Wesel: Dichter im Stadion

Wesel: Dichter im Stadion

Der Dinslakener Mathematiklehrer Henning Heske hat für Marcel Reich-Ranicki Gedichte interpretiert und selber naturwissenschaftlich geprägte Lyrik verfasst. Größter Erfolg des Fortuna-Düsseldorf-Fans: Essays über den Fußball.

dinslaken Das ist gut für Dich, spricht sanft die Mutter und träufelt Medizin auf den gestrichenen Löffel Zucker. Alter Trick: an Vorbehalten vorbeischummeln zum Wohlbefinden. Wir machen das jetzt genauso, nur angewandt auf den Autor Henning Heske und seine lesenswerten Gedichtbände. Darauf kommen wir schon noch. Weil es aber nun mal so ist, dass sich die Leute an Lyrik ja nicht gerade die Finger blutig blättern, trotz der seelenheilenden Wirkung, die es darin zu ertasten gibt. Daher nun als Schluckhilfe für den Anfang, zum Warmlesen, ein mehr oder weniger prosaisches Süßmittel: Fußball. Stadion, Schlachtgesänge, Leidenschaft. Das volle Programm.

"Der Ball hat kein Gedächtnis"

Heske, 51 Jahre alt, Mathematiklehrer an der Ernst-Barlach-Gesamtschule in Dinslaken, ist gebürtiger Düsseldorfer. Ihn rot-weiß-gestreift vor Augen, mit Trikot, Fanschal und Fanmütze, meint man außerdem: gebürtiger Fortuna-Düsseldorf-Anhänger. Mit der Rückkehr der Fortunen in den Profifußball im Jahr 2009 ging für Heske ein eigener Aufstieg einher. Seine bis dato ausschließlich im Internet veröffentlichten Fußballkolumnen erschienen als Buch mit dem Titel "In der Arena". Den zweiten Band "Der Ball hat kein Gedächtnis" hat er schon nachgelegt, der dritte ist in Arbeit.

Sein Ansatz: Um Saisonspiele von Fortuna Düsseldorf spinnt er ein Netz aus kulturellen und gesellschaftlichen Assoziationen, sozusagen als Beweis für die Liedzeile "Fußball ist unser Leben". Ein Beispiel aus "In der Arena": Ausgehend vom 1:2 verlorenen Heimspiel gegen Dynamo Dresden am 19\. März 2008 und der Überlegung, ob Fortuna mit Bullenkräften mehr hätte auszurichten vermocht, erinnert sich Heske an den (rasch abgebrochenen) Besuch eines Stierkampfs, die Ansicht von Picassos Corrida-Bildern in Münster und das vormalige Angebot des Energy-Drink-Herstellers "red bull", die Düsseldorfer zu sponsern. Oh ja, in Heskes Kolumnen regiert König Fußball auf jeden Fall die Welt. So mannigfaltig der Inhalt, so formenreich ist das Werksverzeichnis: Gedichte, Kinder- und Jugendbücher, Rezensionen und Aufsätze über Literatur und die Fußballkolumnen halt.

Erhebende Anerkennung: Von 2001 bis 2008 interpretierte Heske Gedichte für die "Frankfurter Anthologie" von Marcel Reich-Ranicki unter dem Dach der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Seine Bewerbung bildete ein Text über Goethes Gedicht "Auf dem See". Als acht Monate nach Postausgang aus Hessen Antwort kam, hatte Heske den Versuch längst als gescheitert abgehakt. Doch das Feuilleton schlug ein, und es wollte mehr. Fortan steuerte Heske also regelmäßig Lyrikanalysen zur berühmten Anthologie bei, so lange, erzählt er, bis er bei Reich-Ranicki mit seinem wiederholten Vorschlag, auch einmal jüngere, modernere Dichter zu berücksichtigen, zu oft auf Ablehnung gestoßen sei.

Doktorarbeit: Erdkunde zur NS-Zeit

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Vom einen radikalen Schnitt zum anderen, womit es Zeit für den Poeten Henning Heske ist. Nur noch rasch ein Rückblick auf Düsseldorfer Uni-Zeiten: Für seine Arbeit über den Erdkundeunterricht während des Nazi-Regimes bekam er den Titel des Dr. phil. verliehen. Schon richtig, von zentraler Relevanz für das Kapitel Dichtung ist dieser Hinweis nicht, sondern dieser: neben Geografie studierte Heske Mathematik und Germanistik. Als er nach amourösen und melancholischen Gedichten, die er im Alter von 20 Jahren zu schreiben begann, und ersten veröffentlichten Bänden nach seiner lyrischen Identität suchte, der nur ihm eigenen Stimme, kehrte er nach vierjähriger Schaffenspause mit dieser Erkenntnis zur Dichtkunst zurück: Im Spannungsfeld von Mathematik und Germanistik, von exakter Wissenschaft und Poesie hätten seine Verse zu entstehen.

Daraus hervorgegangen ist, zwischen den Jahren 2000 und 2010, eine Trilogie aus anregenden, herausfordernden Gedichten, zum großen Teil hermetisch mindestens auf den ersten Blick, voller Anspielungen, Querverweise und Bilder aus Natur und Wissenschaft, geschrieben, wie Heske erläutert, schon auch zwischen Nachschlagewerken. Und mit derlei Hilfe, muss man sagen, am besten auch zu lesen. Für seine Fußballbücher hat Heske beachtlichen Zuspruch erfahren, Lesungen führten ihn unter anderem in den Düsseldorfer Stern-Verlag. Die dünne Resonanz auf seine Lyrik-Trilogie dagegen hat ihn dermaßen stark enttäuscht, dass er Dinge sagt, wie: "Das Konzept hat sich erledigt", "ich habe damit abgeschlossen", "ich bin irgendwie leergeschrieben". Seit eineinhalb Jahren hat er kein Gedicht mehr verfasst.

Soll die Tochter kicken ?

Projekte stattdessen: Buchbesprechungen und Lyrikinterpretationen in einem Band zusammenfassen. Das dritte Fußballbuch herausbringen. Und den Fokus stärker auf die Kinder- und Jugendliteratur richten, was insbesondere mit seiner familiären Situation zusammenhängt. Henning Heske ist vor einem halben Jahr zum ersten Mal Vater geworden, hat sogleich ein Haus gebaut und lebt nun mit Ehefrau und Tochter in Krefeld. Vorher hatte er lange in Dinslaken gewohnt.

Ein fester Plan fürs Kind: Es soll, zu gegebener Zeit, einen Mannschaftssport ausüben. Frauenfußball? Skeptischer, sehr skeptischer Blick vom Fortuna-Fan. Den Gedanken, so wirkt es, wird man Henning Heske nicht versüßen können.

Info Alle Folgen der RP-Sommer-Serie unter www.rp-online.de/wesel

(RP)
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