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Wesel: Autoreise nach Berlin 1968 - Eine Erinnerung

Wesel : Autoreise nach Berlin 1968 - Eine Erinnerung

25 Jahre nach dem Mauerfall ist der Kalte Krieg fast vergessen. Der Weseler Autor Dirk Bunje (86) hat Erlebnisse aufgezeichnet. Wegen eines abgerutschten Stempels verbrachte er einmal lange Zeit an der deutsch-deutschen Grenze.

Helmstedt, unser VW- Käfer näherte sich der Zonengrenze. Unsere Anspannung steigerte sich. Bald waren sie schon zu sehen, die hohen Masten mit der mächtigen Beleuchtung. Auf der anderen Seite des Stacheldrahts stand eine Kompanie Soldaten mit ihren abgeflachten NVA-Stahlhelmen in Reih und Glied. Langsam näherten wir uns dem Kontrollpunkt. Der Parkplatz fast voll mit Autos aus dem Westen. Ich stieg aus unserem VW-Käfer, während meine Frau und unser dreijähriger Junge im Auto blieben.

In einem barackenähnlichen Gebäude standen sie wartend, die Wessis vor den Ossis. Die unliebsamen Menschen aus dem Westen, sie mussten bei einem Vopo ihre Pässe abgeben. Nacheinander wurde man aufgerufen, um die geprüften Pässe wieder abzuholen. Der Weg nach Berlin durch die DDR war dann frei.

Doch ich stand da, wurde nicht aufgerufen. Bald konnte ich den neu Hinzugekommenen zeigen, was sie zu machen hätten. Die Uhr an der Wand lief unbekümmert ihre Runden. Meine Anspannung steigerte sich. Endlich wurde die Schranke hochgeklappt und mein Name gerufen. Ich wurde zu einem Zimmer gebracht, wo ein Vopo-Offizier alleine vor seinem Schreibtisch saß. Ich durfte mich vor ihm hinsetzen. Er nahm meinen Pass und hielt ihn triumphierend hoch. Dann öffnete er den Pass und sagte: "Schauen sie sich das an, zwischen Bild und Stempelrand ist eine Trennung, mit dem Pass kann ich sie nicht durch die Zone fahren lassen." Meine Anspannung stieg und stieg. Um überhaupt was zu sagen, formulierte ich vorsichtig: "Das Fotopapier ist wohl zu dick, daher ist der Stempel abgerutscht." Jetzt legte er los, hielt mir einen Vortrag über richtiges Stempeln. Der Beamte der BRD hätte wohl keine Ahnung vom Stempeln. Meine Anspannung war auf dem Siedepunkt, ich sprang auf und sagte: "Warum erzählen sie mir das überhaupt, ich möchte in meinem Leben überhaupt nicht ein Stempler werden. Im Übrigen verzichte ich auf die Gnade durch die DDR zu fahren." Er wurde leutselig: "Setzen Sie sich wieder und beruhigen sie sich. Gehen sie nach draußen, dort steht ein Fotoautomat und machen sie sich zwei Passbilder, ich gebe Ihnen dann für die Fahrt nach Berlin einen Ersatzausweis."

Endlich saß ich wieder im Auto, meine Frau schon ganz unruhig: "Wo warst du bloß so lange, alle andern kamen bald wieder und fuhren weg." "Lass uns fahren, das erzähl ich dir später". Ich konnte mich nicht beruhigen, in großer Anspannung fuhr ich los. Bald kamen wir an eine breite Kreuzung. Von links raste eine russische Limousine an uns vorbei. Ich trat auf die Bremse, der Wagen stand. Da kam ein Vopo angerannt, der schrie: "Haben sie das Rot der Ampel nicht gesehen. Wie können sie unserem General die Vorfahrt nehmen, sie Hornochse!" Das saß. Selbst meine gutmütige Frau schimpfte mit mir. Meine Spannung schwoll wieder an. Am liebsten wäre ich in den Sitz versunken. Da rief der Vopo: "Mensch, machen Sie, dass sie wegkommen." Meine Frau sagte, selbst in Anspannung: "Lass uns zum nächsten Rastplatz fahren, damit du dich erholst." Genau die Geschwindigkeitsbegrenzung einhaltend fuhr ich weiter. Es dauerte lange, bis wir einen Parkplatz erreichten. Fortsetzung folgt

(RP)