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Wesel: "95 Prozent Wirtschaftsflüchtlinge": Experten widerlegen Hovest (SPD)

Wesel : "95 Prozent Wirtschaftsflüchtlinge": Experten widerlegen Hovest (SPD)

Mit einer umstrittenen Aussage zu Asylbewerbern hat der Weseler SPD-Fraktionschef Ludger Hovest bei der Wahlveranstaltung unserer Redaktion für Wirbel gesorgt. Wörtlich hatte er gesagt: "95 Prozent derjenigen, die nach hier kommen, sind keine Asylanten, das sind Wirtschaftsflüchtlinge." In der SPD hat Hovest intern mit seinem Zitat für Verwunderung gesorgt. So reagierte Bundestagskandidat Jürgen Preuß während der Debatte sichtlich irritiert. Auch andere Sozialdemokraten äußerten sich gegenüber unserer Redaktion kritisch.

Hovest, gestern von uns mit seiner Aussage konfrontiert, sagte: "Das war emotional, das würde ich so nicht mehr wiederholen." Im Rat habe er sich immer für die Hilfe für Flüchtlinge ausgesprochen, betonte der SPD-Fraktionschef. Unsere Redaktion hat Experten gefragt. Marcel Berlinghoff, Migrationsforscher der Universität Osnabrück, teilte auf Anfrage mit: "Es ist erstaunlich, wie lange sich Mythen halten, insbesondere wenn es um Zahlen vermeintlich illegitimer Migranten geht. Die Mär von den 95 Prozent Wirtschaftsflüchtlingen stammt von einer Dresdner Pegida-Demonstration." Die Behauptung sei absurd, sagt Berlinghoff. "Selbst wenn man nur die Schutzquote betrachtet, also den Anteil derjenigen, die entweder als Asylberechtigte oder anderweitig als Flüchtlinge anerkannt werden, zeigt sich, dass mehr als die Hälfte derjenigen, die einen Asylantrag stellen, echte Fluchtgründe vorbringen können." In 2016 seien dies 62 Prozent gewesen. Auch der Sächsische Flüchtlingsrat widerlegte Hovest. Den Schutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention erhielten demnach seit Jahresbeginn 20,9 Prozent der Asylantragssteller. Weitere 17,1 Prozent erhielten subsidiären Schutz dafür, dass im Herkunftsland die Todesstrafe, Folter oder Gefahr für Leib und Leben droht. Diese Zahlen legte Mark Gärtner vom Flüchtlingsrat Sachsen vor. Norbert Frieters-Reermann von der Katholischen Hochschule NRW bezeichnet das Wort "Wirtschaftsflüchtlinge" als "politischen Kampfbegriff, der die komplexen Fluchtursachen verschleiert." Weiter schreibt er: "Die ohnehin abwertende Zuschreibung Wirtschaftsflüchtling ist nicht nur diskriminierend, sondern auch ohne jede Fakten- und Forschungsgrundlage."

(sep)