Bonpflicht sorgt in Wesel für Ärger auf breiter Front

Kosten und Müll : Bonpflicht sorgt für Ärger auf breiter Front

Die neue Kassensicherungsverordnung soll Steuerbetrug verhindern, stößt bei Kunden und Händlern aber auf Kritik.

Martina Stepputt steht in der Hertrampf-Filiale an der Brückstraße und bedient eine ältere Frau. „Brauchen Sie den Bon?“, fragt die 59-jährige Bäckereifachverkäuferin. Kopfschütteln. Dann verlässt die Kundin den Laden. Der ausgedruckte Kassenzettel landet unverrichteter Dinge im Mülleimer. „Das ist doch Schwachsinn“, sagt Stepputt achselzuckend. „Die Kunden können mit den Kassenbons sowieso nichts anfangen.“

Seit dem 1. Januar sind Einzelhändler dazu verpflichtet, Kunden unaufgefordert einen Bon auszustellen. Die Belegausgabepflicht ist Teil der neuen Kassensicherungsverordnung, die Ende 2016 von SPD, CDU und CSU beschlossen worden war.

Die Regelung soll sicherstellen, dass jeder Kaufvorgang ordnungsgemäß registriert wird und nachträglich keine Beträge aus dem Kassensystem gelöscht werden. Aufgrund von unterschlagenen Umsätzen entgehen den Finanzämtern jedes Jahr Steuern in Milliardenhöhe. Ein Abgleich mit den Kassenbelegen soll dieser kriminellen Masche einen Riegel vorschieben.

„Wir haben uns schon vor anderthalb Jahren eine neue Registrierkasse fürs Finanzamt angeschafft“, sagt Stepputt. „Die speichert ganz genau, welche Preiskategorie ich eintippe.“ Nachträgliche Manipulationen am Kassensystem seien dadurch ausgeschlossen. „Die Beträge werden auf einem Chip gespeichert und gehen direkt zum Finanzamt“, so Stepputt. Deswegen könne man sich die Bonpflicht auch gleich sparen.

„Das größte Problem ist die Umwelt, weil die Bons im Restmüll entsorgt werden müssen“, sagt Robert Küdde. Der Rentner ist unter der Woche jeden Tag in der Hertrampf-Filiale, um sich seinen Kaffee abzuholen. „Auch die Herstellung der Kassenrollen verursacht CO2 – das ist ein Rattenschwanz.“ Er selbst lehne die beschichteten Kassenzettel fast jedes Mal ab, erzählt Küdde. Es sei denn, er bringe mal gelegentlich etwas für seinen Nachbarn mit.

„Vorher haben wir eine Rolle pro Monat verbraucht“, sagt Stepputts Kollegin Irmgard Hertrampf. „Jetzt benötigen wir anderthalb am Tag.“ Das sei jede Menge Müll – von den gestiegenen Kosten ganz zu Schweigen. Zumal der Großteil der Kunden die Zettel ohnehin ablehne.

„Wer will auch schon einen Kassenbon für einen Burger?“ fragt Bärbel Weidemann vom Schnellimbiss Kochlöffel an der Kreuzstraße. „Die Leute lachen sich kaputt, wenn ich nachfrage. Von 100 Kunden will vielleicht einer einen Beleg.“ Vor der neuen Regelung habe Weidemann die Bons auf Verlangen ausgegeben. Mittlerweile könne sie gar nicht mehr kassieren, ohne einen Beleg auszudrucken. „Wir kriegen gesagt, dass wir keine Plastikdeckel und Strohhalme mehr verwenden sollen und jetzt kommt mit jeder Bestellung ein Bon aus der Kasse“, sagt Bärbel Weidemann und schüttelt den Kopf.

Auch nebenan in Rahwans Haarstudio hält sich das Verständnis der Mitarbeiter in Grenzen. „Das ist einfach nur Papierverschwendung“, sagt Nahya Al-Dassoky. Eine Frau, die an der Kasse steht und das Gespräch zufällig mitbekommt, winkt gleich ab. „Mir brauchen Sie keinen Bon geben, lassen Sie stecken“, sagt sie.

Bis zu 80 Kunden werden jeden Tag in dem Friseurladen bedient, berichtet Al-Dassoky. „Was hier an Bergen zusammenkommt, ist unglaublich“, sagt Mitarbeiterin Ute Loboda. Trotzdem drucke sie jedes Mal vorschriftsmäßig einen Bon aus – auch wenn dann fast alle am Ende des Tages im Mülleimer gelandet sind.

(df)