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Wesel: Eine jüdische Geschichte, die in keinem Buch zu lesen ist

Wesel : Eine jüdische Geschichte, die in keinem Buch zu lesen ist

Die Gesamtschule am Lauerhaas übernimmt die Patenschaft für den Stolperstein für Auguste Baum. Gestern erfuhr der Geschichtsleistungskurs mehr über das tragische Schicksal ihrer Familie.

2009 wurde der Gesamtschule am Lauerhaas die Auszeichnung "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" verliehen. Eine Wand neben dem Eingang ziert ein großes Graffiti mit den Worten "Es ist normal, verschieden zu sein".

Immer wieder bemüht sich die Schule in zahlreichen Projekten, diese Worte mit Inhalt zu füllen. So auch gestern, als Claus-Dieter Richter-Kraneis zu Gast war, um dem Geschichtsleistungskursus der Jahrgangsstufe 13 über seine Forschungen zur jüdischen Familie Baum zu berichten, die bis zu ihrer Deportation 1941 viele Jahre in Wesel lebte. Anlass ist die Verlegung von Stolpersteinen am 10. Dezember in Wesel. Die Gesamtschule hat, wie schon in den vergangenen Jahren, die Patenschaft für einen Stolperstein übernommen – den von Auguste Baum. "Ausgrenzung und Rassismus gibt es auch heute. Deshalb ist es wichtig, sich weiter so intensiv mit dem Thema zu auseinanderzusetzen", so Richter-Kraneis.

Seit 2006 beschäftigt er sich mit der Geschichte der Familie Baum. In der Weseler Stadtbücherei nahm die Suche ihren Lauf. Auguste Baum wurde 1880 in der Nähe von Posen geboren. Im Weseler Einwohnerregister taucht ihr Name das erste Mal im Jahr 1922 auf – zusammen mit ihrem Sohn Heinz Baum und dessen Frau. Ihr tragisches Schicksal während des Nationalsozialismus konnte der Hobby-Historiker mit Hilfe einer israelischen Datenbank und einem Gedenkbuch des Bundesarchivs sowie Zeitzeugenberichten nachzeichnen. Am 11. Dezember 1941 wurden Auguste Baum, Heinz Baum und seine Frau sowie deren fünf Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren von Düsseldorf nach Riga deportiert. Die Umstände während des Transports waren grausam. Die insgesamt 1700 Juden waren mit bis zu 65 Personen in einem Waggon eingepfercht – ohne Wasser und Heizung. Nur 98 der 1700 Juden überlebten das anschließende Martyrium in dem Arbeitslager – die Familie Baum gehörte nicht dazu.

"Es macht einen großen Unterschied, ob man anonym von sechs Millionen Juden spricht, oder einer einzelnen Familie aus der eigenen Heimatstadt", erklärt Claus-Dieter Richter-Kraneis. Und er scheint recht zu haben. Die Schüler verfolgten seine Ausführungen interessiert und gleichzeitig betroffen. Wichtig sei im Kampf gegen Rassismus und Ausgrenzung, so ein Schüler in der anschließenden Diskussion, mehr über das Thema zu sprechen.

Vor allen Dingen gehöre der Mut dazu, aufzustehen und ein Zeichen zu setzen, ergänzte Richter-Kraneis. Ganz im Stile einer Schule ohne Rassismus und mit Courage.

(niel)