Aus dem Archiv: Zeitungen in Wesel vom Mittelalter bis heute

Hobby-Historiker hat geforscht : Wesel, Deine Zeitungen

Werner Köhler hat die Entwicklung der Zeitungslandschaft in Wesel aufgearbeitet. Der Aufsatz erzählt viel von der Freude der Niederrheiner am gedruckten Wort – und von der Lust auf Lokaljournalismus.

Ehrfurcht ist geboten, wenn man als leidenschaftlicher Zeitungsleser oder Zeitungsmacher diesen Aufsatz liest. Der Autor Werner Köhler hat nämlich nicht weniger als eine kleine Geschichte des gedruckten Zeitungswortes in Wesel geschrieben, von ihren Anfängen im 16. Jahrhundert bis heute. Schon vor 500 Jahren wollten die Menschen in Wesel und Umgebung dringlich das lesen, was vor und neben ihrer Haustür geschieht. Diese Tradition hat sich bis heute gehalten, wenn auch mit weiteren Darbietungsformen. Dass lokale Nachrichten nun auch digital verbreitet werden, verändert sehr wohl die Presselandschaft. Der Job des Journalisten bleibt der gleiche: Aufschreiben, was ist.

Werner Köhler hat aufgeschrieben, was war. Sein Vater Ferdinand war ehemals Lokalchef der Rheinischen Post. Werner Köhler übernahm dessen Archiv und fand in einem der Texte einen Hinweis auf die Zeitungsgeschichte in Wesel. Das war einer von Werner Köhlers Antrieben, der Geschichte der Presselandschaft in Wesel auf den Grund zu gehen. Als Mitglied der Historischen Vereinigung hat er schon mehrere Aufsätze veröffentlicht. Dieser ist, so merkt man, eine Herzensangelegenheit. Köhler listet darin, weitestgehend chronologisch und streng an Namen und Daten orientiert, die Geschichte der Tageszeitungen in Wesel auf. Er bedient sich der Forschungsarbeit anderer Autoren, etwa Karl Westermann oder Irmgard Hantsche. Köhlers Verdienst ist es, einen Überblick geschaffen zu haben. Dass er so weitreichend forschen konnte, ist auch dem Weseler Stadtarchiv zu verdanken. Archivleiter Martin Roelen sammelt alle Druckerzeugnisse der Stadt, von der Postkarte bis zur Zeitung. Immer wieder sichtet er neue Funde. Theoretisch kann für ihn alles interessant werden. Wer hätte vor 500 Jahren schon gedacht, dass ein gedrucktes Wort mal gesammelt gehört?

August Bagel hatte eine Buchdruckerei in Wesel und war zeitweilig Herausgeber des Sprechers. Foto: Stadtarchiv Wesel

Wesel, das war immer auch eine Stadt des Journalismus: Erster Drucker war, so schreibt Köhler, 1496 Swen Ten Nienhus. Elf Weseler Buchdrucker sind bis 1588 verzeichnet – Wesel war damit eine der bedeutenderen Städte mit Druckstätte, wichtiger noch als Berlin oder Dortmund. Diese Tradition sollte fortleben. 1572 wird in Wesel erstmals eine „Neue Zeitung“ gedruckt. In der Zentralbibliothek Zürich befindet sich immer noch ein Exemplar. Damals aber galten andere journalistische Maßstäbe. Die Beiträge hatten durchaus Pamphletcharakter, es fanden sich darunter verbotene religiöse oder politische Inhalte. Die erste Zeitung nach heutigem Verständnis ist wohl das in Duisburg erscheinende Organ „Wöchentliche Duisburgische auf das Interesse der Commercien der Clevischen, Geldrischen, Meurs und Märkischen auch umliegenden Landes Orten eingerichtete Adreße und Intelligentz-Zettel“. Köhler erläutert auch das Wort „Intelligenz“ in diesem Zusammenhang: es leitet sich ab vom lateinischen Begriff intellegere = Einsicht nehmen. Es wurden also auch Anzeigen verbreitet, in die man „Einsicht nehmen“ konnte. 1849 wurde dieses Blatt eingestellt.

