Wesel: Ein risikoreicher Beschluss

Wesel: Ein risikoreicher Beschluss

Das Linksbündnis hat gestern im Schulausschuss beschlossen, dass die 23 Schüler mit Hauptschulempfehlung an die Realschule wechseln sollen. Aber: Politik und Verwaltung haben womöglich bei ihrer Rechnung ein wesentliches Detail ignoriert. Teils kam es zu unwürdigen Szenen.

Vor zahlreichen Zuschauern - Eltern, Schüler, Lehrer - hat das Linksbündnis gestern Beschlüsse gefasst, die für die Weseler Schullandschaft gravierende Folgen haben werden. So gefüllt war der Ratssaal lange nicht: Im Schneidersitz saßen die Eltern und Schüler mitten im Rund vor den Politikern. Teilweise spielten sich unwürdige Szenen ab, die Zuschauer riefen in die Reden der Politiker hinein. Ein Zuschauer forderte SPD-Fraktionschef Ludger Hovest im Streit gar auf, mit ihm "vor die Tür" zu gehen. Auf Plakaten sprachen sich Eltern und Schüler dafür aus, dass die 23 Schüler mit Hauptschulempfehlung nicht auf ihrer Schule aufgenommen werden sollten. "8 Züge, mehr geht nicht" stand auf den Plakaten der Gesamtschule. Die Realschule kam ebenfalls mit Transparenten. "Trump in Wesel: Gesamtschule first?" stand auf einem. "Auch die Realschule ist voll!" auf einem weiteren.

Die zwei wesentlichen Ergebnisse der Sitzung: Die Verwaltung soll eine Zahlenanalyse in Auftrag geben, die eine weitere städtische Gesamtschule auf den Weg bringt. Das Linksbündnis aus SPD, Grünen und Linken hat ferner festgelegt, dass im Streit um die 23 an der Gesamtschule Lauerhaas nicht angenommenen Schüler die Konrad-Duden-Realschule am Zug ist. Sie solle eine zweite Überhangklasse bilden. Das könnte sich allerdings als fatal erweisen. Die Politik hatte nämlich den Entschluss auch mit Verweis darauf gefasst, dass nach Paragraf 132c an der Realschule mit Ausnahmegenehmigung ab Klasse sieben auch Hauptschüler unterrichtet werden können. Wie aber Dezernent Rainer Benien auf Anfrage einräumen musste, gilt diese Ausnahmegenehmigung durch die Bezirksregierung nur für die kommenden zwei Jahre. Ausgerechnet die nun an die Realschule verwiesenen 23 Schüler würden also nach derzeitigem Stand nicht mehr von der Ausnahmegenehmigung profitieren, würden nicht mehr im Hauptschultyp ab Klasse sieben unterrichtet werden dürfen. Der Grund für die befristete Genehmigung: Die Bezirksregierung will den Druck auf die Politik erhöhen, die Schullandschaft umzustrukturieren.

Rainer Benien war zunächst die Tatsache, dass die 23 Schüler wohl gar nicht ihren Hauptschulabschluss an der Realschule machen können, in einem Vorgespräch mit der Presse nicht bewusst. Erst auf Journalistenanfrage erklärte er später, dass die Ausnahmegenehmigung noch einmal verlängert werden müsse. "Wir sind zuversichtlich, dass das gelingen wird", sagte Benien dann im Rat. Womöglich wären also die 23 Schüler am Ende Opfer des gestrigen Beschlusses, weil für sie doch keine Beschulung auf Hauptschulniveau an der Realschule ab Klasse sieben möglich ist.

Intensiv diskutiert wurde die Neuaufstellung der Schullandschaft. Die Stadt ist mit der Bezirksregierung alle Varianten der Schullandschaft durchgegangen: Als einzig sinnvolle Variante gilt demnach die Gründung einer weiteren Gesamtschule bei gleichzeitigem Erhalt der Konrad-Duden-Realschule. Die Gymnasien aber, so räumte Benien zaghaft ein, könnten perspektivisch in der Zügigkeit beschränkt werden. Sowohl für eine von der FDP vorgeschlagene Sekundarschule als auch für eine von der CDU angedachte Neugründung einer Hauptschule fehlen nach Ansicht der Bezirksregierung die notwendigen Anmeldezahlen.

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Ein Risikofaktor ist auch der enge Zeitplan. Um für die 2019 startenden Schüler an weiterführenden Schulen ein Anmeldechaos zu vermeiden, müsste die Stadt bis zum 1. Dezember 2018 die Gründung einer Gesamtschule bei der Bezirksregierung beantragen. Der Druck steigt: Nächstes Jahr sind nach heutigen Kenntnissen schon 40 oder 50 Kinder im Überhang.

Später hatten die Schulleiter und Politik Gelegenheit zur Stellungnahme. Dirk Timmermann, Gesamtschulleiter, sagte: "Ich hätte die 23 Schüler gerne genommen. Wir merken aber, dass acht Züge eine Grenze sind, über die wir nicht gehen können. Wir halten die weiße Fahne hoch und sagen: Die Grenze ist erreicht. Machen Sie unser System nicht kaputt." Realschulleiterin Ina Gaastra wiederum verwies in ihrem Beitrag darauf, dass ihre Schule mit 92 regulären Anmeldungen schon jetzt eine Überhangklasse bilden müsse. Mit den weiteren Schülern würde die Schule sogar fünf Klassen bilden. "Sie dürfen die Kinder nicht bewusst in eine Sackgasse schicken", sagte sie.

"Die Eltern haben zu entscheiden, wo die Schüler hingehen", formulierte Ludger Hovest, SPD-Fraktionschef, als Ziel für die Neuaufstellung der Schulpolitik in Wesel. Im konkreten Fall der 23 Schüler geschieht jedoch genau das Gegenteil: Die Politik hat gegen den Elternwillen entschieden. "Wir werden einmalig der Realschule die Überhangklasse zuweisen", sagte Hovest. Die CDU wiederum kritisierte das Linksbündnis. Daniela Staude, schulpolitische Sprecherin der CDU: "Wir sehen die begabungsgerechte Beschulung der Kinder an der Gesamtschule." Staude kritisierte die Vorbereitung einer weiteren Gesamtschule: "Wir machen den vierten Schritt vor dem ersten. Wir haben noch keine belastbaren Zahlen." Jürgen Berner (FDP) sagte: "Die beste Förderung kann für die 23 Kinder nur an der Gesamtschule geschehen." Dorothée Brauner (AVG) machte auf die Gefahr für die Gymnasien aufmerksam - bisher sei die zuständige Expertin bei der Bezirksregierung für die Gymnasien nicht kontaktiert worden.

Die deftigste Kritik am Linksbündnis kam allerdings von Ulrike Freund, Vorsitzende des Stadtelternrates. Sie erklärte zunächst, dass sich ihr Gremium in der Frage, wo die 23 Schüler aufgenommen werden sollen, nicht positionieren werde. In Richtung des Linksbündnisses sagte sie: "Demokratische Prozesse sehen anders aus. Nun stehen wir vor den Scherben, die Sie 2015 beschlossen haben. Ich komme mir vor wie bei Pippi Langstrumpf: Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt. Sie haben es erstmalig geschafft, den Eltern aller Schulformen Angst zu machen und damit Eltern aller Schulformen auszuschließen. Ein wirkliches Novum. Heute ist meines Erachtens der Zeitpunkt gekommen: Sie sollten sich schämen, wie Sie die Schullandschaft zugrunde richten."

(RP)