Diskussion um Hörstation in Wesel: Wohin mit Churchill?

Der Streit um die Hörstation : Warum Churchill nach Büderich gehört

Von London nach Berlin führt der Weg, den der Verein Liberation Route mit Gedenkstätten zum Vormarsch der Alliierten 1944/45 pflastern will. Wesel wird dabei sein. Aber Streit um den genauen Ort gibt Rätsel auf.

Erinnerungskultur muss gepflegt werden, doch kann der Umgang mit der eigenen Vergangenheit oft recht heikel sein. Das gilt besonders für uns Deutsche, denen die braunen Jahre von 1933 bis 1945 wohl ewig anlasten werden. Das ist auch richtig so, denn man soll die Augen vor Verbrechen nicht verschließen, sondern lernen, Wiederholungen zu verhindern. Mit dem Blick auf Geschehnisse ist das aber so eine Sache. Dies veranschaulicht das jüngste Hickhack um eine Churchill-Hörstation in Wesel gleich auf mehreren Ebenen.

Betrachtet man das Projekt des Vereins Liberation Route, das den Vormarsch der Alliierten 1944/45 Richtung Berlin nachzeichnen soll aus den Augen der Befreier oder der Befreiten? Die Frage ist schnell beantwortet, wenn man den Hintergrund der Liberation Route, die auf Aktivitäten in den Niederlanden fußt betrachtet: Natürlich orientiert sich das Vorhaben an den Alliierten und den von ihnen nach und nach befreiten Ländern. Das trifft für Deutschland auch zu, wenngleich es beim einen oder anderen gedauert hat nachzuvollziehen, dass er zwar unter schrecklichen Umständen besiegt, aber eben auch befreit worden ist. Nämlich von der Herrschaft der Nationalsozialisten.

Welche Sichtweisen aber stecken hinter der Diskussion um den Standort der Hörstation, die den Aufenthalt des britischen Premiers Winston Churchill dokumentieren soll? Das Stadtarchiv hat das Büdericher Lokal Wacht am Rhein ausgeguckt. Vollkommen zu Recht.

Churchill ist beim Besuch seiner Truppen rund um den Rheinübergang 1945 vielerorts in der Region gewesen. Die absolut wichtigste Demonstration der Stärke geht jedoch von jenem weltberühmten Foto aus, das am 25. März auf dem (heute nicht mehr vorhandenen) Balkon der Wacht am Rhein aufgenommen worden ist: Churchill beobachtet mit US-Generalmajor Dwight D. Eisenhower (1953-1961 Präsident der USA) und dem britischen Feldmarschall Bernard Montgomery (für seinen Sieg über Rommels Afrikakorps und weitere Verdienste später als Viscount Montgomery of Alamein geadelt) die Truppenbewegungen. Das Trio repräsentiert die Spitze der Westalliierten.

Im weiteren Verlauf des stets von Fotografen begleiteten Fronttrips Churchills lässt er sich unter anderem zweimal selbst auf die rechte Rheinseite bringen. Da mag der jetzt im Kulturausschuss vorgetragen Wunsch herrühren, Bislich als Standort für die Hörstation zu erwägen. Denn am 26. März 1945 hat der Premier ganz idyllisch dort am Ufer gefrühstückt. Dabei waren wieder Montgomery und Churchills Berater, Generalstabschef Alan Francis Alanbrooke. Ebenfalls eine illustre Runde, aber eben ohne Eisenhower.

Was für eine Platzierung der Hörstation auf dem Großen Markt oder am Niederrheinmuseum sprechen könnte, wäre allein die Wahrscheinlichkeit, dort mehr Besucher darauf aufmerksam machen zu können. Historisch spricht aus Befreiersicht jedenfalls zunächst nichts dafür. Das Argument, die Erinnerung an die Zerstörung Wesels gehöre in die Innenstadt, ist zwar richtig, hat aber erstens mit Churchills Reise, die fünf Wochen später stattfand, erstmal nichts zu tun, und ist aus der Sicht der Befreiten beziehungsweise Leidtragenden vorgetragen.

Während also alles darauf hindeutet, dass Büderich sachlich die am besten geeignete Stelle ist, entwickelte sich im Kulturausschuss offenbar unbeabsichtigt eine Posse. Denn die Politik änderte den Beschlussvorschlag der Verwaltung ab und brachte sich vermutlich versehentlich selbst ins Spiel. So befürwortete der Ausschuss einstimmig den Beitritt Wesels dem Verein Liberation Route NRW sowie die Anschaffung einer Hörstation. Gestrichen wurde die Formulierung: „Das Stadtarchiv schlägt die Aufstellung in der Nähe der Wacht am Rhein vor. Hier blickte Churchill am 25. März 1945 auf das zerstörte Wesel.“ Geändert wurde der Satz „Die Festlegung des Ortes erfolgt durch das Stadtarchiv und Wesel-Marketing“. Statt der beiden letzteren soll nun der Ausschuss in seiner nächsten Sitzung die Entscheidung treffen. Dabei war nach RP-Informationen einigen Ausschussmitgliedern wichtig, dass die Politik sich eben nicht mit der Auswahl befasst.

Fazit: Wesel tritt besagtem Verein bei und wird Teil eines interessanten europäischen Netzes, das bildungspolitische und touristische Ziele verfolgt. Die Churchill-Hörstation gehört klar nach Büderich, könnte aber auch ein Anfang für weitere Installationen andernorts oder sonstige Beteiligungen sein. Die Politik sollte sich weitgehend raushalten. Der 75. Jahrestag der Zerstörung bietet im Februar 2020 genug Raum für Weseler Erinnerungskultur.

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