Einer der Urväter des Journalismus in Wesel: Der Weseler Verleger Eduard Klönne (1811 - 1877). Foto: Stadtarchiv

Erste tatsächlich in Wesel gedruckte Zeitung war 1772 im Druckhaus Franz Jakob Röders „Der Gemeinnützige“, eine Wochenzeitung. Auf vielfältige Weise bereicherte er die Presselandschaft Wesels mit Titeln wie „Jugendzeitung“, „Beylage zur Jugendzeitung“, „Die Niederrheinischen Unterhaltungen“ oder „Lesebibliothek“. Den Herrschenden waren diese Publikationen nicht immer genehm, denn das Verbreiten des gedruckten Wortes bedeutete immer auch eine Machtstellung. Die Veröffentlichungen hatten nicht selten belehrenden Ton, wollten politisch und moralisch schulen. Für ein weiteres Blatt Röders, die „Deutsche Provinzial Zeitung“ agierte der damalige Weseler Bürgermeister Konrad Duden bis 1805 als Zensor. Und als 1835 das „Intelligenzblatt für Wesel und die benachbarten Städte“ erschien, da wurde von politischer Seite zur Bedingung gemacht, dass „weder politische noch Gegenstände der Religion, der Staatsverwaltung und der Geschichte gegenwärtiger Zeit“ aufgenommen werden sollte. Heute würde man fragen: Ja, was denn dann?

Diese Postkarte zeigt Wesel am Rhein und war Vorlage für Zeitungsköpfe. Foto: RP

Mehrere Dinge fallen auf beim Blick in Köhlers Aufsatz: Dokumentiert ist darin, dass immer wieder auch Pädagogen des Weseler Gymnasiums als Zeitungsherausgeber oder Redakteure fungierten, etwa Professor Ludwig Köhler, der von 1823 bis 1849 Leiter des Gymnasiums war, dann aber wegen liberaler Gesinnung das Haus während der 1848er-Revolution verlassen musste. Später war der Professor des Gymnasiums, Franz Fiedler, Zensor des 1835 gegründeten „Intelligenzblattes für Wesel und die benachbarten Städte.“ Ferner fällt auf, dass die Verbreitungsgebiete sich veränderten – mal dehnten sich die Publikationen Richtung Kleve aus, dann wieder Richtung Duisburg. Es zeigt auch, dass Wesel eine Anbindung sowohl an den Niederrhein als auch an das Ruhrgebiet hat. Der „Rheinisch-Westfälische Anzeiger“ erschien ebenso zeitweise in Wesel wie der „Generalanzeiger“. Blickt man auf die Zeitungen der früheren Zeit, so lässt einen auch die optische Anmutung staunen. „Der Niederrheinische Korrespondent“ etwa erschien ab September 1814 mit einem prächtigen Kopf: Er zeigt den „Vater Rhein“ und die „Tochter Lippe“. Laut Köhler diente hier das Motiv auf der Feldseite des Berliner Tores als Bild.

Mit diesem üppig ausgeschmückten Kopf erschien der „Niederrheinische Correspondent“ in Wesel. Er zeigt den „Vater Rhein“ und die „Tochter Lippe“. Laut Köhler diente hier das Motiv auf der Feldseite des Berliner Tores als Bild. Foto: Stadtarchiv

Ein wichtiger Kopf für die Weseler Zeitungslandschaft war, so schreibt Köhler, der Dichter Martin Boelitz, Sohn von Pfarrer Dr. Paul Boelitz. Er kaufte die im 1868 gegründeten Verlag Fincke & Mallinckrodt erschienene „Weseler Zeitung“, starb aber schon mit 44 Jahren. Sein Bruder Otto wurde später preußischer Kulturminister. Später ging diese Zeitung an Herbert Nuhr über, Großvater des bekannten Weseler Kabarettisten Dieter Nuhr. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs erschien die Zeitung. Es war damals die Zeitung mit der höchsten Auflage aller in den Kreisen Rees und Dinslaken gedruckten Zeitungen.

