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Bundestagswahl 2021: Der Wahlgang ist keine Raketenwissenschaft

Kommentar zur Bundestagswahl : Wählen ist keine Raketenwissenschaft

Der Wahlkampf war diffus, kleinlich, aber alles andere als öde. Man sollte sich als Wähler allerdings bloß nicht mürbe machen lassen, von all den Taktikempfehlungen. Manchmal entsteht der Eindruck, dass der Wahlgang kompliziert ist. Doch das ist ziemlich falsch.

An dieser Stelle möchte ich jetzt und für Sie gänzlich überraschend und exklusiv ein Geständnis ablegen: Ich finde Wahlkampf großartig. Bundestagswahlen finden meistens im Herbst statt, Landtagswahlen im Frühling. Das sind die Zeiten des Übergangs, wenn die Blätter von den Bäumen fallen. Oder sich die ersten Knospen bilden. Die Politik fügt sich in die Jahreszeiten ein. Regierungen verwelken oder erblühen.

Aber das ist nicht der Hauptgrund für meine Leidenschaft. Wahlkampf ist Bratwurst essen, in die Fußgängerzone gehen, an Haustüren klingeln. Wahlkampf ist Reden halten auf dem Marktplatz, Plakate studieren (schön, verunglückt, sinnfrei, genial?). Wahlkampf ist Konfrontation, Auseinandersetzung, Debatte. Auf einmal sprechen die Menschen am Frühstückstisch, in der Bahn, auf dem Fußballplatz über Politik. Was für ein Fest!

Wahlkampf ist aber auch die Begegnung zweier Welten. Manche Politiker, die es sich in der Berliner Blase gemütlich gemacht haben, treffen auf einmal auf das Leben außerhalb der Hauptstadt, das gelegentlich, um mit dem früheren SPD-Chef Sigmar Gabriel zu sprechen, „stinkt und brodelt“. Die Begegnung mit Bürgern ist nicht planbar, nicht akkurat vorbereitet. Da hilft keine Rede, die man auswendig gelernt hat. Wahlkampf ist für Bürger wie Politiker eine Prüfung: Wer passt zu mir, fragen die einen. Wie kann ich ihn oder sie überzeugen, die anderen.

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Der Wahlkampf des Jahres 2021 hat einen schlechten Ruf. Es sei viel um Nebensächlichkeiten gegangen, um Gekicher, um Plagiate. Das ist nicht ganz falsch. Die Auseinandersetzung mancher Mitbürger erschöpfte sich im Konsum kurzweiliger Videos in den digitalen Netzwerken. Diese Ausschnitte sollten dann zeigen, was der aufgenommene Politiker wieder für einen unsäglichen Unsinn von sich gegeben hat. Es war der Wahlkampf des einander Schlechtmachens.

Dieses Schlechtmachen gipfelte in diversen bizarren Zuschreibungen. Wer SPD wähle, wache mit Kevin Kühnert auf. Wer CDU wähle, wache mit Hans-Georg Maaßen auf. Wer Grüne wähle, wache mit Armin Laschet auf. Wer FDP wähle, wache mit Olaf Scholz auf. Wer AfD wähle, wache mit Rot-Grün-Rot auf. Wer Linke wähle, wache mit der Revolution auf. Und wer McDonald’s wählt, wacht mit Sodbrennen auf.

Davon abgesehen, dass ich persönlich gerne mit niemandem der genannten Herren aufwachen möchte, erwecken diese Sätze den Eindruck, der Wahlgang sei ein Unterphänomen der Raketenwissenschaft. Das ist aber ziemlich falsch. Man sollte eine Partei wählen, bei deren Inhalten man ein gutes Gefühl hat, dessen Personal einem klug, zuverlässig und sympathisch erscheint. Und man sollte bitte, diese Bemerkung erlauben Sie mir hoffentlich, eine Partei wählen, die keinen faschistischen Umsturz anstrebt. Sonst gäbe es bald keine Zeiten des Übergangs mehr.

Mit einiger Gewissheit lässt sich sagen, dass die Bundesrepublik Deutschland am Montagmorgen immer noch die Bundesrepublik Deutschland ist. Zur Wahl steht – zum Leidwesen mancher – keine Weltrevolution, sondern eine neue Regierung.

Ihre Meinung? Schreiben Sie mir! henning.rasche@rheinische-post.de

(her)