abbildungen in dem Buch tragen dazu bei, den Horror von damals sichtbar zu machen, so das Gemälde von Wilhelm Götting, das im Massenlager Rheinberg entstanden ist und halbnackte, dürre Männer in Erdlöchern zeigt.

Die Kriegsgefangenenlager standen zunächst unter der Ägide der Amerikaner. Die waren mit der Unterbringung der deutschen Soldaten schon deshalb überfordert, weil sie gar nicht dafür ausgerüstet waren. Dies wird von einem Divisionskommandeur der US Army in einer Stellungnahme auch so eingeräumt. Die nüchterne Bestandsaufname beziehungsweise Zustandsbeschreibung eines britischen Offiziers, der des Amis Lager Rheinberg dann übernommen hat, unterstreicht dies nur. Das bislang unveröffentlichte Dokument bekamen die Gollnicks von der Tochter des Briten, die heute in Australien lebt. Allein eine Viertelmillion Soldaten lief durch die Lager am Niederrhein.

Die Gollnicks hoffen, dass ihr Buch auch in den Schulen gelesen wird. Die Bilder und Berichte erlauben jedenfalls einen guten Zugang zu den Verhältnissen, die damals am Niederrhein herrschten.

Rüdiger Gollnick (unter Mitarbeit von Monika Gollnick): Fremd im Feindesland. Fremd im Heimatland. Pagina Verlag, Goch 2017, 224 Seiten, 19,80 Euro

(RP)