Niederrheinmuseum Wesel: Der Kosmos eines Klosterreliefs

Niederrheinmuseum Wesel: Der Kosmos eines Klosterreliefs

In einer neuen Serie "Schätze des Museums" stellen wir besondere Stücke vor, die in Wesel ausgestellt sind.

Niederrhein In der St. Vincentiuskirche zu Asperden, unweit von Goch, hat sich ein in seiner Komposition einzigartiges Kreuzigungsrelief aus Baumberger Sandstein erhalten, das ursprünglich zur Ausstattung des Zisterzienserinnen-Klosters Graefenthal gehörte.

Graf Otto II. von Geldern begründete das 1802 aufgelöste Kloster um das Jahr 1248. Die Landesherrn von Geldern und Kleve bedachten es vom Zeitpunkt der Stiftung an reichlich mit Schenkungen und Privilegien und mancher Angehöriger der geldrischen Dynastie fand hier seine letzte Ruhe. So auch Otto II., dessen monumentales Hochgrab früher seinen Platz in der 1808 zerstörten Abteikirche hatte und heute unter freiem Himmel steht.

Seit 1260 war Graefenthal der Zisterzienserabtei Kamp bei Rheinberg unterstellt. Der Abt von Kloster Kamp führte nun die Aufsicht über die Nonnen des neuen Konvents. Schon bald übertraf Graefenthal alle anderen Zisterzienserinnenklöster am Niederrhein an Mitgliedern und wohl auch an Besitz und Einkünften. Die Nonnen, die "Jufferen" (Jungfrauen), gehörten dem Adel an und kamen oft aus den ersten Familien des Landes. Trotz der strengen Zisterzienserregel, die zum Beispiel nur zwei spartanische fleischlose Mahlzeiten pro Tag erlaubte und einen Becher Wein oder Bier, gab es verschiedene Ausnahmen. Spender sorgten so an einzelnen Tagen bei den Klosterfrauen für reichhaltiger gedeckte Tische, die nun Fisch, Eier, Käse, Weißbrot und zusätzliche Weine zu bieten hatten. Glücklicherweise war man in Graefenthal nicht an die Abnahme des Weins von Kloster Kamp gebunden, von dem es hieß: "Vinum Campense non facit gaudia mense" - in freier Übertragung: "Kamper Wein macht bei Tisch nur Pein". Die "Jufferen" dagegen bezogen ihren Wein aus südlicheren Weingegenden: über die Zollstation in Düsseldorf.

Wer sich außerhalb des Klosters bei Eltern und Verwandten aufhielt, durfte seit Beginn des 15. Jahrhunderts sogar Fleisch zu sich nehmen und ab 1450 war den Nonnen auch die Annahme privater Vermächtnisse von Eltern und Verwandten gestattet. Kein Wunder, dass man sich bei dieser Flexibilität in Graefenthal lange Zeit keine Nachwuchssorgen machen musste.

Das Kreuzigungsrelief entstand um 1530, als andere Frauenklöster sich bereits im Stadium des Verfalls befanden. Nicht so Graefenthal, das als einziges von Kamp abhängiges Zisterzienserkloster am Niederrhein keiner Reform bedurfte. Den Geist tradierter Frömmigkeit verkörpert die Versammlung des gesamten Konvents links vom Kreuz, der sich mit gefalteten Händen in aufsteigender Linie Christus entgegenneigt, während der Erlöser seinerseits das Haupt den Nonnen zuneigt.

