Hamminkeln: Aus Liebe zur Brieftaube

Hamminkeln: Aus Liebe zur Brieftaube

Mit einem Tag der offenen Tür will der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter etwas für das Image des einstigen Volkssports tun. In Hamminkeln öffnet unter anderem Gottfried Bückmann morgen von 12 bis 16 Uhr seine Schläge.

Mit dem Image der Tauben steht es nicht zum Besten. In vielen Städten ärgern sich Händler und Kunden über den Kot der Vögel, die auch schon mal als "Ratten der Lüfte" beschimpft werden. Nicht selten werden dabei Brieftauben mit den Stadttauben in einen Topf geworfen. Fakt ist, dass sich der einstige Volkssport, das Brieftaubenzüchten, seit Jahren im Sinkflug befindet. Doch will der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter diesen Trend umkehren. Und zwar mit dem ersten Tag der Brieftaube. Bundesweit werden morgen von 12 bis 16 Uhr Tausende Züchter ihre Schläge für Besucher öffnen. Gottfried Bückmann aus Hamminkeln, der am Windmühlenweg 13 wohnt, ist einer von ihnen.

Jede Taube trägt einen Ring mit dem Namen und der Rufnummer des Züchters. Foto: Klaus Nikolei

Mit seinen 73 Jahren ist der pensionierte Lehrer das älteste des gerade mal noch drei Mitglieder zählenden Vereins Isseltaube Hamminkeln, der Anfang der 30er Jahre gegründet wurde. Bückmann ist seit 1986 aktiv, damals gab es noch 15 Mitglieder. "Wir haben ein großes Nachwuchsproblem. Jedes Jahr nimmt die Zahl der Brieftaubenzüchter in Deutschland um etwa fünf Prozent ab", erzählt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Was soll nun aber der Tag der Brieftaube daran ändern? "Ich befürchte nichts", gibt Bückmann offen zu. "Aber ich hoffe, dass es ein paar Interessenten gibt und wir ein Herz für Brieftauben in der Öffentlichkeit schaffen können."

Nur wenige Wochen alt sind diese beiden Jungtauben im Schlag von Gottfried Bückmann. Foto: Klaus Nikolei

Morgen zwischen 12 bis 16 Uhr wird er seine Schläge öffnen und Besuchern einen Einblick in die Welt der Taubenzucht geben. Unter anderem werden sie erfahren, wie junge Tauben aufwachsen, wie sie erzogen und beringt werden, wie Wettflüge ablaufen und was für eine Technik hinter diesem Sport steckt.

"Die Brieftaube ist ein Hobby für das ganze Jahr", sagt Bückmann. Im Winter wird die Paarung der Zuchttauben geplant. Mithilfe von Stammbäumen, die bis zu vier Generationen verzeichnen, sucht der Züchter die perfekten Paare. "Und jedes Mal denkt man: Das wird das Jahr!" Und dann kommt die Paarung. Wenn sich die Tauben nicht mögen, hat der Züchter keine Chance. "Das Ganze ist sehr menschlich, die Tauben haben ihren eigenen Kopf", sagt Gottfried Bückmann und lacht.

Wenn im Frühjahr die Jungtauben aufgezogen werden, kommt die große Spannung: Ist der Zuchterfolg so gut, wie man es sich erträumt hat? Bei der Zucht der Brieftauben spielen verschiedene Aspekte eine Rolle. "Es geht nicht nur um körperliche Merkmale, sondern auch um Intelligenz und Charakter. Die Taube muss eine gute Orientierung und den Willen haben, nach Hause zu kommen."

In den ersten Tagen ihres Lebens verdoppelt eine Jungtaube ihr Gewicht. Sind die Tauben rund drei Wochen alt, werden sie in einem separaten Schlag untergebracht: dem Kindergarten, wie Bückmann ihn scherzhaft nennt. Dort sollen sie erzogen werden. Dafür lockt der Züchter die Tiere beim Füttern mit einem Pfeifton, den ihm einst sein Vater, ebenfalls ein begeisterter Brieftaubenzüchter, beigebracht hat. Wenn die jungen Tauben dann das erste Mal freigelassen werden, zeigt sich, wie gut die Erziehung funktioniert: Der Pfiff ertönt und die zahmen Jungtauben kehren in ihren Schlag zurück. Zur Belohnung gibt es Erdnüsse.

