Autoren erzählen von ihren schrägen Erlebnissen als Radfahrer

RP-Radserie : Unsere schrägen Erlebnisse als Radfahrer

Das Fortbewegen auf zwei Rädern ist für unsere Autoren generell eine große Freude, doch manchmal trüben kuriose Erlebnisse, ungeplante Pannen oder holländische Gräben den Ausflug. Und manchmal muss eben auch improvisiert werden. Zum Start unserer Radserie erzählen Niederrhein-Autoren, was sie auf dem Rad so erlebt haben.

Auf Tauchgang in Holland

von Sebastian Peters

Ich liebe das Radfahren, aber diese Nacht in Holland als 17-Jähriger hatte das Potenzial, mir das Fortbewegungsmittel Fahrrad auf ewig zu vermiesen.

Als junge Männer machten wir unsere Urlaube per Rad, Zelt hinten drauf, 200 Kilometer bis an den niederländischen Strand. Ich war in diesem Sommer auserkoren, den Radanhänger mit dem darin befindlichen Zelt zu befördern. Bei Kilometer 70 mitten in Holland machte aber ein Reifen schlapp. Er löste sich immer wieder von der Achse. Weil das zu dauernden Reparaturpausen führte und ein Teil unserer Mannschaft ohnehin großen Hunger verspürte, teilten wir die Gruppe. Die eine Hälfte fuhr zum Goldenen M, Burger essen; mein Freund Jan und ich wiederum radelten schnurstracks weiter auf gerader Strecke.

Weil die anderen schneller waren, würden sie uns einholen, dachten wir. Nach einer Stunde Radfahren zu zweit fingen wir an, uns zu wundern: Wo blieben die anderen? Die Streckenführung schien doch logisch. Handys gab es damals noch nicht. Mitten in Holland war unsere Gruppe plötzlich getrennt. So blieb uns nur die Hoffnung, sie später an der Küste wiederzutreffen. Den Haag war das grob formulierte Ziel. Um auch wirklich zeitnah dort anzukommen, radelten wir zwei immer weiter. Es war schon tief in der Nacht, ein Uhr, als dann das Malheur geschah, das heute noch bisweilen im Freundeskreis erzählt werden muss: Wir befuhren eine auf einer deichartigen Erhöhung gelegene Schnellstraße, die frustrierten Autofahrer hupten schon fortwährend, weil sie sich von diesen zwei Radfahrern gestört fühlten.

Rettung versprach ein unten liegender Radweg, der durch die orangefarbene Straßenbeleuchtung gut sichtbar war. Ich raste also mit Rad und Hänger den Deich runter auf den Weg. Als ich dann aber auf den vermeintlichen Asphalt fuhr, bemerkte ich, dass es sich mitnichten um einen Radweg, sondern um eine mit Klee bewachsene Gracht handelte.

Ich sackte mitsamt Rad und Hänger immer tiefer in etwas, was ohne Umschweife als gülleartige Substanz beschrieben werden kann. Es roch bestialisch, und war obendrein gefährlich, denn alleine konnte ich mich kaum herausziehen. Bis zur Brust steckte ich in der... Bredouille. Ich rief Jan, der noch oben fuhr. Er raste als Retter in der Not herunter, doch war offenbar ebenso geblendet: Auch er glaubte an einen Radweg und fuhr ebenso in die kleebewachsene Güllegracht. Zusammen retteten wir unsere Leben.

Wie durch ein Wunder konnten die Räder und der Radanhänger samt Zelt geborgen werden. Einzig meine Birkenstock-Schlappen verschwanden auf ewig. Wir fuhren dann wieder oben auf den Deich, entkleideten uns bis auf die Unterhose und fuhren fast nackt bis zu einem Zeltplatz. Dort steckte man uns schleunigst samt Rädern unter die Dusche. Wir tranken eine Flasche Sherry (was man so trinkt, wenn man jung ist), schliefen in einem immer noch stark nach Gülle riechenden Zelt ein und beschlossen am nächsten Morgen, dass von nun an alles nur besser werden könne. Das wichtigste Projekt war nun, auf einem der umliegenden Zeltplätze unsere andere Hälfte der Reisegruppe zu entdecken. Stärken wollten wir uns vorher mit Brötchen.

