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Ärger um Gülle in Schermbeck

Ärger in Schermbeck : Seit Wochen wird Gülle unerlaubt ausgebracht

Die Missachtung der Verordnung schädigt den Ruf der Landwirte und das Trinkwasser der Bevölkerung.

Ein oder mehrere Landwirte verärgern derzeit die Bevölkerung der beiden Ortsteile Schermbeck und Altschermbeck. Seit etwa fünf Wochen fahren sie mit ihren großen Güllefässern durch den Ort zu ihren Feldern, um die Gülle dort auszubringen.

„Ich hatte anfangs geglaubt, der Landwirt habe sich nur ein paar Tage mit dem Datum vertan“, berichtet Katharina F. von den Güllefahrzeugen, die sie seit Anfang Dezember auf der Straße Nottkamp im Ortsteil Rüste beobachtete. In den ersten Dezembertagen fanden die Fahrten in der beginnenden Dunkelheit statt, zuletzt auch am helllichten Tag. Doch als ihr auch noch kurz vor Weihnachten beim Joggen immer wieder dasselbe Fahrzeug begegnete, hat sie sich bei uns gemeldet, um auf den Missstand aufmerksam zu machen.

Einen ähnlichen Anruf erreichte die Redaktion vom Waldweg. Dort fiel einem Spaziergänger ein Güllefahrzeug auf, das auf einem Feld an der Straße Auf der Kotte Gülle verteilte. Das Fahrzeug fuhr nach dem Entleeren der Gülle in Richtung Weseler Straße. Mitte Dezember erreichte uns ein Anruf aus Altschermbeck. Dort fuhr ein Güllefahrzeug über die Dorstener Straße in Richtung Rüste, das der Anrufer bereits an mehreren Tagen auf der Umgehungsstraße und an der Abfahrt zur Dorstener Straße beobachtet hatte.

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Bei unserer telefonischen Recherche wurde auch von jüngsten Gülleausbringungen in Buschhausen berichtet, wobei der Fahrer sich nach dem Entleeren des Fahrzeugs über den Lippeweg in Richtung Norden entfernt haben soll. Die Mitteilungen von drei der vier Informanten ließen darauf schließen, dass das Güllefahrzeug von Rüste kam beziehungsweise wieder dorthin zurückkehrte – eine Vermutung, die von einem Anwohner des Rüster Weges bestätigt wurde, als wir uns bei ihm erkundigten. Danach hat es in den vergangenen Wochen in Rüste einen regen Gülleverkehr gegeben, und zwar seitens eines Rüster Landwirts, dessen Name aber nicht mitgeteilt wurde, weil, so der Gesprächspartner am Telefon, „das zwar eine große Sauerei“ sei, man sich aber davor scheue, einen Mitbewohner der Streusiedlung anzuzeigen.

Ein Anruf beim Ordnungsamt der Gemeinde ergab, dass für Fragen der Gülleausbringung die Landwirtschaftskammer Rheinland zuständig ist. Die für Schermbeck zuständige Dienststelle ist im Klever Haus Riswick angesiedelt. Unsere schriftliche Anfrage, ob es im Schermbecker Raum einen Antrag auf Sperrfristverschiebung gegeben habe, beantwortete die Behörde am 19. Dezember:„Bei der Landwirtschaftskammer, Kreisstelle Wesel, sind keine Anträge auf Sperrfristverschiebung im Kreis Wesel eingegangen.“

Damit stand fest, dass das von verschiedenen Personen beobachtete Ausbringen von Gülle in Schermbeck und Altschermbeck verboten war und ist. Die im Jahre 2017 erstellte Düngeverordnung, auf die uns die Landwirtschaftskammer hinwies, weist auch die geltenden Sperrfristen aus. Auf Ackerland dürfen Landwirte in der Zeit vom 1. November bis zum 31. Januar keine Gülle ausbringen. Auf Grünland ist die Sperrfrist etwas kürzer; sie gilt für die Zeit zwischen dem 15. November und dem 31. Januar. Landwirte haben allerdings die Möglichkeit, eine „Sperrfristverschiebung“ für ihren gesamten Betrieb zu beantragen. Mit dem Antrag kann der Landwirt die offizielle Sperrfrist entweder vorziehen oder nach hinten verlagern.

Der Verstoß gegen die Gülleverordnung ist im Altschermbecker Gebiet, zu dem auch Rüste gehört, ein besonders schwerwiegendes Delikt, weil in diesem Bereich die Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft (RWW) aus Brunnengalerien das Trinkwasser für Teile des Ruhrgebietes und auch für große Teile von Schermbeck entnimmt. Um das Trinkwasser vor einem zu hohen Nitrateintrag zu schützen, wurde schon vor einem Vierteljahrhundert eine Kooperation zwischen RWW und Landwirten im Bereich der Brunnengalerien geschlossen. Landwirte, die sich an die Vorgaben des Vertrages halten, werden finanziell entschädigt.

Für die Kontrolle des richtigen Umgangs der Landwirte mit der Gülle ist unter anderem auch die Landwirtschaftskammer zuständig. Deren „Gülle-Polizei“ ist personell aber so knapp besetzt, dass pro Jahr nach dem Zufallsbetrieb nur etwa jeder zehnte Betrieb kontrolliert wird. Die Wahrscheinlichkeit, kontrolliert zu werden, liegt nur etwa bei zehn Prozent. Angesichts des Drucks, der durch die immer größer werdenden Tierbestände und zu wenig Flächen für die Gülleausbringung auf den Höfen entsteht, gehen Landwirte das Risiko ein, trotz Sperrfristen ihre Gülle auszubringen. Wenn der Landwirtschaftskammer jedoch ein Landwirt gemeldet wird, der gegen die Gülle-Verordnung verstößt, dann geht sie – nach eigenen Angaben - diesem Vorwurf nach. Dazu, so teilte die Landwirtschaftskammer unserer Zeitung am 17. Dezember mit, solle man den betroffenen Landwirt ebenso mitteilen wie den genauen Ort und Zeitpunkt der Gülleausbringung.