Wesel/Frankfurt: Die Wesel-Verse in Frankfurt

Wesel/Frankfurt: Die Wesel-Verse in Frankfurt

In einem Haus in der Frankfurter Altstadt findet sich neuerdings wieder ein kleines Gedicht an einer Hauswand, das an den gesunden Menschenverstand appelliert. Vor 100 Jahren stand es dort, mit der Rekonstruktion alter Häuser kam es zurück.

"Kritisieren kann jeder Esel" steht an der blau verputzten Hausfassade in weißer Schrift, zu lesen mitten in der neu aufgebauten Frankfurter Altstadt: Auch in der Stadt am Main denken die Menschen beim Esel offenbar gleich an Wesel am Rhein, immerhin ausnahmsweise mal nicht an den Bürgermeister.

Das Zitat: "Frankfurt liegt am Mainesstrand, am Rheinesstrand liegt Wesel, zum Besser machen gehört Verstand, kritisieren kann jeder Esel." Foto: Dirk Schmitz

Das Haus mit dem Wesel-Spruch steht am sogenannten Hühnermarkt, nicht weit vom Römer entfernt, dem berühmten Rathaus von Frankfurt. Unser Leser Dirk Schmitz vom Fusternberg hat uns dieses Foto dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.

Von wem stammen die Zeilen, und was wollte der Hausbesitzer den Bürgern der Stadt mitteilen, als er oben an die Hausfassade schreiben ließ: "Frankfurt liegt am Mainesstrand / Am Rheinesstrand liegt Wesel / Zum Besser machen gehört Verstand / Kritisieren kann jeder Esel"?

Das sind die Fakten: Der Spruch zierte das Haus "Zur Flechte" schon lange, bevor es im Zweiten Weltkrieg am 22. März 1944 bei einem Bombenangriff, wie die restliche Altstadt, komplett zerstört wurde. Das Haus ist historisch originalgetreu neu gebaut worden, mit dem Fassadenspruch, der auch schon auf Fotos aus den 1920er-Jahren zu sehen ist. Das Haus gehörte damals dem Bäckermeister Loosen. Darauf weist auf Anfrage dieser Zeitung Tobias Picard vom Frankfurter Institut für Stadtgeschichte hin.

Nur, wer hat den Spruch erfunden? Im Internet gibt es einen einzigen Hinweis auf Instagram. Ein Mann hat dort vor Kurzem ein Foto von der Hausfassade hochgeladen, zitiert den Spruch und weist diesen Friedrich Stoltze zu, ein populärer Frankfurter Heimatdichter, der 1891 gestorben ist. Der Bezug liegt nahe, denn auf dem Hühnermarkt steht direkt vor dem Haus ein Brunnendenkmal, das seit 1895 Stoltze gewidmet ist. Der sah fast aus wie Karl Marx, mit wallender weißer Mähne und weißem Rauschebart, war ein überzeugter Demokrat im Kaiserreich, ein Satiriker und ein leidenschaftlicher Karnevalist. Der Wesel-Spruch wird im Internet von einer Frau so kommentiert: "Dieses arme Wesel. Nur weil es sich ständig auf ,Esel' reimen lässt."

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Aber stammt der Spruch wirklich vom Heimatdichter? Ein Anruf bei Petra Breitkreuz vom Stoltze-Museum in Frankfurt; sie sagt von sich selbst sagt, sie kenne sich mit Friedrich Stoltze am besten aus. Sie hat sich durch seine veröffentlichten Arbeiten gewühlt und keinen Hinweis gefunden, dass der Frankfurter Dichter der Urheber ist; es sei nicht gänzlich auszuschließen, aber eher unwahrscheinlich. Auch auf Postkarten, die im 19. Jahrhundert solche Sprüche zierten, die zum Teil von Friedrich Stoltze und seinem Sohn Adolf stammten, habe sie den Spruch nicht gefunden. Anruf bei Wesels Stadtarchivar Martin Roelen. "Ich glaube, dass der Spruch des Reims wegen entstanden ist", sagt er. Aber welches Wesel ist gemeint? Unser Wesel? Nein, sagt Roelen, auch wenn Wesel als alte Handelsstadt auch in Frankfurt schon im 19. Jahrhundert sehr bekannt gewesen sei. Denn die Sache mit dem Bürgermeister von Wesel und dem Echo stammt aus einem undatierten Volkslied, das der 1869 gestorbene Volksliedforscher Anton Wilhelm von Zuccalmaglio als Erster aufgeschrieben hat. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es noch ein Wesel, und zwar das heutige Oberwesel am Mittelrhein, das erst um das Jahr 1900 herum zur besseren Unterscheidung den Zusatz "Ober" von den Behörden bekam. Und rein von der Logik her: Wo keine Berge, da kein Echo und kein "Rheinwiderhall", so hat Volksliedforscher Zuccalmaglio das Lied genannt, das mit den Worten beginnt: "Wie heißt der Bürgermeister von Wesel? Esel!"

Da die Weseler ihren Esel und ihre in der Stadt und aller Welt verteilten Esel tief ins Herz geschlossen haben, dürften sich jetzt vor allem die Bürger in Oberwesel ärgern: Denn an die denkt keiner mehr, wenn es um Esel aus Wesel geht.

Vielleicht hat der Karnevalist Stoltze in einer Büttenrede mal diesen Spruch gebracht, und Bäckermeister Loosen oder dessen Vater haben ihn auf die Fassade schreiben lassen. Völlig abwegig ist der Gedanke nicht: Stadtarchivar Roelen weist auf das große Konkurrenzdenken zwischen Städten hin, gerade auch in der Karnevalszeit, etwa zwischen Düsseldorf und Köln oder zwischen Frankfurt und Mainz, und möglicherweise bekamen auch die Jecken aus Oberwesel mal auf diese Weise einen mit.

Nicht unüblich seien solche Statements an Häusern, erklärt Roelen. So gebe es zum Beispiel in Köln, in der Schwabengasse, ein Haus, das ein reicher Architekt in den 1950er-Jahren für sich gebaut hat. Der habe sich während der Bauzeit fürchterlich über die Stadtverwaltung geärgert und deshalb in einer Bronzetür seiner Wut freien Lauf gelassen und die Verantwortlichen namentlich erwähnt, die ihn gepiesackt hätten. "Das zeigt: Nichts ist unmöglich", sagt Roelen.

Der Stadtarchivar hat aber noch eine andere, nicht ganz ernst gemeinte Theorie, warum der Bäckermeister diesen Spruch an die Hausfassade anbringen ließ: "Vielleicht kam seine Frau aus Oberwesel ..."

(RP)