Arbeitslosigkeit im Kreis Wesel: Kleines Jobwunder

Arbeitslosigkeit im Kreis Wesel : Kleines Jobwunder am Niederrhein

In nahezu allen Städten im Kreis Wesel sind die Arbeitslosenzahlen in den vergangenen zehn Jahren deutlich gesunken. Für Wesel, Hamminkeln und Schermbeck gibt es positive Entwicklungen, nur Moers und Hünxe schwächeln.

Die Zahlen einer Langzeitauswertung sind erstaunlich, sie zeigen, dass auch der ländliche Niederrhein deutlich von der Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt in den vergangenen zehn Jahren profitiert hat. Im Kreis Wesel sank die Arbeitslosigkeit von 2007 bis 2017 um insgesamt 13 Prozent. Es gibt viele Kommunen mit einer überaus starken Entwicklung wie Wesel, Kamp-Lintfort, Xanten, Hamminkeln, Alpen und Rheinberg. Auffällig ist aber auch, dass Moers und Hünxe schwächeln.

Der Trend ist positiv: Noch 2005 gab es mit 25.000 Arbeitslosen einen Höchststand im Kreis Wesel, inzwischen ist die Zahl deutlich abgesunken und liegt nun nur noch bei knapp 14.600 (Stand Oktober 2018). Das entspricht einem Rückgang von mehr als 40 Prozent. Aktuell beträgt die Arbeitslosenquote im Kreis Wesel 6,0 Prozent und liegt damit auch leicht unter dem NRW-Schnitt von 6,4 Prozent. Auch die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat sich in den letzten Jahren im Kreis Wesel positiv verändert und liegt auf Rekordniveau: Zwischen 2005 und 2018 ist sie um etwa 22.000 Beschäftigte auf 136.000 gestiegen.

Bei der Bundesagentur für Arbeit zeigt man sich generell erfreut über die Entwicklung. Die Gründe für die unterschiedlichen Trends in den 13 Kreis-Kommunen seien vielfältig. Sabine Hanzen-Paprotta, Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit, sagt: „Jede Kommune hat Stärken und Schwächen. Kommunen, die selbst Zechen hatten oder deren Bewohner häufig in angrenzenden Ruhrgebietsstädten wie Duisburg oder Oberhausen gearbeitet haben, sind betroffen vom Strukturwandel und weisen daher eine höhere Arbeitslosigkeit auf.“ Daneben wirkten sich Stilllegungen oder Wegzüge größerer Unternehmen durch den Wegfall von Arbeits- und Ausbildungsplätzen insbesondere in Fertigungsberufen aus. So war beispielsweise der Abbau der Arbeitslosigkeit von 2007 bis 2017 in Städten wie Dinslaken oder Voerde eher unterdurchschnittlich. In Moers lag die Arbeitslosigkeit mit 3,9 Prozent sogar über den Werten von 2007. Positiv hingegen Rheinberg – die Ansiedlung von Amazon war ein Jobmotor.

IHK-Chef Burkhard Landers sieht in den Zahlen den Beweis dafür, dass in den Kommunen, die an die Ruhrgebietsstädte Duisburg und Oberhausen angrenzen – Moers, Dinslaken, auch Hünxe, – die Herausforderungen noch immer größer. sind „Die Auswirkungen des Strukturwandels waren und sind hier stärker als in den eher ländlich geprägten Kommunen des Kreises Wesel.“ Wichtig seien auch immer die individuellen Rahmenbedingungen. „Seit 2016 haben fünf von 13 Kommunen im Kreis Wesel die Gewerbesteuer erhöht. Das ist das falsche Signal an die Wirtschaft.“ Positiv wirkten Investitionen, zum Beispiel in die kommunale Infrastruktur und den Breitbandausbau. „Kamp-Lintfort zum Beispiel hat gute Ideen umgesetzt. Hier wurde ein neues großes Gewerbegebiet in Kooperation mit dem Duisburger Hafen entwickelt und vermarktet. Auch die Landesgartenschau 2020 wurde nach Kamp-Lintfort geholt.“ Davon werde die ganze Stadt profitieren, lobt Landers. Es gibt aber auch den nicht zu unterschätzenden Faktor Pendlerquote. Sabine Hanzen-Paprotta erklärt: „Grundsätzlich muss man bei der Beurteilung berücksichtigen, dass Arbeitslose an ihrem Wohnort erfasst werden, der Kreis Wesel aber eine Auspendlerquote von 50,1 Prozent hat.“