Von einem regelrechten „Zeitungsboom“ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts berichtet Köhler: „Neuer Anzeiger,“, „Weseler Morgenzeitung“, „Neueste Niederrheinische Nachrichten“, „Niederrheinischer Kourier“. Manche hielten sich nicht lange. Und nicht selten steckten hinter den Herausgebern solche mit vitalen politischen Interessen. Vor den heute maßgeblichen Weseler Zeitungen, NRZ und Rheinische Post, war jedoch vor allem die Zeitung „Generalanzeiger“ das Publikationsorgan in Wesel. Am 18. Januar 1880 erschien er erstmals, am Jahrestag der Gründung des Deutschen Reiches. Schon die erste Auflage war stattlich: 5000 Exemplare. Mit wechselnden Titel und wechselndem Verbreitungsgebiet erreichte die Zeitung eine Auflage von 11.000. Unter „massivem politischen Druck“, so schreibt Köhler, ging die Zeitung zum 1. August 1934 an „Buchdruckerei und Verlag Heinrich Peitsch“. Köhler schildert hier auch die Konflikte des Zeitungsmachers während der NS-Zeit. Es sei Peitsch gelungen, den Generalanzeiger „gegen erheblichen Widerstand der Nationalsozialisten als Heimatblatt weiterzuführen“. Der Weseler Bürgermeister Otto Borgers habe die Zeitung mehrmals verboten. Das Tragen des Stadtwappens wurde untersagt. Die NSDAP sorgte dann 1943 für die Schließung des Verlages. Peitsch kam eine Kooperation mit dem Klever Verlag Boss zur Hilfe. Bis zum 14. Februar 1945 erschien in Wesel „Der Volksfreund“, der Weseler Titel „General-Anzeiger für Wesel“ fand im Kopf einen Platz. Parallel versuchten die Nazis mit einer auch in Wesel erscheinenden „National-Zeitung“ das Volk nach ihrem Willen zu informieren. Nach dem Krieg erschien ab 1. September 1952 Peitschs Heimatzeitung wieder. Die Konkurrenz großer Verlage, auch der Rheinischen Post, wuchs für Peitsch. Köhler notiert: „Mit dem 85. Jahrgang/NR. 175 erschien am 31. Juli 1964 die letzte Ausgabe.“

Unsere Zeitung, die Rheinische Post (RP), erschien erstmals in Wesel am Samstag, 2. März 1946, wenig später auch die „Neue Ruhr Zeitung“ (NRZ) am 13. Juli 1946. Die RP-Auflage lag bei 235.000 Exemplaren, Einzelpreis: 20 Pfennige; ab 1950 dann auch mit einem eigenen Lokalteil Rees-Wesel. Ab 1951 war die RP mit eigener Lokalredaktionen in Wesel präsent. Zwischenzeitlich spielte auch die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) in Wesel eine Rolle, nach dem Zusammenschluss mit der NRZ war sie in Wesel ab 1976 nicht mehr präsent. Es folgte aber ein Anzeigenblatt, „Der Weseler“, der bis heute erscheint, mittlerweile in der der Funke Mediengruppe.

Was lernt man, wenn man diesen Aufsatz über Wesels Presselandschaft gelesen hat? Das Faszinierende ist, wie viel Kraft und Willen in den vergangenen Jahrhunderten Medienmacher in ihr Produkt gesteckt haben, wie wechselvoll die Geschichte war, wie kostbar auch dieses Zeitungserbe ist. Köhler schließt seinen Aufsatz mit einer gehörigen Portion Kulturpessimismus: „140 Zeichen bei Twitter reichen nicht nur dem amerikanischen Präsidenten, um seine Tweets weltweit zu verbreiten“.

Es gibt gleichwohl Anlass zur Hoffnung – denn ein Text bleibt ein Text bleibt ein Text, ganz gleich, ob er auf gedrucktem Papier oder digital auf dem Handy erscheint. „Ein Journalist ist einer, der nachher alles vorher gewusst hat“, hat der österreichische Schriftsteller Karl Kraus (1874 - 1936) einmal gesagt.

Man möchte ihm heute in einer veränderten Zeitungslandschaft entgegnen: Ein Journalist ist einer, der nachher alles aufschreibt, damit man es später besser weiß.“

(sep)
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