Kommentar Wie Geht's, Wesel?: Der Bauverein, die Liebe und das Kreiswehrersatzamt

Kommentar Wie Geht's, Wesel?: Der Bauverein, die Liebe und das Kreiswehrersatzamt

Chefin einer städtischen Immobilienfirma verliebt sich in einen Österreicher aus der Baubranche. Im ZDF enden solche Romanzen mit einem Rückzug in die Berge. In der Weseler Variante wird man vor Gericht landen.

Er heißt zwar Bauverein, dennoch hat man das Gefühl, als ob die Protagonisten dort derzeit mit der Abrissbirne unterwegs sind. Erst der Streit um die sogenannten kritischen Aktionäre, immer wieder Postengeschacher, und nun der Rausschmiss der Chefin. Die Bauverein Wesel AG ist spätestens jetzt Wesels Skandalbude: Und es wirkt fast wie ein Treppenwitz in dieser Geschichte, dass Anett Leuchtmann als ehemalige Chefin in dieser Woche ausgerechnet über eine Liebesaffäre stolperte. Wenn es doch eines in diesem Verein in den vergangenen Jahren zu wenig gab, so denkt man, dann war es: Liebe.

Eigentlich ist es Stoff für eine Sonntagabendromanze im ZDF: Aus der ehemaligen DDR stammende Chefin eines großen Immobilienunternehmens verliebt sich in einen Österreicher, der leider ebenfalls in der Immobilienbranche tätig ist und mit dem Unternehmen seiner neuen Freundin Geschäfte macht. Da sind zwei, die nicht zusammen dürfen. Beide ringen und hadern. Wie umgehen mit dieser Liebe, die keine sein darf? Im Zweiten Deutschen Fernsehen würde der Film so enden, dass beide ihren Job an den Nagel hängen und in den österreichischen Bergen glücklich werden.

In der Weseler Variante dieser Schmonzette ist es, wenn man den Stimmen aus dem politischen Raum glauben darf, anders gelaufen: Zwar hat Leuchtmann eingeräumt, privat mit dem Österreicher Hermann Hofmeister liiert zu sein. Die Politik soll sie dann aufgefordert haben, dass Hofmeister seine Tätigkeiten für das Bauprojekt auf dem Areal des Ex-Kreiswehr-Ersatzamtes beendet. Leuchtmann soll dann aber weiter Geschäfte mit ihrem Partner gemacht haben. Ohne, so wird weiter erzählt, dass darüber schriftliche Belege existieren. Darüber ist es zum Streit gekommen. Und aus diesem Grund sollen die Bauarbeiten an der Kreuzstraße seit längerem ruhen. Nun wird es wohl zu einem Gerichtsprozess kommen. Leuchtmann bestreitet die Vorwürfe nämlich vehement. Einstweilen muss sie auf rund 80.000 Euro Gehalt verzichten, die sie noch bis Ende Juli, wenn ihr Vertrag eigentlich ausgelaufen wäre, kassiert hätte. Auch Dienstwagen und Firmenhandy hat sie nicht mehr, weshalb ihr Draht zu Wesel abgerissen ist.

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Den Ausgang dieses öffentlichen Prozesses darf man mit Spannung erwarten. War die Politik gut beraten, die Frau zu feuern? Hätte es nicht Chancen gegeben, diesen Konflikt stillschweigender zu lösen? Schaden nämlich nimmt in diesem Konflikt am Ende vor allem die Stadt mit ihrem Tochterunternehmen. Deshalb braucht der Bauverein schnell eine strukturierte Führung, es muss Transparenz einkehren.

Was beweist dieser Fall noch? In dieser Woche sprachen wir mit dem Geschäftsführer eines großen städtischen Unternehmens in der Region. Mit einer Minderheitenbeteiligung ist dort auch die Privatwirtschaft vertreten. Der Chef berichtet, dass durch die alleinige Anwesenheit der Privatwirtschaft bei Gremiensitzungen eine neue Kultur eingekehrt sei, das Unternehmen wirtschaftlicher agieren könne. Wir haben bei diesem Satz an den städtischen Weseler Bauverein gedacht. Die Art von öffentlich-privater Partnerschaft, die die Bauvereinschefin praktizierte, war ganz offenbar nicht im Sinne des Unternehmens.

Sebastian Peters

(RP)