Natürlich wird auch trainiert: Um 7 und um 18 Uhr drehen die Tauben täglich ihre Runden. "An der Art, wie die Tiere fliegen, erkennt man, ob sie fit sind oder ob sie kränkeln", sagt der Hamminkelner.

Im April geht es dann ans Eingemachte: die Rennsaison beginnt. Bevor die offiziellen Wettflüge starten, finden ab Anfang April Trainingsflüge statt, die genauso ablaufen wie die echten Wettflüge, die bis September immer sonntags stattfinden.

Zu den Wettflügen schickt Bückmann jedes Mal knapp 20 seiner gefiederten Freunde. Andere Züchter gehen mit 60 Tauben an den Start. Ein spezieller Transportwagen, der sogenannte Kabinenexpress, holt am Wettflugtag gut 2000 Tauben der Transportgemeinschaft Bocholt, Rede, Hamminkeln ab, einem Zusammenschluss aller Reisevereinigungen der drei Städte. Der Lkw fährt dann zum sogenannten Auflassplatz, der gut und gerne mehrere 100 Kilometer entfernt ist. Kurz nach dem Start erhalten die Züchter einen Anruf. "Dann fange ich an zu rechnen", erzählt Bückmann. Eine Taube fliegt im Durchschnitt 70 bis 80 Kilometer pro Stunde. "Bei Rückenwind kann eine Taube auch mit 120 Stundenkilometern fliegen." Nach ein paar Stunden setzt sich er dann in seinen Garten und sucht den Himmel nach seinen Tauben ab. "Wenn eine am Himmel erscheint, ist sie klein wie eine Schwalbe. Und wenn sie dann landet - das ist ein unbeschreibliches Gefühl, dieses Kribbeln", schwärmt er.

Für Wissenschaftler ist es auch heute noch ein kleines Wunder, dass sich Brieftauben über hunderte Kilometer so gut orientieren können und wieder nach Hause finden. Aber warum, fragt man sich? Für die Heimkehr der Brieftauben gibt es verschiedene Gründe. "Einmal ist da der Eigentumstrieb", erklärt Bückmann. "Die Tauben wollen ihre Nistzelle verteidigen." Andere Tiere folgen ihrem Brut- und Geschlechtstrieb. Ein guter Züchter kennt seine Tauben und weiß, was sie individuell antreibt. "Es gibt da ein paar Tricks", beschreibt Bückmann sein Verfahren.

Früher musste der Züchter die Tauben bei ihrer Ankunft per Hand registrieren. Heute hat jedes Tier einen Mikrochip am Fuß. Bei der Landung läuft der Vogel über eine elektrische Antenne am Schlag, an der Bückmann ein Handgerät angeschlossen hat, das automatisch die Nummer der Taube und die Ankunftszeit erfasst und anzeigt. Dieses Gerät wird später an einen Zentralcomputer angeschlossen, der mithilfe aller geometrischen Daten der Schläge die Geschwindigkeit der einzelnen Tauben ausrechnet und eine Liste erstellt. Bückmanns Tauben sind noch nie auf dem ersten Platz gelandet. "Ich spiele im Mittelfeld, in der Bezirksklasse, gegen die Bundesliga kann ich nicht gewinnen. Aber damit kann ich gut leben", sagt der Brieftaubensportler.

Natürlich kommt nicht jede Taube zurück nach Hause. "Die Raubvögelpopulation", so Bückmann, "ist ein Problem." Pro Jahr verliert er drei bis vier Tiere. Neben Raubvögeln bilden auch Windräder und Hochspannungsleitungen eine Gefahr für die Brieftauben.

Ein billiges Hobby sei die Taubenzucht sicher nicht, gesteht Bückmann. Schon der Transport für Wettkämpfe kostet etwa 70 Cent pro Taube. Dazu kommen unter anderem die Kosten fürs Futter. Aber das alles macht einem Hobbyzüchter nichts aus. "Denn dieses Kribbeln, wenn die Tauben nach Hausen kommen, das ist unbezahlbar."

In Hamminkeln freut sich morgen, 12 bis 16 Uhr, auch die Schlaggemeinschaft Manfred Küper und Heinz Wanders, Unterhook 1, über Besucher. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Infos: www.brieftaube.de

(RP)