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Ausstellung zeigt, wie das Wirtschaftswunder nach Wesel kam

Die Entwicklung nach 1945 : Wie das Wirtschaftswunder nach Wesel kam

Im Städtischen Museum läuft ab 8. September die Ausstellung „Wunder aus Trümmern“ über die Entwicklung in den 50er und 60er Jahren.

Nichts hat das Wesel von heute so geprägt wie der Zweite Weltkrieg und seine Folgen. So ist es nur logisch, dass nach „Schutt und Asche“ 1995 und der Reihe zum Wiederaufbau 2009 nun eine dritte große Ausstellung mit umfangreichem Rahmenprogramm die wirtschaftliche Entwicklung der 1945 zu 97,3 Prozent zerstörten Stadt in den Blick nimmt. Sie ist den 50er und 60er Jahren gewidmet. Auch die gehen emotional unter die Haut. Wieder einmal konnten viele Zeitzeugen gefunden werden, deren Berichte verschriftlicht wurden. Allein das macht die Arbeit des Stadtarchivs und des Städtischen Museums schon unendlich wertvoll. Vom 8. September bis zum 15. Dezember ist die Schau „Wunder aus Trümmern“ im Städtischen Museum Wesel, Galerie im Centrum, an der Ritterstraße zu sehen. Wie immer bei freiem Eintritt.

Der Vorgeschmack, den die Verantwortlichen jetzt im Foyer des Bühnenhauses gaben, lässt wahrlich auf Großes hoffen. Das Thema wendet sich nicht allein an die klein gewordenen Generationen derjenigen, die Krieg, Zerstörung und erste Wiederaufbaujahre am eigenen Leib erlebt und erlitten haben. Auch jüngere Leute, ob Ur-Weseler, Zuwanderer oder Nachbarn aus den umliegenden Kommunen, werden auf ihre Kosten kommen. Es gibt ein Wiedersehen mit Straßenzügen, Geschäften, Industriebetrieben und spektakulären Ereignissen. Und natürlich auch mit vielen großen und kleinen Menschen, die an den Entwicklungen mitgewirkt haben. Jeder auf seine Weise.

Barbara Rinn-Kupka, Heiko Suhr, Beate Schindler, Heike Kemper, Ulrike Westkamp und Rainer Benien (v.l.) im Foyer des Bühnenhauses, das architektonisch die behandelte Epoche der 50er und 60er Jahre spiegelt. Foto: Fritz Schubert

Wer gar nichts über Wesel weiß oder sich immer schon gefragt hat, warum etwas in der Stadt so ist, wie es ist, dem sei die Ausstellung ohnehin dringend empfohlen. Denn sie füllt Wissenslücken. Das „Wunder aus Trümmern“ beginnt mit der Tatsache, dass besonders die bei der Bombardierung wundersam intakt gebliebenen Abwässerkanäle ein Grund waren, die Stadt überhaupt an alter Stelle und wesentlich dem alten Straßennetz folgend wieder aufzubauen. Darüber hinaus herrschte anfangs wenig Systematik. Erst unter Stadtdirektor Karl-Heinz Reuber kam Struktur in die ungeheure Aufgabe. Er ließ wissenschaftlich untersuchen, wie die Wirtschaftsförderung gelingen kann, und setzte dies dann stringent um. Als legendär gilt Reubers Erfindungsreichtum beim Erschließen von Fördertöpfen. „Es gab kein Vorbild für die Entwicklung einer zerstörten Stadt“, beschreibt Bürgermeisterin Ulrike Westkamp die damalige Leistung.

Pralles Leben auf dem Kornmarkt, vermutlich Anfang der 60er Jahre. Im Hintergrund sind schon Realschule und Bühnenhaus zu erkennen.  Foto: SAW

Die Ausstellung behandelt die mutigen Initiativen von Ein-Mann-Unternehmen ebenso wie die Ansiedlung von großen Industriebetrieben. Letztere haben Wesel unterdessen verlassen. Vor etwa 20 Jahren ging die Ära der großen Arbeitgeber wie Philips, Siemens oder Delog in der Stadt zu Ende. Tausende Stellen gingen verloren. Die Arbeitslosenquote lag bei zehn Prozent. Heute ist Wesel dank des prägenden Mittelstandes wieder einmal gesund.

Fast zu schön, um nicht gestellt zu wirken, legt diese Szene Zeugnis für die Wirtschaftswunderzeit im 1945 komplett zerstörten Wesel ab. Foto: SAW

Bürgermeisterin Urlike Westkamp, Beigeordneter Rainer Benien und Kulturbeauftragte Heike Kemper streichen mit Beate Schindler vom Verein Kulturraum Niederrhein auch die überregionale Bedeutung der Ausstellung hervor. Sie ist Bestandteil der Reihe Neuland des kulturgeschichtlichen Museumsnetzwerkes an Rhein und Maas. Die Macher, zu denen auch Barbara Rinn-Kupka vom Städtischen Museum Wesel und Heiklo Suhr als kommissarischer Leiter des Stadtarchivs gehören,sind stolz auf neue Präsentationstechniken im Centrum. Denn einige Zeitzeugen hatten sich den Filmemachern Stephan de Leuw aus Wesel und Carla Gottwein aus Rees für Interviews zur Verfügung gestellt, die in der Schau nun gezeigt werden können. Auch Gabriele Kremer aus Xanten hat sich filmisch mit dem Thema auseinandergesetzt. Sie macht Veränderungen im Stadtbild deutlich, indem sie historische und aktuelle Motive aus identischer Perspektive zeigt.

In Alben hat der damalige Stadtdirektor Karl-Heinz Reuber unter anderem den Bau des Rhein-Lippe-Hafens dokumentiert. Foto: Fritz Schubert

Eine Exkursion der VHS führt am Dienstag, 8. Oktober, von 9.30 bis 16.30 Uhr zu einem Auskiesungs- und Renaturierungsgelände der Firma Hülskens und anschließend zu Lase an der Rudolf-Diesel-Straße. Sie stehen für den Brückenschlag zur Gegenwart. Außerdem werden Kunstprojekte in das Rahmenprogramm eingebettet, das mit einer interessanten Vortragsreihe aufwartet. Donnerstags finden diese oft mit Führungen kombinierten Veranstaltungen statt. Unter anderem spricht Heiko Suhr am 17. Oktober über die Rolle von Stadtdirektor Reuber (1906-1982), dessen Töchter, die die Ausstellung im Vorfeld bereits unterstützt haben, sich auch für diesen Abend als Gäste angesagt haben. Thomas Schriefers stellt am 7. November Architektur, Kunst und Design der Nachkriegszeit vor. Bernd von Blomberg widmet sich am 14. November der Hohen Straße und ihren Geschäften.

Auch den Besuch des Ministerpräsidenten Fritz Steinhoff (links Mitte) 1957 im Lichthof des Rathauses (heute Kaufhof) hielt Reuber fest. Foto: Fritz Schubert

Übrigens suchen Dirk Unsenos und Heinzgerd Schott für ihren Vortrag zum Thema Mobilität am 24. Oktober noch Kfz-Geschichten und Fotos. Sie fragen: Wie war das damals in Wesel mit dem Motorrad, dem Motorroller, dem Auto? Vielleicht sogar mit dem Lkw oder Bus? Mit der Weseler Straßenbahn? Wer mitmachen möchte, wendet sich entweder per Mail an du@isis-ic.com oder per Post an Dr. Heinzgerd Schott, Schwanenhoftstraße13, 46487 Wesel. Fotos oder Unterlagen werden eingescannt. Die Originale gehen per Post zurück. Bitte Absender nicht vergessen!