Wesel: Das System Hovest

Wesel: Das System Hovest

Die SPD-Mitglieder haben mehrheitlich für die Groko votiert - in Wesel hat der SPD-Parteichef dafür gekämpft. Und gewonnen.

Es war eine Szene, wie sie typisch ist für diesen Politiker, der mehr als jeder andere in Wesel als Machtmensch gilt, als einer, der seine Interessen zur Not auch durchboxen kann. Nach der SPD-Parteidiskussion zur Großen Koalition war es, die Position der Groko-Kritiker sah der Weseler SPD-Chef Ludger Hovest (67) in der öffentlichen Wahrnehmung zu sehr gewürdigt, die der Befürworter hingegen nicht hinreichend beleuchtet.

In einer Pressekonferenz versuchte Hovest also das Ruder herumzureißen. Er trat dort so auf, wie man das in Wesel seit Jahrzehnten von diesem Mann gewohnt ist. Das System Hovest - es basiert auf einer Mischung aus Basisnähe, Machtdemonstration und einer schnoddrigen Schnauze. In Wesel hat er damit nicht nur Freunde gewonnen, doch das Migliedervotum vom Wochenende beweist: Die künftigen SPD-Bundesminister werden sich bei Provinzfürsten wie Hovest bedanken müssen, dass die SPD noch einmal in die große Koalition hat gehen können.

Für gewöhnlich finden Hovest-Pressekonferenzen im Weseler Rathaus statt, doch diesmal war es ein Raum, der noch viel sozialdemokratisierter ist: In Bahnhofsnähe liegt das SPD-Parteibüro, man übertreibt nicht, wenn man das Ambiente als spartanisch beschreibt: 70er-Jahre-Möbel, Raufaser, das Kennwort der Fritzbox für den Internetzugang provisorisch an einen Schrank geklebt. Dort empfing Ludger Hovest mit einigen seiner Parteimitglieder, um die Deutungshoheit über die Weseler SPD und ihre Position zur großen Koalition auf Bundesebene zurückzuerlangen. "Ich finde das nicht in Ordnung", sagte Hovest - und wenn er "in Ordnung" sagt, dann klingt das aus dem Mund eines geborenen Münsteraners eben westfälisch, das O immer einen Tick zu lang für einen Rheinländer. Hovest wollte betonen, dass in Wesel die Groko-Befürworter in der Überzahl sind. Und wie es ist, wenn Machtmenschen ihre Macht in Gefahr sehen: Sie scharen Getreue um sich. SPD-Bürgermeisterin Ulrike Westkamp saß da, Vorstandsmitglied Ulla Hornemann, einige weitere SPD-Parteimitglieder, und dazu ein junger Mann, der das Zeug hat, in Ludger Hovests Fußstapfen zu treten: Patrick te Paß aus Flüren.

Gemeinsam beteuerte diese Runde, dass die Kritiker doch tatsächlich nur einen verschwindend geringen Anteil an SPD-Mitgliedern hätten. Retrospektiv muss man mit Blick auf die Weseler Pressekonferenz einräumen: Hovest hat Recht behalten. 66 Prozent Zustimmung auf Bundesebene für die Groko. Ludger Hovest glaubt, dass in Wesel die Zustimmung sogar noch größer war. Herausfinden wird man das nicht. Die SPD-Bundeszentrale teilte auf Anfrage mit, dass die Zahlen nicht stadtscharf aufgeschlüsselt würden.

Ludger "Ludgerus" Hovest - der ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete, gelernter Chemielaborant, ist auch mit 67 Jahren noch Politiker durch und durch, Stratege, Fuchs, alter Hase. Seit 1970 ist er SPD-Mitglied, damals hieß der Vorsitzende noch Willy Brandt. Seit 1986 ist er SPD-Fraktionsvorsitzender in Wesel, also seit 32 Jahren. Vom Typen her ist er vergleichbar mit Altkanzler Schröder. Er agiert wirtschaftsnah, manchmal tritt er fast wie ein Lobbyist für die Kiesindustrie auf. Ähnlich wie Schröder hat Hovest auch eine Verbindung zu Russland - Hovest ist als Philatelist Prüfer für sowjetische und russische Briefmarken.

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Das System Hovest funktioniert so: Ein Freund-Feind-Schema erstellen, den Feind genau beobachten, immer wieder auch mal verbal draufhauen, dabei stets die Contenance bewahren, und immer betonen, dass das alles doch zum Wohle Wesels geschehe. Und der SPD-interne Frieden? Bei der Pressekonferenz ließ ein Satz besonders aufhorchen, der auch jetzt noch, da die Abstimmung Geschichte ist, nachhallt: Es ging da um den SPD-Ratsherren Hilmar Schulz (35) als Vertreter des linken Lagers. Angesichts dessen Anti-Groko-Kurses sagte Hovest: "Ich werde ihn bekämpfen." Man zuckte kurz zusammen bei diesem Satz, der aber so viel aussagt über das System Hovest, das da lautet: Notfalls auch einen Parteifreund über die Klinge springen lassen.

Hovest kann charmant sein. Wenn er einen Menschen schätzt, könne er ihn dies spüren lassen, berichten Genossen. Hovest hat, trotz aller Konflikte, die SPD in Wesel in den vergangenen Jahren zusammengehalten - solch eine Parteiräson hätte sich die CDU gewünscht. Doch nun gibt es auch in der SPD Wesel eine Frage, die die Mitgliederschaft in zwei Lager geteilt hat. Man ahnt: So lange alte Recken wie Hovest an der Macht sind, wird dieser Keil nicht ganz verschwinden.

Wann, so fragt sich mancher etwa in der Weseler CDU, tritt Ludger Hovest als SPD-Fraktionschef ab? Wann wird er sich komplett seinem Hobby Briefmarkensammeln widmen können? Hovest hat, wenn sein Abtritt zur Sprache kommt, einen Standardsatz parat, den er auch bei der Pressekonferenz jüngst wieder angebracht hat. "Eines kann ich ihnen sagen: Mein Nachfolger ist schon geboren." Wer wird dies sein? Hovests Widersacher Schulz, der die Weseler SPD gerade auf links umzukrempeln versucht? Oder kommt es ganz anders?

Es war mindestens auffällig, dass der Flürener Patrick te Paß als einziger junger Vertreter bei der Pressekonferenz eingeladen war - und als einziger, der die Groko nicht ausnahmslos bejubelte, sondern mit einer differenzierten Positionierung durchaus Skepsis an den Tag legte. Auch daran erkennt man einen Strategen wie Hovest: Er merkt rechtzeitig, wann sich der Wind dreht. Das System Hovest impliziert offenbar auch, die sanften Widersacher zu umarmen. Gemessen daran muss sich Patrick te Paß ziemlich gedrückt gefühlt haben.

(RP)