Wesel: Der jüngste Abgeordnete im Bundestag

Wesel: Der jüngste Abgeordnete im Bundestag

Roman Müller-Böhm (25) ist FDP-Bundestagsabgeordneter für den Dinslakener Wahlkreis Oberhausen-Wesel III. Wie meistert ein so junger Politiker seinen Arbeitsalltag, was bewegt ihn politisch? Ein Besuch in Berlin.

Roman Müller-Böhm macht sich erst auf den Weg, als die schrille Klingel zum zweiten Mal ertönt. Er nimmt die Aktentasche, tippt eine Nachricht ins Handy und geht los. Es ist ein Mittwoch, kurz vor 13 Uhr. In wenigen Minuten beginnt die 16. Plenarsitzung des 19. Deutschen Bundestages. Roman Müller-Böhm, FDP, 25 Jahre alt, aufgewachsen in Mülheim an der Ruhr, ist der jüngste von 709 Abgeordneten. Aus der Ruhe bringen lässt er sich davon nicht.

Dabei hätte er durchaus Grund dazu. Jeden Tag erreichen sein Büro hunderte Nachrichten, er ist Obmann seiner Partei in den Ausschüssen für Recht und Tourismus und zum ersten Plenum am 24. Oktober begleiteten ihn mehrere Medienteams. Eigentlich wollte er in diesen Tagen mit dem Jura-Referendariat anfangen, jetzt ist er Volksvertreter. An die exponierte Rolle muss er sich noch gewöhnen: "Ich muss immer Rede und Antwort stehen, zu eigentlich allem."

In der heutigen Plenarsitzung hat er allerdings seine Ruhe. An der Fragestunde an die Bundesregierung, die sich bis auf Umweltministerin Barbara Hendricks von Staatssekretären vertreten lässt, beteiligt er sich nicht. Stattdessen sitzt er auf einem Platz in der vierten Reihe der Fraktion und hört zu. Nach einer Stunde muss er weg: Es steht ein Vorgespräch zur Sitzung des Tourismus-Ausschusses an. Feste Sitzplätze gibt es bei der FDP nicht. Wer spricht, sitzt vorne neben den Vorsitzenden, der Rest verteilt sich.

Vier Minuten Redezeit

Erst vor wenigen Tagen saß Müller-Böhm auf den vorderen Plätzen: Die erste Rede im Bundestag stand an. "Vorher denkt man viel darüber nach, in der Situation selbst war ich dann ganz ruhig." Nervenkitzel? Fehlanzeige. Den Moment werde er dennoch nie vergessen. Dabei gehört das Thema eigentlich nicht zu seinen Spezialgebieten: Widerrufsfristen bei Handwerkerdienstleistungen. Aber als Rechtsausschuss-Obmann war er an der Reihe. Gemeinsam mit seinem Team wurde die knapp vierminütige Rede ausgearbeitet: Recherche, Schreiben, Vortragen, Korrekturen.

Auch für Müller-Böhms Mitarbeiter eine neue Erfahrung. Sie verfolgten die Rede von der Tribüne des Plenarsaals aus. "Ich war extrem nervös", sagt Yannick Tubes, der für Pressearbeit und Social Media zuständig ist und am Redentext mitgeschrieben hat. Er lud anschließend ein Video der Rede bei Facebook hoch. Dort kann jeder Müller-Böhms Aktivitäten in Bundestag und Wahlkreis verfolgen, mit Fotos, kurzen Eindrücken und dem wöchentlichen Format "Berlin in einer Minute". Darin bespricht der junge Abgeordnete die Themen der Woche. Das Redenvideo wurde vielfach kommentiert - nicht alle Kommentare sind angenehm, teilweise gehen sie sogar in Beleidigungen über. Doch gelöscht wird eigentlich nichts, auf fast jeden Kommentar gibt es - wie auch auf jede Mail - eine Rückmeldung. Viel Arbeit sei das, sagt Tubes, im Sinne der Transparenz aber nötig.

Der 22-Jährige arbeitet neben Marc Hövermann (34), Markus Schulz (25) und Teresa Widlok (28) für Müller-Böhm. Ein junges Team, ganz bewusst. Juristin Widlok ist für den wissenschaftlichen Teil der Arbeit zuständig, Tubes für die Pressearbeit, Schulz ist persönlicher Assistent, Hövermann hält als Büroleiter alles zusammen. Immer wieder werden die Rollen gemischt. Für den Abgeordneten war auch die Chefposition neu: "Ich musste lernen, mich vollkommen auf die Anreichungen anderer zu verlassen." Im Studium habe er immer alles von A bis Z selbst recherchiert - dazu sei aber schlicht keine Zeit mehr und das Themenspektrum viel zu breit.