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Hier ist Grundlegendes ausgedrückt: der enge persönliche Christusbezug, die Liebe zu Christus, welche die Regel des hl. Benedikt durchziehen, die von den Zisterziensern übernommen wurde. Dass die Äbtissin als Stifterin dieses Reliefs mit ihrem Wappen am Fuß des Kreuzstamms erscheint, ist nicht ungewöhnlich, wohl aber, dass sie ihren ganzen Konvent in die Darstellung aufnimmt. Sollte es sich bei der Äbtissin um Beatrix von Honselaer (gest. 1536) handeln, was allgemein angenommen wird, so könnte sich hier ihre Stellung als Wohltäterin des Konvents ausdrücken. So stiftete die vermögende Äbtissin 1531 eine ganze Reihe von Renten für ihre "Jufferen", die sie für fromme Dienste und 45-jährige Zugehörigkeit zum Kloster erhielten. Das Erscheinen des gesamten Konvents auf dem Relief würde so auch das Verdienst der frommen Stifterin betonen.

Wandern wir mit unseren Blicken an den Reihen der 31 Schwestern (inkl. der Äbtissin) entlang, so fällt ihre unterschiedliche Bekleidung ins Auge: Acht von ihnen tragen nicht das weiße Ordensgewand der "Jufferen", der eigentlichen Nonnen oder Chorschwestern, die bis zu sieben Stunden täglich im Chor der Kirche bei überwiegend gesungenen Gebeten verbrachten. Das braune Gewand weist die acht Frauen als "Zusteren" (Schwestern) bzw. Laienschwestern aus, die in der Regel nicht von Adel waren. Statt der umfangreichen Chorgebete hatten sie überwiegend Handarbeiten zu verrichten. Zwar galt die Verpflichtung zur Handarbeit auch für die adligen Nonnen, so wie die Regel Benedikts es vorschreibt ("ora et labora": bete und arbeite), aber die sehr langen Chorgebete sorgten bald, wie auch in den Mönchsorden, für die Einführung eines eigenen Laienstandes. Obwohl Laienschwestern und Chorschwestern weitgehend voneinander getrennt lebten, tauchen sie im Relief sozusagen einträchtig vermischt auf. Die rechte Seite des Reliefs zeigt die "drei Marien unter dem Kreuz":

Maria Magdalena, die den Kreuzesstamm umklammert, dann die in ihrem Leid zusammengebrochene Gottesmutter, gehalten von ihrer Schwester gleichen Namens und vom Jünger Johannes. Rechts oben bildet eine zerklüftete Wald- und Berglandschaft den Hintergrund für eine alttestamentarische Szene: die im letzten Moment noch verhinderte Opferung Isaaks durch seinen Vater Abraham. Das Mittelalter sah hier einen symbolischen Verweis auf die Kreuzigung Christi. Sehr leicht ist eine kleine Gestalt zu übersehen, etwa auf der Höhe Abrahams auf der rechten Bildhälfte. Zum Teil durch den Kreuzesstamm verdeckt, geht sie mit langen Schritten, mit einem Arbeitsgerät über der Schulter, über einen imaginären Acker. Unser Landmann ist mit seiner zweifarbigen Hose durchaus modisch gekleidet, also beileibe keine bäuerliche Elendsgestalt. Frank und frei schreitet er hier einem auf dem Felde liegenden floralen Kreuz entgegen.

Diese idealisierende Darstellung mag sich auf die Vielzahl der vom Kloster abhängigen Landleute beziehen. Hier schließt sich das harmonisierende Gesellschaftsbild des Reliefs, das über Chor- und Laienschwestern auch die Landbevölkerung miteinbezieht. Bezogen auf die Anfänge des um 1100 gegründeten Zisterzienserordens deutet unser fröhlich über das Feld marschierende Landmann schließlich die Umbewertung des Arbeitsbegriffes an, die durch den Orden eine besondere Schubkraft erhielt. Bäuerliche Arbeit erschien nun nicht mehr in negativem Licht: als Strafe für den Sündenfall Adams, der auf dem "verfluchten" Acker sein Tagwerk zu verrichten hatte, sondern war bei den arbeitenden Mönchen zum gottgefälligen Werk unter dem Kreuz geworden.

DER AUTOR IST DER DIREKTOR DES NIEDERRHEIN MUSEUMS IN WESEL.

(RP)
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