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Corona-Krise: Kinder- und Jugendpsychiatrie Wesel besonders gefordert

Interview mit Stephanie Bosserhoff vom Weseler SPZ : „Machen uns Sorgen um junge Patienten“

Kontakt halten trotz Kontaktsperre: Das Sozialpädiatrische Zentrum Wesel (SPZ) ist jetzt besonders gefordert.

Die mit der Corona-Krise verbundene Kontaktsperre hebelt besonders jene aus, die auf regelmäßigen Kontakt dringend angewiesen sind. Am Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) des Marien-Hospitals Wesel sind das Hunderte junge Patienten. Wir sprachen mit Chefärztin Stephanie Boßerhoff (52) über die Folgen der Beschränkungen und die Versuche, die Versorgung und Behandlung weiterhin zu gewährleisten.

Seit wann gelten die Beschränkungen für Ihr Haus und welche Abteilungen des Kinderzentrums sind davon betroffen?

STEPHANIE BOSSERHOFF Seit dem 14. März sind alle Abteilungen geschlossen. Das betrifft das SPZ, die Interdisziplinären Frühförderstellen sowie die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit der Tagesklinik.

Was bedeutet das in Zahlen? Welche Altersgruppen und räumlichen Gebiete decken Sie ab?

BOSSERHOFF Die beiden Frühförderstellen bei uns an der Breslauer Straße in Wesel und in der Außenstelle Rheinberg betreuen etwa 230 Patienten im Alter bis sechs Jahren. Das Sozialpädiatrische Zentrum mit der Außenstelle in Emmerich deckt auch die angrenzenden Kreise mit ab. Hier werden pro Jahr rund 2500 Patienten bis 18 Jahre behandelt. Allein in der ersten Woche der Beschränkungen mussten wir hier 340 Termine absagen. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie wurden 14 junge Leute aus der Tagesklinik entlassen. Auch die Ambulanz hat rund 70 Termine pro Woche abgesagt.

Sie haben es mit einer sehr sensiblen, mitunter auch in schwierigen Verhältnissen lebenden Klientel zu tun. Da ist es sicher wichtig, gerade unter den aktuell belastenden Bedingungen Hilfe zu leisten. Wie machen Sie das?

BOSSERHOFF Wir haben zunächst ein System aufgebaut, um telefonisch mit den Patienten regelmäßig Kontakt zu halten. Alle Familien, die Termine im SPZ und in der Institutsambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie hatten, sind angerufen worden, häufig mit ausführlichen Beratungen. In einigen dringenden Fällen wie bei Kindern mit Krampfanfällen oder Jugendlichen mit schwerwiegenden psychischen Störungen konnten wir auch eine Betreuung vor Ort möglich machen. Die Kolleginnen der Frühförderstelle haben bei Kindern mit schweren Behinderungen Hausbesuche unter entsprechenden Vorgaben unserer Hygieneabteilung angeboten. Leider fehlt den Patienten auch die Unterstützung der Netzwerkpartner.

Was meinen Sie damit?

BOSSERHOFF In allen Abteilungen betreuen wir Kinder und Jugendliche, die in belasteten Familiensystemen leben. Die Eltern kämpfen gegen Armut, eigene psychische Belastung oder sind alleinerziehend. Wir machen uns Sorgen um die jungen Patienten, die manchmal am Rande der Kindeswohlgefährdung leben. Sie werden normalerweise gut aufgefangen durch die Betreuung in Kitas, Schulen oder Einrichtungen der Jugendhilfe. Da alle geschlossen sind, fällt das jetzt weg.

Wie gleichen Sie das jetzt aus?

BOSSERHOFF Auf verschiedenen Ebenen haben wir Gegenmaßnahmen ergriffen. Zum einen melden wir uns aktiv bei Familien, um die wir uns Sorgen machen. In der Frühförderstelle z. B. hält dazu jeder Therapeut regelmäßig Kontakt zu 20 bis 25 Familien. Die Kollegen der Kinder- und Jugendpsychiatrie sind direkt im Gespräch mit den Jugendlichen. Wir geben Eltern auf unserer Internetseite aber auch Beratung und Tipps. Zum Beispiel zum Einhalten einer Tagesstruktur, zu Spielen und zur Hilfe bei den Hausaufgaben.

Daneben gibt es noch eine zweite Ebene mit unseren Netzwerkpartnern. Dazu gehören der allgemeine soziale Dienst des Jugendamtes, die Beratungsstellen z. B. der Caritas, die Schulen und die Kindergärten. Das Jugendamt hat auf der städtischen Internetseite dazu Beratungsangebote unter dem Stichwort Corona eingestellt. Wir haben die Netzwerkpartner schriftlich und persönlich gebeten, Familien, um die sie sich Sorgen machen, gerne aktiv darauf hinzuweisen, dass wir für die Kinder und Jugendlichen, die bei uns in der Behandlung sind, jederzeit ansprechbar sind.

Wie geht es jetzt weiter?

BOSSERHOFF Wir haben in der vergangenen Woche für jede einzelne Abteilung festgelegt, wie es unter welchen hygienischen Bedingungen nach den Osterferien weitergehen kann. Einige Termine können wir weiterhin telefonisch durchführen, bei anderen kommt es darauf an, Patienten unbedingt zu sehen. Im Augenblick sind wir auch dabei, die Tagesklinik technisch und hygienisch nach den Vorschriften so herzurichten, dass sie besucht werden kann. Auch die anderen Bereiche werden entsprechend umgestaltet. Wir tun alles, was möglich ist, um die Patienten, um die wir uns die meisten Sorgen machen, betreuen zu können.

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