Wesel: Als die Synagoge brannte

Wesel: Als die Synagoge brannte

In der Pogromnacht vor 70 Jahren wurde das Zentrum des jüdischen Lebens in Wesel durch Brandstiftung zerstört. Wer die von Nationalsozialisten betriebene Tat beging, ist unbekannt. In der ganzen Stadt kam es zu Plünderungen.

Am Haus Rheinstraße 6 hängt eine Tafel, auf der zu lesen ist: „An dieser Stelle befand sich die letzte Synagoge der jüdischen Gemeinde Wesel.“ Der Verkehrsverein erinnert an jenes Gebäude, das vor 70 Jahren während der Pogromnacht von 9. auf den 10. November 1938 in Brand gesteckt wurde. „Aus Hass und Verblendung“, wie es auf der Tafel heißt. Ein Jahr vor Ausbruch des Krieges erreichte die von den Nationalsozialisten betriebene systematische Judenverfolgung in Deutschland einen neuen Höhepunkt. In Wesel brannte der 1841 errichtete Backsteinbau bis auf die Grundmauern ab. Augenzeugenberichte gibt es nicht, die Quellenlage ist dürftig. Baumgart/Heitkamp erwähnen den Brand in dem Buch „Auf den Spuren der Juden in Wesel“, Ähnliches schreibt Jutta Prieur in „Wesel 1933 bis 1945“.

75 Mitglieder

Mit der „Reichskristallnacht“ begann das letzte Kapital der jüdischen Gemeinde Wesel, die damals 75 Mitglieder hatte (1933 waren es noch 161 gewesen) – weniger als ein Prozent der Gesamtbevölkerung, die bei knapp 25 000 lag. Als „Sühnemaßnahme“ für den deutschen Diplomaten vom Rath, der in Paris von einem Juden erschossen worden waren, wurde jüdisches Eigentum zerstört. „Das war von langer Hand geplant“, sagt Dr. Martin Roelen, Leiter des Weseler Stadtarchivs.

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Wer die Synagoge in Brand gesetzt hat, ist nicht bekannt. „Die Täter kamen wohl nicht aus Wesel, sondern aus dem Ruhrgebiet und aus Emmerich“, sagt Roelen. So wurde die Anonymität der SA-Leute und ihrer Handlanger gewahrt. Umgekehrt wüteten Weseler im Ruhrgebiet – das hatte System.

Der Eingang der Synagoge lag zum Willibrordi-Platz (heute Pastor-Bölitz-Straße), er war über den Hof der jüdischen Schule zu erreichen. Im Erdgeschoss des Gebäudes befand sich eine Wohnung, der eigentliche Synagogenraum lag in der ersten von zwei Etagen.

Das Zentrum der jüdischen Gemeinde wurde auch geplündert. Kunst- und Kulturgut raubten die Nazi-Schergen zudem aus Geschäften. SS- und SA-Leute demolierten das Einrichtungshaus Zaudy (Brückstraße) und zerschnitten vor den Augen der Mitinhaberin Brandenstein einen chinesischen Teppich. Der Familie Leyens wurden Schmuck, Silberwaren und eine Münzsammlung geraubt. Im Textilhaus Tanne (Korbmacherstraße), im Fotoladen Lion (Sandstraße) und in der Metzgerei Herz (Tückingstraße) wütete der braune Mob ebenfalls.

(RP)
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