Ausbildungsserie: Im Kreis Wesel kann jeder noch einen Platz finden

Last-minute-Lehrstellen : Erstmals mehr Lehrstellen als Bewerber

Für eine Bewerbung ist es nie zu spät. Jeder kann jetzt noch einen Ausbildungsplatz finden.

Jahrzehnte lang gab es zu wenige Lehrstellen für zu viele Schulabgänger. Jetzt ist es erstmals umgekehrt: Für 688 suchende Bewerber stehen im Kreis Wesel Ende August noch 807 offene Ausbildungsplätze zur Verfügung. Dies berichten Bereichsleiter Markus Brandenbusch und Sylvia Gill vom Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit Wesel. Das entspricht in der Theorie 1,17 Stellen pro Bewerber. „Die Wende ist vollzogen“, sagt Brandenbusch mit Blick auf Werte von 0,89 (2018) und 0,85 (2017) Plätzen pro Kandidat in der jüngeren Vergangenheit. Die Entwicklung war zum einen am demographischen Wandel ablesbar. Verstärkt ist sie aber auch dem anhaltenden Trend geschuldet, dass immer mehr Abgänger im ihnen bekannten System bleiben möchten, weiterführende Schulen besuchen und über die Sekundarstufe II ein Studium anpeilen. Unterm Strich hat die Zahl der Bewerber um gut acht Prozent beziehungsweise rund 300 Personen abgenommen.

Theoretisch könnte also jeder bis dato Unversorgte im Kreis auch jetzt noch einen Ausbildungsplatz finden. Aber der Lehrstellenmarkt ist laut Brandenbusch nunmal keine mathematische Gleichung. Es geht um Menschen. Und deren Wünsche, Vorstellungen und Möglichkeiten lassen sich nicht eben in jedem Fall mit dem Angebot in Deckung bringen. Es bleibt allerdings dabei, dass auch jetzt, da das neue Ausbildungsjahr bereits begonnen hat, viele Unversorgte trotzdem noch fündig werden und den Start ins Berufsleben schaffen können. Unter den mehr als 800 Last-minute-Lehrstellen – die Zahl verändert sich aktuell laufend – , sind auch solche Jobs zu finden, die gemeinhin unter den Top Ten der Wunschberufe platziert sind.

Gesucht wird vorrangig in fünf Bereichen, die ein Drittel der offenen Stellen zu bieten haben: Verkauf/Handel, Gastronomie, Fachverkauf (Bäcker, Fleischer), medizinische Fachangestellte und Bauhandwerk. Es gibt aber auch noch Ausbildungsplätze bei Friseuren, im Kfz-Handwerk, in Steuerberatungsbüros und bei Versicherungskaufleuten. Selbst für Geldinstitute ist es laut Brandenbusch und Gill mittlerweile zäher geworden, genügend Bewerber zu finden.

Dass selbst Friseure (Platz fünf unter den Top Ten) laut Gill brach liegen, könne mit den Gehaltsvorstellungen zusammenhängen, doch gebe es auch in diesem Handwerk heute gute Entwicklungsmöglichkeiten (Stichwort Visagisten) und Verdienstmöglichkeiten (Leistungszulagen, Trinkgelder). „Wer gut und motiviert ist, kann viel verdienen“, sagt Sylvia Gill, die auch an bereits versorgte Schulabgänger appelliert, nicht angetretene Lehrstellen der Agentur zu melden, damit die Zahlen bereinigt und Plätze neu vermittelt werden können. Es sei ja nicht schlimm, wenn jemand mehrere Eisen im Feuer habe, aber man solle den Rückzieher doch bitteschön melden. Brandenbusch steuert bei, dass im HSK-Handwerk (Heizung, Sanitär, Klima) zuletzt noch gut 60 gemeldete Stellen im Kreis Wesel offen waren. Nicht blenden lassen sollten sich junge Leute von Helferstellen, die vorübergehend besser dotiert sind, als ein Ausbildungsplatz. Die auch zeitlichen Verluste seien hinterher nicht auszugleichen.

Längst reagieren Arbeitgeber flexibel auf den drohenden Fachkräftemangel. Sie lassen sich allerlei einfallen, um für junge Leute attraktiver zu werden. So stehen nicht immer die Schulnoten im Vordergrund. Oft ist es viel wichtiger, dass der Kandidat menschliche Qualitäten hat, zum Beispiel gut ins Team passt. Schwächen in Mathematik etwa lassen sich mit Förderinstrumenten wie der EQ (Einstiegsqualifizierung) ausgleichen. Anreize zum Einstieg können aber auch in der flexibleren Gestaltung von Arbeitszeiten liegen. Ebenso in der Aussicht auf ein Smartphone, eine Beteiligung an Fahrschulkosten oder die Nutzung eines Dienstwagens. Die Experten der Arbeitsagentur wissen von Firmen, die schon Aufträge ablehnen, weil ihnen der Nachwuchs fehlt.

Flexibilität sollten jetzt aber auch die unversorgten jungen Leute an den Tag legen. Auch wenn im individuell absoluten Traumjob gerade nichts zu machen ist, so bietet die Palette von fast 400 Ausbildungsberufen doch auch allerlei Artverwandtes, was sich später gegebenenfalls immer noch nutzen lässt, um ans Wunschziel zu gelangen. Hier helfen die Profis aus der Berufsberatung der Arbeitsagentur weiter. „Nicht aufgeben!“ möchte Markus Brandenbusch enttäuschte Bewerber motivieren. „Es kommen auch jetzt noch immer wieder neue Stellen rein. Probieren, Kontakt aufnehmen, Arbeitgeber kennenlernen“, gibt er Suchenden mit auf den Weg. Und Brandenbusch weiß, dass bald schon die ersten Abbrecher Plätze freimachen. Arbeitgeber seien erinnert, dass es vom Land 24 Monate lang 400 Euro für Betriebe gibt, die zusätzlich, also über Bedarf, ausbilden. Im Kreis Wesel stehen aus diesem Programm derzeit 48 Förderplätze zur Verfügung.

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