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Wesel: Betuwe - ratlos vor dicken Ordnern

Wesel : Betuwe - ratlos vor dicken Ordnern

Im Reeser Rathaus läuft noch bis zum 9. Februar die Offenlage der Bahn-Pläne für den Ausbau der Betuwelinie. "Den Weg dort hin kann man sich sparen", sagte Michael Möllenbeck (SPD) im Planungsausschuss. Beratung findet nicht statt. Der Bürger stehe ratlos vor einer Wand dicker Ordner.

Die Hamminkelner Politik fürchtet "Reeser Verhältnisse". Michael Möllenbeck (SPD) aus Mehrhoog hat sich im Rathaus der Nachbarkommune umgetan und war entsetzt. Nicht vom Gastgeber, sondern wieder mal von der Bahn AG. Die hat dort mit dem Abschnitt Haldern die Reihe der Planfeststellungsverfahren für den Ausbau der Betuwe eröffnet und ihre Pläne offen gelegt. Das ist die Gelegenheit, Einwände ins Verfahren einzubringen. Und da genau liegt das Problem, wie auch Bürgermeister Holger Schlierf sagte. Der Sprecher der Anrainerkommunen sprang dem Mehrhooger Streiter für dorfverträglichen Streckenausbau "hundertprozentig" zur Seite.

"Ein Riesenproblem" nannte Schlierf das, was Möllenbeck empört hat, als er in Rees Einblick in die Akten nehmen wollte. Gefühlte 40 Ordner seien dort aufgestellt, wie eine undurchdringliche Schallschutzwand. Der Bürgermeister empfiehlt, "bei befürchteter Betroffenheit" Rechtsbeistand zu nehmen, um im Dickicht von Plänen und Textdarstellungen seine Ansprüche nicht zu verlieren.

Die Kommunen halten sich raus. Da sei allein die Bahn am Zug. "Wir sind nicht bereit, unseren Kopf aus dem Fenster zu halten", so Schlierf. Die Stadt werde, wenn das Verfahren für Mehrhoog beginnt, auf ihrer Internetseite "wesentliche Bausteine" darstellen, um die Bürger zu leiten. "Aber eine vernünftige Lösung haben wird nicht", bekannte er Ratlosigkeit.

"Den Weg nach Rees kann man sich sparen", lautet das vernichtende Urteil vom "Mehrhooger in der dritten Reihe", wie Möllenbeck in Anspielung auf Äußerungen der USD sagte. Die hatte beklagt, dass sich nur direkte Anwohner für das Geschehen auf und an der Betuwe interessieren. Möllenbeck beschrieb die kritisierte Ruhe als "angespannte Stille in Erwartung auf das, was von der Bahn kommt". Da lasse die Offenlage im Reeser Rathaus wenig Gutes erwarten.

Die Stadt stellt eine 400-Euro-Kraft, so der Reeser Bürgermeister Christoph Gerwers. Aber nicht als Ansprechpartner im Aktendschungel. "Rechtsberatung ist den Städten nicht erlaubt", so Gerwers. Amtskollege Schlierf beschreibt den Billig-Job sarkastisch: "Aufpassen, dass keine Akte wegkommt, bei Dienstschluss das Licht ausmachen und abschließen."

Obwohl die Stadt Rees die Auslegung der Pläne nur im Auftrag der Bahn macht, muss die Stadt die Kosten für den Mitarbeiter selbst tragen. Die Kommune hat zwar in ihrer Stellungnahme an das Land darum gebeten, diese Kosten zu übernehmen. "Aber da habe ich wenig Hoffnung", sagt Christoph Gerwers. Der Mitarbeiter stehe bereit, um Einwendungen zu Papier zu bringen. "Aber auch da darf er nur mitschreiben und keine Formulierungshilfe geben", so Gerwers weiter.

Der Mehrhooger Michael Möllenbeck zitierte den einzig lebendigen Part im Reeser Aktensaal weniger höflich korrekt: "Schreib' auf, ich schick's dann weiter." Eine Mehrhoogerin, die von den Halderner Plänen betroffen sei, habe ihr Gehöft zwischen den Aktendeckeln noch nicht ausfindig machen können. "Der Bürger wird verhohnepiepelt", so der Genosse. Er unterstellt der Bahn Absicht.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Ein Leben am Bahnübergang

(RP/rl)