1. NRW
  2. Städte
  3. Wesel

Wesel: Der Universal-Esel von Wesel

Wesel : Der Universal-Esel von Wesel

Heinrich Brincks steht seit 70 Jahren in der Bütt. Sein Spezialgebiet ist alles Eselige - und zurzeit auch Ampelige.

Heinrich Brincks hat gern eine Meinung. Die trägt er am liebsten in gereimter Form vor. Und zwar ganzjährig, wie viele wissen, weil der Weseler mit seinen Betrachtungen zu aktuellen Ungereimtheiten oft in der Leserbrief-Spalte unserer Zeitung vertreten war. Meist unbequem, aber immer mit einem Augenzwinkern. Dass er sich selbst auch zum Narren machen kann, beweist der Mann, der kurz vor seinem 88. Geburtstag steht, seit nunmehr sieben Jahrzehnten. Seit 1947/48 steht Brincks in der Bütt. Seit 30 Jahren tut er dies als "Esel von Wesel". So wundert es nicht, dass die jüngst bundesweite Aufmerksamkeit der Medien für das schon vor Monaten von der CDU angestoßene Thema Esel-Ampeln ihm gerade besonders gut passt. Ein schon vor einigen Jahren verfasstes und bislang unveröffentlichtes Gedicht hat er flugs umgestrickt. Jetzt passt es auf den neuen Ordensträger Guildo Horn und endet dann so: "In diesen narrenfrohen Tagen, zieht stets ein Esel unsren Wagen. Denn Karneval, das sag ich frei, ist eine große Eselei. Selbst der Verkehr ist hochbeglückt, weil bald der Esel Ampeln schmückt."

Ohne Esel geht bei Brincks nix. Für seine Büttenreden setzt sich das Urgestein des Weseler Karnevals immer eine Esel-Kappe aus Pappe auf. Die gab es auch mal in einer größeren Version, doch wurde diese vor Jahren ein Raub der Flammen. Seine Kolpingfamilie hatte ihm wegen des dunklen Standorts extra eine Kerze in die Bütt gestellt, damit er sein besser Manuskript besser lesen kann. Dem Leuchtmittel kam er zu nahe. Erst brannte das Papier in der Hand, dann die Pappe auf dem Kopf. "Luc Eben hat mich gerettet", sagt Heinrich Brincks dankbar.

Esel Brincks geht es immer um Wesel-Werbung. So freut es ihn, dass er unlängst früh morgens einen Anruf zum Ampel-Thema aus Düsseldorf bekam, als er die RP selbst noch gar nicht gelesen hatte. "Man sieht also, dass die Idee Fernwirkung hat", sagt Brincks.

Im Karneval war die Kolpingtruppe mal mit einem reinen Esel-Wagen unterwegs. Alle mit Esel-Köpfen, auch Sparkassen-Direktor Paul Jansen. Zwischendurch hatte auch mal Ansgar Borgmann den Part des Esels von Wesel übernommen, was Brincks überhaupt nicht störte. "Ich freue mich über jeden, der eine Büttenrede hält. Denn überall fehlt Nachwuchs", sagt er mit Sorge um die Zukunft des karnevalistischen Brauchtums. "Ich bin froh, dass wir nette junge Leute haben, die mitmischen."

Als Heinrich Brincks mit 17 oder 18 Jahren anfing ("Büttenredner sind keine Beamten und keine Statistiker"), da waren er und seine Mitstreiter ein lockerer Verbund in der katholischen Jugend und glücklich, dass sie "nicht mehr strammstehen mussten". Weseler Karnevalstreiben entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg erst peu à peu. Mitte der 60er Jahre, so erinnert sich der 87-Jährige, hatten sich Kolpingnarren mit Bürgerschützen zusammengetan, um den geplanten Bau des Steag-Kraftwerks Voerde aufs Korn zu nehmen. Kolping-Sternschuppen seien dabeigewesen, und das Fusternberger Tambourcops. "Einen Prinzen gab es da noch gar nicht."

Der Carnevals-Ausschuss Wesel (CAW) als Dachorganisation für alle Weseler Karnevalsvereine feierte im vergangenen Jahr sein 50-jähriges Bestehen. Das erste Weseler Prinzenpaar des CAW waren 1969 dann Luise I. Wolf und Prinz Wilfried I. Boekhorst. Den letzten Auftritt der Session haben die jeweiligen Tollitäten übrigens immer am Veilchendienstag bei Brincks und seiner Seniorengemeinschaft an St. Franziskus.

Und wenn gerade mal nicht Karnevalszeit ist, dann bleibt Heinrich Brincks doch von seiner Leidenschaft gefangen. Dann dichtet er, zeichnet den Esel in heimatlicher Umgebung oder plant den Bau des nächsten Wagens für den Rosenmontagszug. Denn auch für das Kolpingvehikel ist er schon eine gefühlte Ewigkeit zuständig. Ein Universal-Esel von Wesel eben.

(fws)