Burkhard Landers verweist auf die Erfolge guter Standortpolitik: Die gute wirtschaftliche Lage des Kreises zeige sich zum Beispiel daran, dass im vergangenen Jahr rund 50 Hektar Gewerbeflächen vermarktet wurden. „Der Kreis ist ein attraktiver Standort mit guter Verkehrsanbindung in der Nachbarschaft der erstklassigen Universität Duisburg-Essen und der Hochschule Rhein-Waal.“

Stark ist im Kreis Wesel besonders der Mittelstand. Das zeigen auch die Zahlen. 10.447 Betriebe waren Ende 2017 im Kreis gemeldet. 6861 davon hatten einen bis fünf Beschäftigte. Lediglich 47 Betriebe haben 250 bis 499 Beschäftigte und 24 Betriebe 500 und mehr. IHK-Chef Landers sieht im Kreis Wesel eine „typische Mittelstandsregion“, die geprägt sei von vielen Familienbetrieben. „Sie beschäftigen 70 Prozent der Arbeitnehmer und 90 Prozent aller Auszubildenden.“ Die Politik müsse deshalb politische Entscheidungen mittelstandsfreundlich gestalten, speziell beim Thema Bürokratie. Aber auch die Industrie, so Landers, sei am Niederrhein ein wichtiger Faktor. „Jeder fünfte Beschäftigte arbeitet hier. Tendenz steigend.“ Es gebe am Niederrhein hervorragende, innovative Unternehmen, die auf ihren Gebieten zu den Weltmarktführern gehören.

Mit Sorge betrachten allerdings die Bundesagentur und IHK die Entwicklung beim Fachkräftemangel. Der sei anhaltend hoch, sagt Sabine Hanzen-Paprotta. Im Jahr 2017 hätten sich nur rund ein knappes Drittel der im Kreis Wesel bei der Arbeitsagentur gemeldeten Stellen an Helfer gewendet, 54 Prozent an Fachkräfte und der Rest an höher Qualifizierte wie Techniker oder Akademiker. In einigen Berufen sei es schwierig, Fachkräfte zum gewünschten Zeitpunkt und mit den gewünschten Kenntnissen zu finden. Das betrifft insbesondere Handwerksberufe, aber auch Altenpfleger. Burkhard Landers sagt: „Tatsächlich stufen die Unternehmer den Fachkräftemangel als derzeit größtes Zukunftsrisiko ein. Im Schnitt können vier von zehn Unternehmen ihre offenen Stellen nicht mehr besetzen, in einigen Branchen sind die unbesetzten Stellen deutlich ausgeprägter. Das führt bei manchen Unternehmen bereits zur Ablehnung von Aufträgen.“

Der Jobboom soll anhalten. Für 2019 rechnet das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) auf Bundesebene mit einem weiterhin hohen Beschäftigungswachstum. Darüber hinaus wird ein weiterer Abbau der Arbeitslosigkeit prognostiziert. „Das gilt grundsätzlich auch für den Kreis Wesel, lässt sich aber derzeit nicht genauer vorhersagen“, sagt Sabine Hanzen-Paprotta. Für die Entwicklung sei es nun wichtig, wie viel Gewerbeflächen die Kommunen zur Verfügung stellen können. meint IHK-Chef Landers. „Nur wer Unternehmen auch geeignete Flächen anbieten kann, kann wachsen. In Alpen und Rheinberg stehen zum Beispiel kaum noch geeignete Gewerbeflächen zur Verfügung. Anderswo sieht es kaum besser aus.“

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