Abbaugebiet für Kies in Wesel: Und plötzlich kamen die seltenen Vögel.

Abbaugebiet in Bergerfurth : Viele Vögel sind schon da

Wo der Kiesabbau Lebensraum auf Zeit schafft: Bei einem geplanten Abbaugebiet in Bergerfurth hat das Unternehmen Holemans zunächst nur oberflächlich abgetragen. Und plötzlich kamen die seltenen Vögel.

Der neue Lebensraum für die Vögel liegt versteckt, am Rande der Bergerfurther Straße. Eine große Brachfläche voller Sand, nicht im klassischen Sinne schön, aber für viele seltene Vögel eine neuer wertvoller Lebensraum. Der große Vorteil: Hunde laufen hier für gewöhnlich nicht umher, weil dieser Ort für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Das freut den Flussregenpfeifer, den Austernfischer, den Kiebitz und den Eisvogel, die in Bergerfurth eine neue Heimat auf Zeit gefunden haben. Ganz bewusst ist hier ein Brutlatz für Vögel geschaffen worden, für die es sonst kaum eine Heimat in der Region geben würde.

Das Kiesunternehmen Holemans hat eingeladen und will mit dem am Niederrhein bekannten Naturfotografen Hans Glader zeigen, wie auch eine vor der Abgrabung stehende Kiesfläche attraktiv für seltene Tierarten werden kann. „Natur auf Zeit“, lautet das Schlagwort. Das Prinzip funktioniert so: Das Kiesunternehmen hat eine erste obere Schicht an Erde abgetragen, darunter liegen Sande, die noch nicht weggenommen wurden. Die Vögel finden hier direkt am Wasser also ein Umfeld, in dem laut Umweltwissenschaftlerin Beate Böckels der natürliche Lebensraum imitiert wird. Eigentlich leben diese Vögel an Bachauen, am Flussufer, in Flachwasserbereichen. Normale Flüsse würden kaum noch einen solchen Lebensraum bieten, sagt Naturfotograf Hans Glader. Der gebürtige Österreicher ist in der gegenwärtigen Debatte um die Kiesabbauflächen vorsichtig, will sich zu dieser politischen Frage nicht äußern. Bei einem aber ist er sich als Natur-Experte sicher: „Dieser Ort hier ist wie gemacht für die Vögel.“

Kennzeichen „langer orangefarbener Schnabel“: der Austernfischer. Foto: Hans Glader/H.Glader

Die obere Abgrabung erfolgte Ende 2018, es gibt noch keinen Bewuchs, nur reine Sand-Kies-Fläche. Genau diesen Lebensraum suchen die Tiere. In einigen Jahren würde das Areal zugewachsen sein mit Weiden und Gras. Spätestens dann würden die Vögel wohl ohnehin hier nicht mehr den Wunschlebensraum vorfinden, sagt Beate Böckels. Bei neuen Abgrabungen könnte dann erneut ein Teilstück für die Vogelwelt freigehalten werden. Beate Böckels als Vertreterin von Holemans ist von diesem Ansatz überzeugt, auch Hans Glader teilt diese Begeisterung.

Der hübsche Eisvogel wird am See heimisch. Foto: Hans Glader/H.Glader

Natürlich ist es für das Unternehmen auch ein öffentlichkeitswirksamer Termin, weil hier eben eine andere Geschichte erzählt werden kann als die von der Kiesindustrie als Zerstörer der Schöpfung. Es gibt eben nicht nur eine Wahrheit. Die Vogelwelt schätzt ganz offenbar dieses Fleckchen Erde in Bergerfurth sehr. Erst in eineinhalb Jahren soll an dieser Stelle abgebaggert werden noch eine weitere Brutsaison können die Vögel hier also mitnehmen.

Markanter gelber Ring um schwarzes Auge: Flussregenpfeifer. Foto: Hans Glader/H.Glader

Der Slogan „Natur auf Zeit“ beschäftigt auch die Forschung seit Längerem. Europaweit wird der Begriff diskutiert. Unterstützt durch Bundesumweltministerium und Bundesamt für den Naturschutz arbeitet die Stiftung Rheinische Kulturlandschaft derzeit jedoch an einer Konzeption, wie auf brachliegenden Gewerbeflächen oder auch Rohstoffreservaten temporär Naturschutzprojekte umgesetzt werden können.

Nest an Abbruchkante: die Uferschwalbe. Foto: H.Glader

Holemans verweist darauf, dass andere europäische Länder entsprechende Regeln schon gesetzlich verankert hätten. In Deutschland hingegen halte man noch an einem „konservierenden Naturschutz“ fest. Naturschutz und Wirtschaft sollen auf diese Art in Einklang gebracht werden können. Es gibt auch Kritiker dieses Konzeptes – der Ansatz schärft aber das Bewusstsein dafür, dass Natur und Wirtschaft in Einklang gebracht werden müssen. Es ist also der Versuch einer Lösung.

Der Flussuferläufer wird ebenfalls in Bergerfurth heimisch. Foto: Hans Glader/H.Glader
Immer seltener anzutreffen: Kiebitz in Bergerfurth. Foto: Hans Glader/H.Glader
Beate Böckels von Holemans mit Hans Glader am Bergerfurther See. Foto: Hans Glader/H.Glader
Nest mit Eiern des Flussregenpfeifers im Sand. Foto: Hans Glader/H.Glader
Die Rostgans – der Name ist hier Farbprogramm. Foto: Hans Glader/H.Glader

Beim Ortstermin hat Hans Glader ein großes Fernglas dabei und überblickt das Habitat. Er entdeckt den Flussregenpfeifer, Kiebitz, Wildgänse, sogar einen schwarzen Schwan („den gibt es hier natürlicherweise nicht, der ist eingeflogen“). Glader verweist auf ein Nest mit vier Eiern, das der Flussregenpfeifer in den Sand gesetzt hat, ganz unscheinbar. Die hätte er anderswo, wo es an solchen Arealen fehlt, nur schwerer ablegen können. Flächen wie die in der Bergerfurth seien wie Raststätten für viele Vogelarten, sagt Glader. In eineinhalb Jahren werden die Vögel weiterziehen. Es wäre im Sinne der Kiesindustrie, wenn sie immer wieder solche Flächen bieten könnte; es wäre aber wohl auch im Sinne dieser Vögel.

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