Bauern-Demo am Niederrhein: Warum der Protest wichtig ist

Analyse zur Landwirtschaft : Warum die Bauernproteste wichtig sind

Bauern sind aus der Mitte der Gesellschaft. Sie dürfen keine Gelbwesten werden. Ihr Beruf geht uns alle an. Deshalb ist es gut, dass die Landwirte am Niederrhein ihre Nöte zum Ausdruck bringen.

Zu Hunderten werden die Landwirte vom Niederrhein am Dienstag auf den Straßen von Wesel über Xanten nach Rees unterwegs sein und damit auch den morgendlichen Berufsverkehr blockieren. Mancher Autofahrer wird vor Wut in das Lenkrad beißen. Und doch ist es wichtig, dass die Landwirte ihrem Ärger Luft machen. Ihr Protest geht uns alle an. Wir alle leben nämlich von und mit dieser Landwirtschaft – als Konsumenten verlangen wir immer häufiger nach regionalen Produkten, verzehren das Fleisch jener Tiere, deren Ausscheidungen in Form von Gülle auf den niederrheinischen Feldern aufgebracht werden. Es ist also scheinheilig, wenn wir immer die Fehler der Landwirtschaft bemängeln, uns über Güllegestank oder Tierwohlgefährdung aufregen, selbst aber agieren wie bisher.

Die Bauernproteste richten sich gegen mehrere politische Entwicklungen. In mancherlei Hinsicht ist die Kritik der Bauern an der Politik berechtigt. Die neue Güllemittelverordnung sorgt etwa dafür, dass in bestimmten Zonen weniger Gülle auf den Feldern aufgebracht werden kann. Landwirte sagen nun aber, dass sie durch diesen neuen Regelungen in Teilen sogar weniger Gülle auf die Felder bringen dürfen, als die Pflanzen es an Nährstoffen benötigen. Zur Wahrheit gehört außerdem, dass die Gülle ja nicht verschwunden ist, nur weil man sie nicht auf Feldern ausbringt. Wo soll sie denn hin?

Die Düngemittelverordnung ist nur einer der Kritikpunkte: Die Landwirte stören sich auch an politischen Bestrebungen, dass mehr Lebensmittel künftig durch das künftige Mercosur-Handelsabkommen als Billigpreisimporte von Südamerika nach Europa geschafft werden könnten. Sie kritisieren auch das jüngste Agrarpaket der Bundesregierung, das die drei Ministerinnen Julia Klöckner (CDU), Svenja Schulze (SPD) und Anja Karliczek (CDU) unlängst präsentierten: Die wichtigsten Punkte darin sind ein nationales Glyphosatverbot ab spätestens 2024, größere Schutzabstände zu Gewässern sowie mehr Restriktionen bei Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Biotopen und auf Streuobstwiesen. Die Niederrhein-Landwirte haben das Gefühl, dass sie dazu kaum gehört wurden. „Es wird nicht mehr mit uns gesprochen“, ist einer der Kernsätze, die man von Landwirten hört. Es werde regelrechtes Bauern-Bashing betrieben, wird immer wieder kritisiert. Bauern seien die Buhmänner für alles.

Trotz allen Frustes der Landwirte: Auch sie müssen ihren Teil beitragen, die Lebensqualität in unserer Region zu erhöhen. Ein „Weiter so“ ist nicht das Gebot der Stunde – das müssen auch die Landwirte erkennen. Die Nitratbelastung etwa ist am Niederrhein vielerorts zu hoch. Das zeigen laufende Gewässerproben. Im Kreis Wesel, so zeigen Auswertungen von Brunnen, haben zwischen 20 und 30 Prozent der Brunnen eine Nitratbelastung von mehr als 50 Milligramm pro Liter – und reißen damit den Grenzwert. Nitrat in zu hohen Mengen ist gesundheitsschädlich. Auch die Folgen von übermäßigem Glyphosateinsatz sind mittlerweile bekannt. Das Pestizid tötet alle Pflanzen, die nicht gentechnisch verändert wurden. Es ist laut Weltgesundheitsorganisation wahrscheinlich krebserregend und schadet der Artenvielfalt. Dass die Regierung hier also Schranken setzt, ist nur verständlich.

So ist diese Demonstration von Wesel über Xanten nach Rees heute zweierlei: eine dringliche Einladung an die Politik, neu mit den Bauern zu reden. Und mindestens ebenso sehr eine Machtdemonstration der PS-starken Landwirte, die mit ihren schweren Treckern die Straßen blockieren können. Die Politik muss den Dialogfaden aufnehmen. Bauern sind aus der Mitte der Gesellschaft. Sie dürfen keine Gelbwesten werden.

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