Hamminkeln: Ein Leben unter Höchstspannung

Hamminkeln : Ein Leben unter Höchstspannung

Hamminkelner Familien sind in großer Sorge wegen der weit gediehenen Pläne von Amprion, die Stromtrasse von Wesel nach Doetinchem erheblich aufzurüsten. Sie wollen, dass die neuen Leitungen als Erdkabel verlegt werden.

Familie Dülligen lebt lange schon unter Starkstrom. Die Stränge der 220-KV-Leitung verlaufen nur weniger Meter über dem Dach des eigentlich idyllisch liegenden Hauses an der Diersfordter Straße (L 480) – einen Steinwurf entfernt vom Bahnübergang "Mutter Busch". Darunter schläft Bettina Dülligen seit sie Kind ist. 1974 wurde die Trasse gebaut. Die "kleine", 110 KV starke Leitung, die knapp 20 Meter westlich neben dem Grundstück vorbeizieht, transportiert schon seit 85 Jahren Strom, erzählt Vater Alois Schmitz, der mit Frau Marianne nicht mehr hier wohnt. In Zeiten der Energiewende aber machen sich beide zunehmend Sorgen um Kinder und Enkel.

Früher habe man sich immer gutgläubig auf Beteuerungen der Gutachter verlassen, dass die Stromautobahn harmlos sei und keine Gefahr für die Gesundheit davon ausgehe, so der 81-Jährige. Diesen Glauben haben die Dülligens verloren. Wie andere Anwohner auch. Sie sind alarmiert. Amprion, Tochter des Energieriesen RWE, plant bekanntlich die Aufrüstung der Trasse zur "Höchstspannungsleitung" – 380 KV auf der großen und 220 KV auf der kleinen Trasse. "Umbeseilung" heißt das Projekt. Klingt harmlos. Beschert den verstreut im Außenbereich wohnenden Anliegern aber nicht nur deutlich mehr Power in den Drähten über ihren Köpfen, sondern auch knapp 70 Meter hohe Mast-Ungetüme.

Seit sie das vor drei Jahren erfahren haben, geht ihnen die Vokabel "Elektrosmog" nicht mehr aus dem Sinn. Vom massiven Wertverlust für ihre Häuser – Ursula Kramer sieht die Zukunft für ihr privat geführtes Altenwohnheim am Tentenkathweg bedroht – ganz zu schweigen. Das Band der sorgenvollen Anrainer zieht sich von Hamminkelns Südrand über die Hülshorst bis zur Wittenhorst. Betroffene Familien haben sich zusammengefunden und wollen das, was auf sie zukommt, möglichst verhindern. Auch wenn die Chancen gering scheinen.

Noch glauben sie an ein Faustpfand in der Hand. Amprion hat sich bei den Landwirtschaftsverbänden verpflichtet, die Erweiterung der "Schutzstreifen" neu zu entschädigen. Die Betroffenen wollen ihre Einwilligung verweigern. "Schutzstreifen" klingt für Hilmar Dülligen wie Hohn: "Der schützt den Mast, nicht die Menschen." Die angebotene Entschädigung – es werden Summen zwischen 500 und knapp 1000 Euro genannt – empfinden Grundstückseigentümer wie Heinz Schürmann als "lächerlich", letztlich als Versuch, sie "billig abzuspeisen". Sie fordern, dass die Leitung unter die Erde kommt. Immense Kosten lassen sie als Argument nicht gelten. Der Zusammenschluss der Anrainer will im Planfeststellungsverfahren seine Belange geltend machen. Dass dies vermutlich im Herbst erst nach der Bundestagswahl anläuft, sei weiteres Indiz, dass ihre Sorgen "unter den Teppich gekehrt werden sollen". Das gute Dutzend widerständiger Anrainer zwischen der Strauchheide und Wittenhorst will sich den Wutbürgern der Initiative "Isselburg 21" anschließen. Die formuliert ihren Protest entlang der Stromtrasse vom Umspannwerk in Obrighoven bis Doetinchem bislang am deutlichsten und ruft nach Erdkabel.

(RP)
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