Als ich dann zum Bäcker ging, standen drei Typen in der Schlange, die mir bekannt vorkamen. Es waren die verlorenen Freunde, sie waren ebenfalls nachts geradelt und hatten zufällig den gleichen Zeltplatz gewählt. Es wurde dann noch ein sehr lustiger Urlaub.

Meine Furcht vor Klee und Grachten ist seitdem unendlich.

Schlange bringt den ungeübten Fahrer aus dem Gleichgewicht

von Viktor Marinov

Es ist wie Fahrradfahren. Heißt so viel wie: Man verlernt es nicht. Aber was, wenn man es nie richtig gelernt hat? Dann wird es schmerzhaft. Ich fuhr Fahrrad das erste Mal mit 21. Das geschah in meinem alten Heimatdorf, auf einer leeren Straße, draußen waren es fast 30 Grad. Klingt idyllisch? Von wegen.

Es hat unzählige Versuche gedauert, bis ich auch nur zwei Meter vorankam. Also fallen, aufstehen, Zähne zusammenbeißen. Immer wieder. Ein 21-Jähriger, der sich auf dem Fahrrad wie ein Trottel anstellt – klar, dass diese Situation ein perfektes Unterhaltungsprogramm für die Dorfjugend war. Was haben wir gelacht. Plötzlich machte es Klick, sogar die bis dahin ätzenden Beobachter freuten sich. Erst langsam die ersten paar Meter, irgendwann relativ schnell die nächsten und die nächsten, bis es irgendwann nicht mehr aufhörte und ich gar nicht mehr hinfiel. Euphorisch fuhr ich so meine ersten Kilometer mit dem Rad, mit wundgescheuerten Knien und Händen, verließ die leere Straße und steuerte auf den Wald zu.

Meine Freude war voreilig. Etwas raschelte links von mir, dann sah ich sie: Eine Schlange – nicht sonderlich groß, aber eben auch nicht klein, eine richtige Schlange. Da fiel ich das letzte Mal richtig heftig hin, natürlich in einen Dornbusch. Alles andere als idyllisch.

Ein Happy-End hat die Geschichte aber: Seitdem fahre ich leidenschaftlich und viel Fahrrad, Schlangen habe ich keine mehr gesehen. Sogar Hinfallen habe ich verlernt.

Das langersehnte BMX-Rad – Marke Eigenbau

von Sandra Kaiser

Ein eigenes BMX-Rad, das war mein größter Traum. Es war Anfang der 80er Jahre. Meinen Eltern lag ich Tag und Nacht in den Ohren. Jedoch nicht genug, wie sich bald herausstellte: Zum siebten Geburtstag gab es ein stinknormales Kinderrad. Knallrot war es und nagelneu. Trotzdem war die Enttäuschung riesig.

Doch der Zustand hielt nicht lange an, man musste eben das Beste draus machen. Also schleppte ich mein neues Rad in die Garage, deckte mich mit allerhand Werkzeug aus Papas Keller ein und machte mich ans Werk. Erstmal musste alles abmontiert werden, was irgendwie unsportlich aussah. Schutzbleche, Trinkflaschenhalterung, Beleuchtung, Klingel, Katzenaugen… Ein kurzer Blick: Schon besser, auch wenn das mit Verkehrssicherheit nicht mehr viel zu tun hatte. Aber welches Kind interessiert das schon? Dann kam das Wichtigste überhaupt: Polster für Querstange und Lenker. Die waren damals aus Schaumstoff, und jedes ordentliche BMX-Rad musste solche Dinger besitzen. So etwas wie Ebay gab es aber noch nicht. Und außerdem hätte ich auch gar kein Geld gehabt. Aber ich war ja erfinderisch: In den vorausgegangenen Wochen hatte ich im ganzen Haus auf der Lauer gelegen und mir Klopapierrollen, sobald sie aufgebraucht waren, unter den Nagel gerissen. Die Papprollen schnitt ich jetzt mit einer Schere durch, legte sie um Stange und Lenker, stopfte Dutzende Wattebäusche, die ich immer mal wieder unauffällig aus Mamas Kosmetikschrank gemopst hatte, unter die Rollen, umklebte alles fest mit Paketband und bemalte meine Polster schließlich mit schwarzer Lackfarbe. Fertig, und es war gar nicht schlecht geworden! Stolz öffnete ich die Garagentür, schob mein neues „BMX-Rad“ auf den Hof und präsentierte es meinen Eltern – die aus allen Wolken fielen!

