Wesel: Bühnenstück "Soul Kitchen" kratzt an Tabus

Wesel : Bühnenstück "Soul Kitchen" kratzt an Tabus

Das Landestheater Detmold hat Fatih Akins Film "Soul Kitchen" auf die Bühne gebracht. Ein gewagtes Unterfangen, aber es gab viel Applaus.

Es ist ein heikles Unterfangen, einen erfolgreichen Film zur Grundlage eines Theaterstücks zu machen, weil so mancher Zuschauer die Bühnenversion am Original misst. Wenn der Film auch noch von Kult-Regisseur Fatih Akin stammt, wird das Ganze nicht leichter. Sarah Kohrs und das Landestheater Detmold haben es trotzdem gewagt, "Soul Kitchen" auf die Bühne zu bringen. Zu Recht, wie sich im Wesler Bühnenhaus herausstellte.

Das Bühnenbild stimmt. Neonröhren, eine vorsintflutliche Küche, Mobiliar vom Sperrmüll, darüber die Leuchtreklame "Soul Kitchen" - dieses Reich wird von Kneipenwirt Zinos regiert. Wobei Adrian Thomser ordentlich spielt, doch dem drahtig-quirligen Schauspieler gelingt es nicht immer, den nuschelnden, leicht übergewichtigen Adam Bousdoukos vergessen zu machen, der im Film so überzeugend den Zinos gab.

Die Karte des Lokals ist dürftig, das Personal auch nicht gerade vom Fach. Kellnerin Lucia muss jobben, weil sie als Möbeldesignerin einem Betrüger aufgesessen ist, ihr Kollege Lutz stottert und wäre eigentlich lieber Musiker, Zinos Bruder Illias sitzt wegen Diebstahls, hat tagsüber Freigang und die Arbeit nicht erfunden. Untermieter Sokrates sitzt meist an der Theke und kloppt Sprüche. Shakespeare, Nietzsche, Camus - er hat alles drauf. Wenn Zinos ihn aber an die Miete erinnert, zeigt er ihm den nackten Allerwertesten - wie Akin hat auch Sarah Kohrs kein Problem damit, an Tabus zu kratzen. Und Henry Klinder gelingt ein herrlich gammelig-ausgeflippt-kluger Sokrates.

Überhaupt lebt das Stück von den überzeugend dargestellten, urigen Typen, die sich im "Soul Kitchen" zusammenfinden und die alle nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Während es im Film vor allem um die Eckkneipe als vom Aussterben bedrohtes Stück Heimat ging, unterstreicht die Bühnenversion mehr den Zusammenhalt, wenn es heißt, Probleme zu bewältigen: Zinos hat Existenzsorgen, seine Freundin Nadine geht beruflich nach Shanghai, und Immobilienhai Neumann will sich die Kneipe unter den Nagel reißen. Zu allem Überfluss zieht Kinos sich noch einen Hexenschuss zu.

Es dauert etwas, bis sämtliche Rahmenbedingungen erzählt sind und die Geschichte Fahrt aufnimmt. Und so verlassen während einer ungeplant frühen Pause etliche Zuschauer den Saal. Ein medizinischer Notfall zwang dazu, die Vorstellung eher zu unterbrechen. Theaterchef Paul Borgardts konnte verkünden, dass die Patientin wieder wohlauf sei. Eigentlich sollte während der Pause das Bühnenbild geändert werden. Dies musste später geschehen, die Truppe machte aus der Not eine Tugend - sie baute bei offenem Vorhang um. Und die Rock-Band von Kellner Lutz, die im "Soul Kitchen" probt, gab eine improvisierte "Zusatzvorstellung". Überhaupt die Band: Sie bringt Schwung in Kneipe und Aufführung. Nach dem Umbau häufen sich dann die Verwicklungen, doch schließlich kann Zinos seine Nadine wieder in die Arme schließen und weil alle an einem Strang ziehen, wird das "Soul Kitchen" zur gut gehenden Szene-Kneipe. Ein modernes Märchen also - lange beklatscht von denen, die geblieben sind.

(RP)