1870/71: Lesung über einen vergessenen Krieg in Wesel

Tobias Arand bei Korn: Lesung über einen vergessenen Krieg

Historiker Tobias Arand, der in Wesel Abitur machte, las bei Korn aus seinem Werk über den Deutsch-Französischen Krieg.

Gut aufbereitete Geschichte zieht offenbar. Auch die Inhaberin der Weseler Buchhandlung Korn war überrascht über die gute Resonanz auf die Lesung von Tobias Arand. Zum Heimspiel des aus Wesel stammenden Historikers blieb kein Platz frei, trotz Windböen und Champions League am Mittwochabend. Dabei ging es um keine leichte Kost, sondern vielmehr um den Krieg 1870/71, einen vergessenen Krieg, wie Arand meinte. An den Krieg erinnert in Wesel beispielsweise der Moltkeplatz, „auf dem allerdings ein Denkmal für Peter Minuit steht“ wie der Autor mit einem Augenzwinkern bemerkte. Über diesen Krieg hat Arand das Buch „1870/71: Die Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges erzählt in Einzelschicksalen“ geschrieben, das er bei Lesungen und Vorträgen vorstellt.

Der Krieg 1870/71 sei ein Vorläufer der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, des Ersten Weltkriegs, so Arand. Folgerichtig beendete das Foto eines trostlosen Schlachtfeldes des Ersten Weltkriegs die Lesung. Auch in den 90 Minuten zuvor hatte es keine sanfte Unterhaltung gegeben. In seinem Buch schildert Arand hautnah das Grauen des Krieges und der Schlachten, die im Nachgang durch Bilder und Monumente geradezu glorifiziert werden sollten. Diesem Abschnitt der europäischen Geschichte gab der Historiker mit seinem Buch gewissermaßen ein Gesicht. Denn er erzählt sie anhand von individuellen Erlebnissen. Das grausame Geschehen auf dem Schlachtfeld wird dadurch erschreckend greifbar und persönlich.

Die Schlacht bei Wörth etwa beschreibt er durch die Augen des französischen Arztes, der schon entsetzt darüber ist, dass er nur mit einem Notvorrat an Verbandszeug und Betäubungsmitteln auskommen muss. Mehrere Tausend Soldaten sterben bei der sinnlosen Schlacht, ebensoviele werden verwundet. Rund um die Uhr arbeitet der Chirurg, versucht die zu retten, denen kaum noch zu helfen ist und die im besten Fall als Krüppel in die Heimat zurückkehren werden. Das Blut habe er sich gar nicht mehr von den Händen abwaschen können. Geradezu zynisch wirkt da im Gegensatz der Bericht eines Künstlers, der den Truppen folgt und die Schlachten verherrlichend auf Leinwand in Szene setzte.

Die Texte hat Tobias Arand über Jahre zusammengetragen, es sind Krankenakten, Soldatenberichte oder Briefe. „Die Quellenlage ist riesig“, sagt Arand. Opulent ist ebenfalls sein Werk mit gut 700 Seiten, das auch im Weseler Buchhandel erhältlich ist.