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Amputierter Weseler startet auf der Lippe einen neuen Paddel-Marathon

Wesel : Amputierter startet neuen Paddel-Marathon

Matthias Wagner aus Wesel kämpft als Einbeiniger mit Ausdauerleistungen für Inklusion im Sport. Am Wochenende will er mit einer Komplettbefahrung der Lippe von der Quelle bis zum Fusternberg rund 200 Kilometer zurücklegen.

Matthias Wagner hat wieder einmal Großes vor. Hatte der beinamputierte Weseler vor zwei Jahren mit einer 24-Stunden-Aktion auf der Xantener Süd- und Nordsee einen Weltrekord im Stand-up-Paddeln aufgestellt, so nimmt er nun eine besondere Strecke in Angriff. Der 38-jährige Vater zweier Söhne will die Lippe komplett befahren und damit weiter auf die Leistungsfähigkeit von Menschen mit Handicap aufmerksam machen. Denn die würde oft unterschätzt, sagt Wagner, der sich für Inklusion im Sport stark macht. „Hier schreiben wir über das Leben mit ohne Bein, zeigen euch, dass alles möglich ist, wenn ihr es nur wollt“, macht er auf seiner Internetseite www.amputee-outdoor-action.org Leidensgenossen Mut. Überdies ist er vielfältig engagiert, hält Vorträge. Als sogenannter Peer der Unfallkasse berät und betreut er von Amputation Betroffene und deren Familien. Außerdem sammelt Wagner Prothesen für Opfer der Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria. „Die sind ganz arm dran“, sagt der Extremsportler, der im Brotberuf fürs Qualitätsmanagement und die Schweißaufsicht bei der WAT GmbH in Hamminkeln zuständig ist.

Die bevorstehende Herausforderung hat besonderen Charme. Als gebürtiger Weseler ist Matthias Wagner mit Rhein und Lippe aufgewachsen. Da liegt es für ambitionierte Wassersportler nur nahe, die beiden Flüsse auch zu nutzen. Ursprünglich hatte Wagner für dieses Jahr geplant, den Rhein komplett zu befahren. Vom Bodensee bis nach Rotterdam in zwei Wochen. Doch mit Corona kam alles anders, Sponsoren brachen weg. Nun gibt es das Projekt auf dem anderen Hausfluss. Je nach Wasserstand startet Wagner am Samstagmorgen in Bad Lippspringe oder in Paderborn. Gut 200 Kilometer liegen dann vor ihm bis zum Bootshaus seines Heimatvereins Kanufreunde Lippe (KFL) auf dem Fusternberg, wo er am Sonntagabend ankommen will und die Mündung in den Rhein zum Greifen nahe ist. Das Board und die Ausrüstung werden zusammen rund 40 Kilogramm auf die Waage bringen. Enthalten sind die Verpflegung für den Athleten und die Schlafutensilien. An einer Umtragestelle im Raum Lünen will Matthias Wagner mit Schlafsack und Moskitonetz die Nacht verbringen.

Matthias Wagner am Bootshaus der Kanufreunde Lippe auf dem Fusternberg in Wesel Foto: Fritz Schubert

Beim Blick auf die Idylle am Otto-Vorberg-Haus, über dessen Zukunft auch heute wieder am alten Lippehafen zu sprechen sein wird, denkt Wagner auch über negative Begleiterscheinungen von Flussnutzungen nach. Ökologie-Projekte haben die Möglichkeiten auf und an der Lippe schon sehr stark eingeschränkt beziehungsweise unmöglich gemacht. Andererseits gibt es Abschnitte, in denen wassersportliche Laien mit Partybooten und -flößen unterwegs sein dürfen. Die Besatzungen unterschätzen oft das Tempo des trainierenden Paddlers und reagieren nicht auf seine Warnrufe, wenn er mit 14 Stundenkilometern heranrauscht. „Dann liege ich im Kies oder einem Baumstumpf“, sagt er und zeigt sein blessiertes gesundes Knie. Außerdem werden bekanntermaßen vielerorts gerade von Land aus die Regeln für Naturschutzgebiete missachtet. Aktive wie Wagner und seine Clubkameraden können täglich Müll aus dem Fluss holen. So setzt er sich auch dafür ein, dass Naturfrevel weniger schwarzer Schafe nicht dazu führt, dass auch die vielen weißen ausgesperrt werden.

Seine Lippe zum Fluss mit seiner Flora und Fauna drückt sich übrigens zudem in seiner Leidenschaft fürs Angeln aus. Wagner ist Mitglied des SFV Lippestrand und möchte, „dass alles so bleibt, wie es ist“.