Wesel: Auschwitz - Jugend hält Erinnern wach

Wesel : Auschwitz - Jugend hält Erinnern wach

Zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus gestaltet in diesem Jahr die Gesamtschule am Lauerhaas das Programm. Im Mittelpunkt steht am Freitag, 27. Januar, wieder eine große Veranstaltung im Willibrordi-Dom.

Seit Kriegsende ist ein Menschenleben vergangen. Viele Wunden sind verheilt, manches Leid vergessen. Junge Menschen haben kaum noch einen Bezug zu den Ereignissen und den Gräueltaten. Stimmt das? In Wesel jedenfalls nicht. Immer im Wechsel richten die weiterführenden Schulen die Veranstaltungen zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus aus. Am Freitag, 27. Januar, ist mal wieder die Gesamtschule am Lauerhaas an der Reihe, wo gestern das Programm vorgestellt wurde. Im Mittelpunkt steht wieder eine große Veranstaltung im Willibrordi-Dom, die um 12 Uhr beginnt und für jedermann offen ist.

Schüler nahezu aller Stufen sind beteiligt. Es gibt Lieder, Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden, Spielszenen und Vorträge. Unteranderem wirkt Paul Glaser aus den Niederlanden mit, der die Geschichte seiner Tante Roosje in dem Buch "Die Tänzerin von Auschwitz" erzählt. Der Band ist erneut Stoff im Unterricht der drei Niederländisch-Kurse in der Q1 (Stufe 12) der Gesamtschule. "Das Buch weckt die Neugier", sagt Can (18), der mit seinen Mitschülern Fragen an Paul Glaser vorbereitet hat. Glaser wird vormittags an der Schule sein und nach dem Mitwirken beim Gedenken im Dom abends ab 19.30 Uhr auch im Kulturspielhaus Scala an der Wilhelmstraße einen Vortrag halten (Vorverkauf sechs, Abendkasse acht Euro) halten.

Mit ihren Füßen haben Kinder wie Viola, Rosalie und Till Spuren gestaltet, die an Schicksale Weseler Juden - hier Rosa und Josef Herz - erinnern. Foto: Schubert

Zu den jüngsten Gesamtschülern, die sich mit den Schicksalen der Juden in der NS-Zeit auseinandergesetzt haben, zählen Viola, Rosalie und Till aus der Stufe 6. Sie präsentierten gestern selbst gestaltete Fußspuren jüdischer Weseler. Mit den eigenen Füßen hatten sie Abdrücke auf Papier gebracht und diese dann mit Lebensdaten der früheren Mitbürger versehen. Wie die in der Stadt an vielen Stellen verlegten Stolpersteine erinnern sie an die Schicksale der Menschen, die in Wesel einmal eine lebendige Gemeinde gebildet hatten. 1933 gab es in Wesel 152 Juden, zehn Jahre später keinen einzigen mehr. Sie waren ausgewandert, geflüchtet oder deportiert worden.

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Pfarrerin Eva Holthuis, die am 27. Januar im Dom als Gastgeberin fungiert, nannte es bemerksenswert, dass die Kinder durch ihre Arbeit selbst unmittelbar mit den Betroffenen in Verbindung getreten sind. Dies werde bei der Veranstaltung eine berührende Wirkung haben.

Bürgermeisterin Ulrike Westkamp verwies in der Runde gestern unter anderem auf Ehrenbürger Ernest Kolman (90), den letzten noch lebenden Weseler Juden aus jener Zeit, der nach England in Sicherheit gebracht werden konnte und der immer wieder kommt, um die Erinnerungskultur zu unterstützen.

Westkamp dankte den jungen Leuten für ihr Engagement ebenso wie Theaterleiter Paul Borgardts, der für den Jüdisch-christlichen Freundeskreis an dem Termin teilnahm. Er stellte fest, dass die Thematik der Judenverfolgung in Wesel eben nicht verblasst. Denn die Erinnerungskultur funktioniere über die Generationen hinweg. Zum Pogromgedenken am 9. November und ganz besonders zum 27. Januar, der ganz von den Schülern getragen werde. Gerade Jugendlichen, so Borgardts, sei es Anliegen, auf das Geschehen aufmerksam zu machen.

Die stellvertretende Schulleiterin Tanja Menninghaus und der didaktische Leiter Thomas Pawlowski betonten das breite Engagement der Schülerschaft über alle Stufen. "Es geht auch, wenn man jünger ist", sagte Menninghaus dazu, dass sich eben auch Zehn- und Elfjährige mit den jüdischen Schicksalen befasst haben.

Das Konzentrationslager Auschwitz, das am 27. Januar vor 72 Jahren befreit wurde, ist zum Synonym für den Massenmord geworden. Dennoch geht es bei der Veranstaltung im Dom nicht nur um dieses eine Lager. Wie Thomas Pawlowski erklärte, gibt es im Programm allerlei Bezüge zu anderen Orten des gleichen Grauens. Etwa durch die (Lied)-Texte von Opfern wie Kambanellis, Glick und Bonhoeffer oder durch Musik von Theodorakis, der nach 1945 noch in einem griechischen KZ gesessen hatte.

Ein- und Ausgang im Dom begleitet übrigens Organist Ansgar Schlei. Im Anschluss an die Veranstaltung in Wesels groter Kerk gibt es eine Kranzniederlegung am jüdischen Ehrenmal in unmittelbarer Nachbarschaft. Dabei wird dann Dr. Norbert Ittmann eine Ansprache halten.

(RP)
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