Wesel: Auf das rechte Maß kommt es an

Wesel: Auf das rechte Maß kommt es an

Seit zehn Jahren unterstützt der Verein Sozialdienst katholischer Frauen junge Eltern mit seinem kostenfreien Angebot "Wiegen und Messen" - an jedem dritten Donnerstagnachmittag auf dem Dudel.

Wenn es ums "Wiegen und Messen" geht, stehen in Wesel seit zehn Jahren nicht Boxer vor einem Kampf im Mittelpunkt, sondern Babys im Alter von bis zu zwölf Monaten. Dabei handelt es sich um ein kostenfreies Angebot des Sozialdiensts katholischer Frauen an jedem dritten Donnerstag von 14 bis 17 Uhr in der Dudelpassage.

14 bis 18 junge Eltern nutzen dieses Angebot regelmäßig. Die Hebamme Dorothée Baumgartner wiegt die Kinder und misst ihre Größe, um festzustellen, wie sich das Kind entwickelt, schaut, wie beweglich das Baby ist, ob sich Haltungsschäden zeigen und schickt, falls erforderlich, die Eltern zu einem Arzt oder zu einem Osteopathen. Und natürlich beantwortet sie Fragen der Eltern, die sich zudem bei Kaffee und Kuchen austauschen können.

Das Angebot wird zwar überwiegend von jungen Müttern wahrgenommen, aber auch Männer sind regelmäßig dabei. Sozialpädagogin Ingrid Nagel schätzt ihren Anteil auf 30 Prozent. Sie hatte vor zehn Jahren die Idee, ein solches Angebot einzurichten und sprach ihre Hebamme an - Dorothée Baumgartner sagte spontan zu und ist seit zehn Jahren ehrenamtlich dabei. Sie sieht sich während der Beratung auch ein bisschen als Ersatz für die nicht ständig präsente Großmutter oder Tante, die zu weit weg wohnen, um die jungen Eltern, die gerade bei ihrem ersten Kind oft verunsichert sind, zu unterstützen. Dabei geht es dann etwa um die Frage, wann das Baby das erste Mal gebadet werden darf und wie warm das Wasser sein sollte. "Wir holen die Mütter dort ab, wo sie sind", sagt Baumgartner. "Wir stärken und beraten sie."

Auch die Eltern Maryam (34) und Shahrokh Derakhshan (34) nutzen das Angebot "Wiegen und Messen". Während ihr sechsjähriger Sohn Koorosh in einem Stuhl sitzt und aufmerksam ein Kinderbuch durchblättert, liegt sein Bruder Ario, acht Monate alt, auf einer Decke auf einem Schreibtisch und wird von Baumgartner vermessen und auf eine Waage gelegt.

Die Hebamme, die Sozialpädagogin und Teamleiterin Nadine Richter legen allergrößten Wert auf die Feststellung, dass es kein allgemeingültiges Regelwerk für junge Eltern gibt. Weil jedes Kind anders ist.

Aber ein paar Grundregeln lassen sie schon gelten: So sind für Babys und Kleinkinder Rituale sehr wichtig, vor allem, wenn es um das Schlafen geht. "90 Prozent der Babys schlafen zu wenig", sagt Hebamme Baumgartner. Gerade in den ersten Lebensmonaten seien 16 bis 18 Stunden Schlaf normal. Aber wie und wo Kinder einschlafen, ob in den Armen von Mutter oder Vater, im Kinderwagen, im Elternbett oder im eigenen Bett sei eine individuelle Entscheidung, bei der es kein Richtig oder Falsch gibt. Das gelte im Übrigen auch bei der Frage, wie sich Eltern verhalten sollen, wenn Babys nachts schreien. "Viele Mütter vergleichen sich", sagt Nadine Richter. Denn wenn die eine Mutter erzählt, ihr Kind schlafe schon durch, macht sich die andere Mutter Gedanken, warum das bei ihrem gleichaltrigen Kind noch nicht der Fall ist. Regel 2 lautet also: Niemals vergleichen.

Sozialpädagogin Nagel, selbst Mutter, hat zumindest einen Ratschlag für Eltern, was sie tun können, wenn ihr Baby regelmäßig nachts schreit. Ja, aufstehen, ins Zimmer des Babys gehen, es ansprechen und signalisieren, da zu sein, um Vertrauen zu schaffen.

Babys haben ein untrügliches Gespür dafür, ob Mama oder Papa unsicher sind. Regel 3 lautet also: Sich nicht verrückt machen lassen.

(RP)