Debatte in Wesel um Kies-Gebiete im neuen Regionalplan

Podiumsveranstaltung in Wesel: Regionalplan: Debatte um den Kies

Mit einer Informationsveranstaltung in Wesel machte der Kreisverband der Grünen Stimmung für einen Ausstieg aus der Kiesbaggerei.

Das Thema Kies polarisiert am Niederrhein wie kaum ein zweites. Anwohner von Abgrabungsbereichen, Bürgerinitiativen, Naturschutzverbände und Kommunen haben durchaus unterschiedliche Meinungen zu dem, was Mittelbehörden als Flächen für die Gewinnung von oberflächennahen Bodenschätzen wie Kies und Sand festsetzen. Ende Februar läuft die Frist für Einwendungen zum neuen Regionalplan des RVR ab. Damit werden auch die Abgrabungsbereiche für die nächsten 25 Jahre festgelegt. Mit einer Informationsveranstaltung in Wesel machte der Kreisverband der Grünen Stimmung für einen Ausstieg aus einer immerwährenden Baggerei. Etwa 150 bis 200 Menschen drängten sich bei der Podiumsveranstaltung am Montagabend im Parkettsaal der Niederrheinhalle. Den schwersten Stand – trotz grünen Parteibuchs – hatte gleich zu Beginn Martin Tönnes, Planungsbeigeordneter des Regionalverbandes Ruhr (RVR).


Was sagen die Vorgaben?

Tönnes erläuterte den Zwang, über das Bundesraumordnungsgesetz und heruntergebrochen auf die regionale Raumordnung, Standorte für die Kiesgewinnung sichern müssen. Dabei bewege er sich „in einem gesetzlichen Korsett“. Bei einer durchschnittlichen Fördermenge von 8,4 Millionen Tonnen im Jahr sei ein Flächenverbrauch von 55 Hektor pro Jahr zu berücksichtigen. Grundlage ist der Bedarf der Kiesindustrie. Betroffen sind fast alle Kreiskommunen: Hamminkeln-Lankern, Wesel-Bislich, Wesel-Obrighoven, Sonsbeck, Alpen-Bönninghardt, Rheinberg, Kamp-Lintfort, Neukirchen-Vluyn, Hünxe und Schermbeck. Soll eine für Abgrabungen vorgesehene Fläche doch nicht angepackt werden, muss dafür Ersatz gefunden werden.


Was sagen die Kritiker?

Aus dem Publikum gab es zahlreiche Fragen und viel Unmut. Nicht nachvollziehen konnten Kritiker, dass allein die Kiesindustrie definiert, was „bedarfsgerechte Versorgung“ ist. Ebenso zweifelten Gäste an der Aussage, dass die Export-Mengen (bevorzugt in die Niederlande) nicht beziffert werden können. „Wir können nicht die ganze Welt versorgen“, sagte eine Besucherin , die mit Hinweisen auf einen „rasanten Flächenverbrauch“ und bedenkliche Eingriffe in den hydrogeologischen Grundkörper weitere Sorgen der Kritiker zusammenfasste. Ein Besucher aus der Bönninghardt fragte besorgt: „Haben wir überhaupt noch Chancen?“ Planer Tönnes riet allen, sich mit Wünschen nach einer Änderung der Vorgaben oder dem Umgang mit Kies überhaupt an die Politik zu wenden. Zum Beispiel an die Landtagsabgeordneten.


Was sagt die Politik?

Als Fürsprecher solcher Ansinnen klagte als zweiter Referent Hubert Kück, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Kreistag, über „Profitgier der Kiesbarone“, ging mit den Haltungen besonders der FDP, aber auch der CDU und SPD hart ins Gericht und bezeichnete die aktuelle Situationen als einen „Teufelskreis“, wenn auf ewig die Nachfrage nach Kies planerisch erfüllt werden müsse. Auch Trinkwasser sei ein Allgemeingut und ein wichtiges Lebensmittel, das es zu schützen gelte. Er sprach von „riesigen Wunden“ in der Landschaft, ungeschützten offenen Wasserflächen und machte sich Sorgen auch um „gesunden Mutterboden“ und die darauf erzeugten Nahrungsmittel. Hubert Kück forderte am Ende ein Umdenken und Schritte zu einer Abkehr von der Kiesgewinnung. Er wandte sich gegen ein Verramschen des Rohstoffs. An einer angemessenen Lastenverteilung seien auch die Niederlande als Importnation deutschen Kieses zu beteiligen. Kücks Parteifreundin Helga Franzkowiak empfahl dem Weseler Unternehmen Hülskens, sich statt weiterer Abgrabungen mehr auf das Geschäftsfeld Wasserbau zu konzentrieren.

Was sagt die Industrie?

Als Vertreter der Kiesunternehmen waren unter anderem Christian Strunk (Hülskens) und Michael Hüging-Holemans (Holemans-Gruppe) unter den Gästen. Man decke „nur notwendige Bedarfe“, sagte er. Besonders für Transportbeton. Das Material werde für Windräder ebenso benötigt wie für Brücken. Überdies habe sich die „Gesamtmenge um viele Millionen Tonnen verringert“. Zu Exporten in die Niederlande sagte Strunk, man befinde sich mit den Nachbarn, deren eigene Kiese „oft von schlechter Qualität“ seien, „in einem Lebensraum“. Darüber hinaus gebe es keine Exporte und es werde auch nichts verramscht.


Was sagen die Umweltschützer?

Nachdem Holger Sticht vom BUND-Landesvorstand wegen Erkrankung kurzfristig abgesagt hatte, hatte der Alpener Christian Chwallek vom Nabu-Landesvorstand als dritter und letzter Referent des Abends die Lücke auf dem Podium gefüllt. Er stellte die internationale Bedeutung der Region als Feuchtgebiet für den Vogelschutz vor. Von dessen 26.0000 Hektar seien allein 6000 von Abgrabungen betroffen. Er erinnerte an den Niederrhein-Appell gegen Kies-Raubbau aus dem Jahr 2008, den auch breite Teile der Politik mitgetragen hatten und forderte Bürgschaften der Verursacher für Ewigkeitsschäden. Moderatorin Petra Schmidt-Niersmann, Sprecherin des Kreisverbandes der Grünen, kündigte an, dass es eine Folgeveranstaltung geben werde. Thema wird sein: Was kann man tun, um die Kiesgewinnung auslaufen zu lassen?

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