Bei den Mitarbeitern zählte Sympathie

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Seinen Mitarbeitern muss er vertrauen, deshalb war für die Auswahl der persönliche Bezug besonders wichtig. Dazu kommt: Das Team verbringt sehr viel Zeit miteinander. Der Kalender ist in einer Sitzungswoche wie dieser mit rund 50 Terminen voll - und von allen einsehbar. "Jeder weiß genau, wann ich wo bin. Eine Privatsphäre habe ich eigentlich kaum noch", sagt Müller-Böhm und schüttelt leicht den Kopf. Auch die Termine im Wahlkreis und Privates wie Familienbesuche werden dort eingeblockt..

Auch für sein Team ist noch vieles ungewohnt. Zum Beispiel, dass man im Bundestag "gefühlt alles" faxt, erzählt Tubes, der zu den jüngsten Festangestellten im Bundestag gehört. Vorher saß er im Vorstand der Jungen Liberalen in NRW. Hövermann hat zuvor in einem FDP-Wahlkreisbüro gearbeitet. Neu für ihn ist vor allem das strenge Protokoll. In einem Buch ist alles geregelt - von den Büromöbeln bis zur Briefstruktur. "Immerhin ist für alle alles gleich: Entscheidungswege, Strukturen, Bürokratie", sagt Hövermann. Ob man für einen alteingesessenen Parlamentarier arbeite oder für den jüngsten Abgeordneten, mache keinen Unterschied.

Den Weg durch die verschiedenen Häuser des Bundestages findet das junge Team mittlerweile sicher. Dabei wird dem Besucher alles detailliert erklärt, oft mit kleinen Anekdoten garniert. Ins Abgeordneten-Restaurant darf auch das Team nur mit Müller-Böhm gemeinsam hinein. "Es ist schon cool, Politpromis in der Essensschlange zu begegnen - aber eigentlich sind die alle ganz normal." Freigelegte Mauersteine im Inneren, auf denen sowjetische Soldaten nach der Befreiung Berlins Graffiti hinterließen. "Da erkennt man sogar das Datum, 21. Mai 1945. Das ist wirklich gut gemacht." Ein kleiner Garten im Hinterhof, in dem Steine die Worte "Der Bevölkerung" (analog zu "Dem Deutschen Volke" auf der Reichstagsfassade) bilden. "Hier verstreut jeder Abgeordnete etwas Erde oder Samen aus seinem Wahlkreis." Bei Müller-Böhm steht das noch aus. In der kommenden Woche kommt der erste Besuch aus Oberhausen-Wesel III.

Bald steht der Umzug nach Oberhausen an

Seine Heimat ist das eigentlich nicht. Geboren ist er in Essen, aufgewachsen in Mülheim an der Ruhr. Hier leben Familie und Freunde. Die sieht Müller-Böhm nun seltener. Die Beziehung zu ihnen sei aber immer noch eng. "Ich habe ihnen gesagt: Wenn ich mich verändere, sollen sie sich melden." In Mülheim machte er 2012 Abitur, studierte anschließend Jura in Bochum. Bei der FDP engagiert er sich seit 2009. 2010 wurde er zum Jugendstadtrat gewählt, 2014 dann in den NRW-Landesvorstand der Julis. Als ihr Spitzenkandidat zog er auf Platz 16 der NRW-Landesliste in den Bundestag ein. Sein Wahlkreis ist ihm dennoch wichtig. Demnächst zieht er von Mülheim nach Oberhausen um, ist dort erst vor kurzem zum FDP-Vorsitzenden gewählt worden.

Neben den Themen aus dem Wahlkreis hat Müller-Böhm zwei "Herzensthemen", wie er sagt. Das erste ist Digitalisierung. Der Glasfaserausbau müsse schneller vorangehen, zudem fordert er digitalisierte Behörden: "Für einzelne Dokumente sollte man nicht anstehen müssen." Ein klassisches FDP-Thema - anders als der zweite Bereich Landwirtschaft und Umwelt. Doch Müller-Böhm sagt: "Als Teil der jungen Generation mache ich mir große Sorgen um den Klimawandel." Da müsse man gegenarbeiten, etwa, indem man weniger Plastik verbrauche. Als Vegetarier setzt er sich zudem gegen Massentierhaltung und zu hohen Fleischverbrauch ein: "Es ist bedenklich, ein ganzes Tier aufzuziehen, um dann nur Teile davon zu verzehren." Seine Lösung: In-Vitro-Fleisch. Schließlich will er niemandem etwas verbieten.

So weit ist die Kantine im Bundestag noch nicht. Immerhin gibt es vegetarische Lasagne, dazu für ihn Cola light. Nach dem Tourismus-Ausschuss steht ein "Berlin in einer Minute"-Dreh an, danach geht es weiter zu einer Veranstaltung eines Dinslakener Unternehmens. Während des Essens versucht er, nicht auf sein Smartphone zu schauen. Noch bevor er fertig ist, ruft die Klingel zur Sitzung. Während sich die anderen Tische leeren, bleibt Roman Müller-Böhm noch ein paar Minuten sitzen. Erst beim zweiten Klingeln steht er auf. Mit 25 hat man schließlich alle Zeit der Welt.

(kess)