Diese Diskussionen. Das Ausschimpfen. Die kullernden Kindertränen! Die waren es auch, die meine Eltern schließlich resignieren ließen: Das Rad durfte so bleiben – unter der Bedingung, dass ich mich im Dorf von Verkehr fernhalte. Dieses Zugeständnis konnte ich locker machen. Auf den Straßen sah man mich fortan kaum noch.

Große Liebe mit 21 Gängen

von Klaus Nikolei

Ich muss etwa zehn gewesen sein, als mich die Liebe wie ein Blitz getroffen hat. Auf der Suche nach einem geeigneten Rad, mit dem ich künftig den Berg-und-Tal-Weg von meinem Elternhaus in die weiterführende Schule in der Nachbarstadt meistern wollte, fand ich das Rennrad meiner Träume: Es war nicht nur das Kobaltblau des Rahmens, der mich faszinierte, nicht der weich gepolsterte Sattel und auch nicht die 21 Gänge, die meine Vorfreude ins Unermessliche wachsen ließen. Sondern der Name: Hercules. Dass ein Rad so heißt wie ein Motorrad, das war für mich damals unfassbar. Zum Glück reichte mein Kommuniongeld, so dass meine Eltern mir das überirdisch schöne Gefährt bestellten und ich eines Tages tatsächlich zur ersten Fahrt durch mein Heimatdorf starten konnte. Natürlich im passenden Dress. Ein Cousin, stolzer Besitzer eines Hercules-Mofas, hatte mir einen Schriftzug geschenkt, den meine Mutter mir dann auf ein quietsch-orangenes, hautenges Shirt – wir schreiben das Jahr 1976 – aufbügelte. „Fahr Dich frei, fahr Hercules“ war darauf zu lesen.

Jetzt war ich der König der Dorfstraßen, mein Hercules und ich, wir waren unzertrennlich – für einige Jahre jedenfalls. Als ich 15 war, stieg ich um aufs Mofa. Der Firma Hercules bin ich allerdings nicht treu geblieben. Ich bin gewechselt – zum Konkurrenten Zündapp. In die silberfarbene CS 25 mit der längeren Sitzbank habe ich mich sofort verliebt.

Bepackt durch Wales

von Fritz Schubert

In den 80ern, mit Mitte 20, war ich mit Abstand der Älteste einer Weseler Gruppe, die sich nach Großbritannien aufmachte. Das schöne Wales wollten wir durchqueren.

Dass dies nicht gerade flach ist, war mir bewusst. Also hatte ich meinen schwarzen Klassiker, Gazelle A Touren, mit einer Fünf-Gang-Nabenschaltung aufgerüstet. Die war damals frisch auf dem Markt und sollte den Niederrheiner beim Klettern unterstützen. Das Rad wog 20 Kilo, das Gepäck ebenfalls. Was das bedeutet, bekam ich unmittelbar nach dem Verlassen der Fähre in Poole zu spüren. Denn da ging es gleich steil bergan. Immerhin war der Rahmen stabil genug, um Schussfahrten ohne großes Flattern zu überstehen. Die Anfahrt nach Wales ließ Böses ahnen. Und so kam es auch. Zügig wurde die Tour mit kürzeren Etappen umgeplant. Einige lernten auch die Vorzüge des britischen Eisenbahnsystems schätzen. Es war am Ende eine rundum schöne Reise.

Meine Gazelle wird im Sommer 40. Eine endlich mal funktionierende Schaltung würde ihr gut tun.

(sep, skai, kwn, fws, vima)
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