Berufskolleg Wesel: Daniel Korthauer ist als Seiteneinsteiger Lehrer geworden

Weseler Berufskolleg : Wie ein Ingenieur zum Lehrer wurde

Vor allem Kollegschulen sind auf Seiteneinsteiger angewiesen. Seit kurzem gehört Maschinenbau-Ingenieur Daniel Korthauer aus Brünen zum 180-köpfigen Lehrerteam des Berufskollegs Wesel-Feldmark. „Er ist ein Gewinn für uns“, sagt der Schulleiter.

Lehrermangel ist seit Jahren besonders an den Kollegschulen ein Problem. Seiteneinsteiger sind deshalb in den Kollegien hoch willkommen. Vor allem dann, wenn sie nicht nur fachlich, sondern auch menschlich ins Team passen. Auf Daniel Korthauer (33) trifft offenbar beides zu. Der Maschinenbau-Ingenieur aus Brünen freut sich nach dreijähriger Ausbildung am Berufskolleg in Wesel-Feldmark auf den Beginn des neuen Schuljahres. „Weil ich mich erstmals nur auf die Schule konzentrieren kann und nicht noch fürs Studium oder das Referendariat lernen muss“, sagt der junge Familienvater, der ein gutes Beispiel dafür ist, was man mit ein wenig Ehrgeiz und Lust am Lernen alles erreichen kann.

Die besagte Lust am Lernen war bei Daniel Korthauer nicht immer vorhanden. Deshalb ging es für ihn nach der Grundschulzeit erstmal zur Realschule nach Hamminkeln. Mit der Mittleren Reife in der Tasche, begann er im August 2002 eine dreieinhalbjährige Lehre zum Kfz-Mechatroniker beim Weseler Autohaus Lackermann und besuchte in dieser Zeit das Berufskolleg in der Feldmark. Schon damals fiel er durch gute Leistungen und sein Talent, anderen den Unterrichtsstoff zu erklären, auf. „Unter anderem mein heutiger Kollege, Bildungsgangleiter Marco Pollmann, hat damals als junger Lehrer gesagt, dass er sich vorstellen könnte, dass ich einmal an seinem Platz stehen könnte. Diese Aussage hat mich schon ein wenig beeinflusst.“

Wenige Monate nach Ende der Lehre holte Daniel Korthauer in Dinslaken das Fachabitur nach, um anschließend in Bocholt Maschinenbau zu studieren. Mit dem Master-Abschluss war es für den Ingenieur kein Problem, eine Festanstellung zu finden. 2012 heuerte er bei der Dekra in Wesel an, wo er als Prüf-Ingenieur und Schadensgutachter bis Anfang 2016 mehrere Tausend Autos unter die Lupe genommen hat.

Bei der Dekra traf er 2015 auch einen ehemaligen Berufsschullehrer, der in den Ruhestand versetzt wurde. „Ich habe das als Chance gesehen, im Kolleg angerufen, ein gutes Gespräch mit dem Schulleiter geführt und mich dann erfolgreich beim Land als Seiteneinsteiger beworben.“ Am 1. Februar 2016 begann für den Seiteneinsteiger die Ausbildung zum Lehrer. Vom ersten Tag an musste der damals 29-Jährige bis zu 25 angehende Kfz-Mechatroniker in der Klasse unterrichten („Ich wurde ins kalte Wasser geworfen“) und parallel dazu an zwei Tagen pro Woche an der Universität Wuppertal Bildungswissenschaften studieren. Nach eineinhalb Jahren hatte er es geschafft und konnte mit dem 18-monatigen Referendariat an der Kollegschule beginnen, in der er sich nach wie vor pudelwohl fühlt. „Es macht mir Freude, mein Wissen an die nächste Generation weiterzugeben“, sagt Daniel Korthauer. Dass er über reichlich Praxiserfahrung verfügt, hilft ihm dabei sehr. „Die Schüler merken, dass ich weiß, wovon ich rede und ich mir im Leben schon oft die Hände schmutzig gemacht habe.“

Daniel Korthauer liebt seinen Beruf. Nicht nur, weil er mittlerweile Beamter ist und deutlich mehr Urlaub und damit auch mehr Zeit für die junge Familie hat. „Das alles ist zwar wirklich sehr schön, war aber nicht ausschlaggebend. Die Arbeit mit jungen Leuten macht mir einfach Spaß.“ Auch wenn es unter den Kfz-Lehrlingen einige leistungsschwächere Kandidaten gibt. „Wir sind stolz darauf, dass wir praktisch alle zum Abschluss führen. Wenn man erfolgreich dafür kämpft, dass auch ein weniger leistungsstarker junger Mensch ein Leben lang arbeiten kann, hat man schon viel für diese Gesellschaft getan.“ Und das fühle sich gut an, sagt Korthauer.

Dass er stets auf dem neuesten Stand der Technik bleibt, dafür sorgt der Junglehrer, weil er samstags noch einige Stunden bei der Dekra als Prüfer tätig ist.

Daniel Korthauer hat übrigens noch einen „Nebenjob“, den er in erster Linie aus Freude betreibt: Als Spross eines Brüner Landwirtes, der sich mittlerweile auf die Zucht von Fleischrindern spezialisiert hat, arbeitet er schon seit Kindertagen auf dem elterlichen Bauernhof mit. Dass er alles das kann, was ein staatlich geprüfter Landwirt wissen muss, hat er Schwarz auf Weiß: Während seiner Zeit als Referendar hat sich Korthauer von den Kollegen des Fachbereichs Agrarwirtschaft den Lernstoff für den Theorieteil geben lassen, den Stoff gelernt und anschließend die Abschlussprüfung bestanden.

„Herr Korthauer ist wirklich perfekt“, sagt Schulleiter Christian Drummer-Lempert. So wie ein Großteil der anderen 14 Seiteneinsteiger im 180-köpfigen Kollegium, die alle „keine Notlösung sind, sondern ein Gewinn. Es hat eine ganz andere Wirkungskraft auf die Azubis, wenn Leute aus der Praxis den Unterricht gestalten.“ Wobei Christian Drummer-Lempert nicht verschweigt, dass in der Vergangenheit auch ein gutes Drittel der Interessenten mit falschen Vorstellungen an die Sache gegangen sei und die Ausbildung abgebrochen habe.

Übrigens kommt es immer mal wieder vor, dass ein Seiteneinsteiger in Zeiten des Fachkräftemangels dem Werben der freien Wirtschaft erliegt. „Einen solchen Fall hatten wir im vergangenen Jahr“, bedauert der Schulleiter. Dass Daniel Korthauer diesem Beispiel folgen könnte, muss Christian Drummer-Lempert nicht befürchten. „Für mich ist nämlich klar: Hier fühle ich mich wohl, hier möchte ich die nächsten knapp 35 Jahre bleiben.“