Blutkrebs: Weselerin trifft ihren Lebensretter

Blutkrebs : Weselerin trifft ihren Lebensretter

Juliane Kuck aus Wesel hat im Frankfurter Zoo Kai Schröder kennengelernt. Der 35-jährige Hesse hatte der einst an Leukämie erkrankten 55-Jährigen durch eine Stammzellspende das Leben gerettet.

Als Juliane Kuck im September 2015 auffällige blaue Flecken an ihren Beinen bemerkt, denkt sie nicht daran, dass es etwas Schlimmes sein könnte. Ihr Mann bittet sie dennoch, zum Arzt zu gehen. Am Tag darauf klingelt das Telefon – der Arzt selbst meldet sich. „Mir war direkt klar, dass das ein schlechtes Zeichen ist“, erinnert sich die Weselerin. „Er hat mir gesagt, dass meine Blutwerte schlecht seien, und ich musste ihm versprechen, noch am selben Tag ins Krankenhaus zu gehen.“

Sie hat akute myeloische Leukämie und beginnt sofort mit einer Chemotherapie. Über sechs Monate erhält sie stationär im Krankenhaus sechs Zyklen – eine große Belastung für sie, ihren Mann und ihre beiden Kinder. Im April 2016 wird sie als geheilt entlassen, doch schon im Dezember erhält sie die Nachricht: Der Blutkrebs ist zurück. Es folgt eine weitere Chemotherapie, die zunächst die Anzahl der Krebszellen senken soll. Zu diesem Zeitpunkt ist allerdings schon klar, dass sie eine Stammzellspende benötigt.

Kai Schröder ist bei der Arbeit, als sein Handy klingelt. Die DKMS, die Stammzellspenden an Patienten vermittelt, die an Blutkrebs erkrankt sind, bittet ihn, sich möglichst bald zu melden. „Ich war überrascht, und dann ging alles ganz schnell. Ich bejahte die Frage, ob ich überhaupt noch spenden möchte, und dann wurde auch gleich eine Blutprobe genommen“, erinnert sich der 35-Jährige aus Hessen. Juliane Kuck wartet unterdessen auf positive Nachrichten. „Ich habe mich schon gefragt: Was ist, wenn kein Spender gefunden wird? Den Gedanken an die mögliche Konsequenz habe ich verdrängt“, erzählt die ehemalige Flugbegleiterin.

Für Kai Schröder ist es das erste Mal, dass er Patient in einem Krankenhaus ist. Die Stammzellen werden direkt aus der Blutbahn entnommen, nachdem deren Anzahl über einen Wachstumsfaktor erhöht wurde. „Ich hatte leichte Schmerzen – im Kiefer und der Wirbelsäule. Während der Spende verschwanden sie aber. Auch das Personal war sehr nett, man hat mir alles super erklärt“, erzählt er. Gleichzeitig wartet Juliane Kuck aufgeregt auf ihre Transplantation. Wenig später ist es soweit. „Dann läuft das Transplantat durch deine Venen, und nach 20 Minuten ist es vorbei. Es sieht unspektakulär aus, aber für mich ist es natürlich unfassbar bedeutend“, schildert sie bewegt.

Das Datum der Transplantation, der 8. Februar 2017, wird für Juliane Kuck von nun an ein besonderes bleiben. Während ihres Krankenhausaufenthalts lernt sie Svenja Löhe (29) kennen, die ebenfalls an Leukämie erkrankt ist. „Wir lagen vier Wochen gemeinsam auf einem Zimmer und haben gemerkt, dass die ,8’ in unser beider Leben eine riesige Rolle spielt“, erzählt Kuck lachend. Svenja Löhe hat ihre lebensrettende Transplantation auch an einem 8. erhalten und sagt zu ihrer neuen Freundin „Ich wette, du wirst auch an einem 8. transplantiert, Juliane. Es muss einfach der 8. sein.“ Und so sollte es auch kommen. Die beiden Frauen haben seitdem eine besondere Verbindung. „Ich hätte es nicht gedacht, aber es gibt so etwas wie Seelenverwandtschaft. Wir haben in der Zeit zusammen gelacht und geweint. Wir haben unheimlich viele schöne Dinge zusammen erlebt – trotz der ganzen Strapazen“, resümiert Juliane Kuck.

Die Weselerin hofft darauf, dass ihr Körper die Stammzellen annimmt und sich ihre Blutwerte verbessern. „Die vier Wochen danach waren wirklich heftig“, erzählt sie. „Erstmal kommt man eine ganze Zeit gar nicht raus. Und dann habe ich auch noch den Norovirus bekommen.“ Mit ihrem Oberarzt wettet sie dennoch, dass sie ihren Geburtstag am 2. März zu Hause feiern kann. Sie sollte recht behalten: Am 1. März 2017 wird sie entlassen.

Für sie steht fest, dass sie den Spender kennenlernen möchte. Sie schreibt direkt nach der Transplantation einen ersten Brief, der an Kai Schröder anonym übermittelt wird. Von da an kommunizieren die beiden regelmäßig. Nach Ablauf der „magischen zwei Jahre“, wie Kuck sie bezeichnet, tauschen die beiden ihre Kontaktdaten aus. Als Schröder sie das erste Mal anruft, fühlen sich die beiden gebürtigen Hessen schnell verbunden. Die beiden planen, sich im Frankfurter Zoo zu treffen.

Als sich die beiden dann das erste Mal umarmen, verfliegt die Anspannung schnell. „Eine komplett fremde Person sitzt dir gegenüber, und es fühlt sich an, als hätte man sich schon öfter getroffen. Es war richtig herzlich“, beschreibt Schröder die Situation. Die beiden reden, bis das Zoorestaurant schließt. „Es ist schon komisch, wenn da einer sitzt, der dein Leben gerettet hat. Darüber denke ich immer wieder nach. Und darüber, was passiert wäre, wenn er das nicht getan hätte“, überlegt Juliane Kuck. Kai Schröder hatte zu keinem Zeitpunkt Zweifel wegen der Spende und würde es auch heute jederzeit wieder machen.

Nach dem persönlichen Treffen ist ihm wichtig, eine Sache besonders zu betonen – die Dankbarkeit der Familie Kuck: „Das ist so eine nette Familie. Ich kannte so ein Maß an Dankbarkeit vorher gar nicht, und damit habe ich auch nicht gerechnet. Das Gefühl, jemandem das Leben gerettet zu haben – es ist wirklich unschlagbar.“ Schröder und Kuck möchten in Kontakt bleiben.

(RP)