Britin Tracy Lamprecht lebt in Hamminkeln und spricht über den Brexit

Seit 30 Jahren in Deutschland : „Ich hätte gerne meine Meinung gesagt“

Tracy Lamprecht lebt in Hamminkeln, hat die deutsche und die britische Staatsbürgerschaft. Sie durfte über den Brexit nicht abstimmen.

„Für mich kam das ziemlich plötzlich“, erinnert sich Tracy Lambrecht an den denkwürdigen 23. Juni 2016 zurück. Die Wahl-Hamminkelnerin war an diesem Tag zu Hause, verfolgte die Berichterstattung des britischen Fernsehsenders BBC. Als das Ergebnis feststand, war sie fassungslos: 51,89 Prozent der Briten stimmten für einen Austritt aus der Europäischen Union. „Ich glaube nicht, dass das für Großbritannien gut ist“, sagt sie rund drei Jahre später.

Lambrecht ist gebürtige Engländerin, studierte dort Germanistik. Ihr Berufswunsch zog sie vor mehr als 30 Jahren nach Deutschland, wo sie seither unter anderem als Englischdozentin an der Volkshochschule Wesel unterrichtet. Seit neun Jahren ist sie eingebürgert, hat sowohl die deutsche als auch die britische Staatsbürgerschaft. „Der Großteil meiner Familie lebt dort, alle waren fassungslos und betroffen“, erklärt sie. Dass die knappe Mehrheit für einen Austritt gestimmt hat, stößt bei ihr auf Unverständnis: „Als kleine Nation kann man nicht alleine funktionieren“, resümiert sie. Und: „Der Brexit ist auch für Europa schlecht.“ Zu viele Fragen seien noch ungeklärt, zu viele Sachverhalte nicht zu Ende gedacht. „Sicherlich kann man auch weiterhin Handel treiben, aber zu welchen Kosten?“ fragt sich Lambrecht. Die mittlerweile langen Verhandlungen der Briten mit der EU bewertet sie als „lächerlich“. Besonders die Einstellungen mancher Parlamentsmitglieder machen sie bestürzt. „Diese Leute sollen ihr Land vertreten, nicht ihre eigene Meinung“, findet sie. Daher sei es für sie in Ordnung, dass die EU eine klare Kante zeigt, was den Scheidungsvertrag angeht. Auch die nationalistischen Einstellungen, die sie aus Großbritannien mitbekommt, erschrecken sie. „Auch in der EU kann man seine Nationalität behalten, auch, wenn man zusammenarbeitet“, sagt sie. „Durch Europa haben wir Frieden.“

Und Theresa May? „Ich bin kein Fan“, verrät Lambrecht. Aber: „Sie hat einen guten Job geleistet.“ Lambrecht lobt May dafür, dass sie ihrer Linie treu geblieben sei. „Sie vertritt die Meinung der Bürger. Eine Meinung, die nicht ihre eigene ist. Ich wüsste keinen Politiker, der einen besseren Job gemacht hätte“, urteilt sie. Sie selber durfte, trotz britischer Staatsangehörigkeit, nicht mit abstimmen: Wer 15 Jahre außerhalb von England gelebt hat, war bei der Abstimmung ausgeschlossen. „Ich hätte gerne meine Meinung gesagt“, bedauert sie die Entscheidung.

Trotz der Umstände wünscht sich Lambrecht, dass man hierzulande das britische Volk nicht als Feind sieht. „Diese Leute haben nicht klug gewählt, aber sie haben gewählt“, sagt sie. Diese Wahl sei zu akzeptieren. Auch das gehöre zu einer Demokratie. Auch wenn sie es nicht nachvollziehen kann, dass die Briten an der Europawahl teilnehmen: „Es ist wirklich ein einziges Chaos“, urteilt sie. Und dennoch: „Es ist wichtig, vernünftig miteinander umzugehen, fair zu verhandeln und respektvoll zu sein.“

(dmt)