Wermelskirchen: Zahnarzt arbeitet auf altem Friseurstuhl

Wermelskirchen: Zahnarzt arbeitet auf altem Friseurstuhl

Dr. Gunter Glaser war in den Osterferien zum dritten Mal in Uganda. Eine Woche lang, 40 Patienten am Tag: Und der Zahnarzt will weitermachen.

219 gezogene Zähne, 51 Füllungen, elf paradontole Behandlungen: Acht Tage lang hat der Wermelskirchener Zahnarzt Dr. Gunter Glaser in Uganda die Ärmsten der Armen behandelt. Bereits zum dritten Mal machte er sich im Namen der Remscheider Initiative "Our children and our future" auf den Weg nach Ostafrika.

"Als ich damals zum ersten Mal nach Uganda kam, gab es einfach nur Dschungel", sagt Glaser. Inzwischen ist rund um das Kinderheim der Initiative ein Gesundheitstreffpunkt entstanden. Frauen können hier ihre Kinder zur Welt bringen, es gibt Medikamente. Und für Glaser wird ein alter Friseurstuhl bereitgestellt, wenn er Uganda erreicht. "Es gibt keine Technik", sagt er, "kein Röntgengerät und keinen Absauger." Dank des Lions Clubs steht in seinem Behandlungsraum inzwischen ein Generator, der verlässlich für Strom sorgt. Spiegel, Sonde und Pinzette bringt er ebenso aus Deutschland mit wie Füllmaterial.

Wenn der Zahnarzt morgens sein Zimmer im Kinderheim verlässt und sich auf den Weg zum besonderen Arbeitseinsatz macht, dann warten 50, auch mal 60 Patienten auf ihn. Denn über den Gottesdienst erfahren die Menschen in Uganda schon Tage vorher vom Besuch des deutschen Arztes. "Inzwischen weiß ich, dass ich am Tag nicht mehr als 35 Menschen behandeln kann", sagt er. Also werden die anderen auf den nächsten Tag vertröstet. Wer bleibt, muss warten. Manchmal einen ganzen Tag. "Aber die Menschen bringen Zeit mit", sagt Glaser.

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Kinder und Erwachsene, Menschen, die noch nie im Leben einen Weißen gesehen haben, nehmen dann in seinem improvisierten Praxisraum Platz. "Nicht nur den Kindern ist die Angst dann manchmal ins Gesicht geschrieben", sagt Glaser. Egal, wo man auf der Welt sei, die Angst vor dem Zahnarzt sei die gleiche. Viel mehr allerdings verbindet die Arbeit in Uganda mit seinem Arbeitsalltag in Deutschland nicht: Weil Wurzelbehandlungen nicht möglich sind und er keine Operationen vornehmen kann, die Nachbehandlungen nötig machen würden, muss er viele Zähne ziehen. Inzwischen findet der Zahnarzt immer mal wieder in den Mündern der Patienten Füllungen, die er selbst dort hinterließ.

Seine Arbeit hinterlässt bereits Spuren. Unterstützung bekam er in diesem Jahr von einem Einheimischen. "Er hatte viel Talent und war sehr engagiert", sagt Glaser, "wenn er es schafft, Zahnmedizin zu studieren, würde das meine Arbeit in Uganda unnötig machen."

Bis dahin will er aber weiter helfen. "Ich kann etwas, habe genug und möchte etwas geben", sagt er, "außerdem habe ich keine Angst, den Mund aufzutun." Daneben reize ihn die Arbeit ohne Technik und Hilfe. Das Extreme mache ihm Spaß, und deswegen denkt er bereits über neue Einsatzorte, auch an anderen Orten der Welt nach. "Ich kann Afrika nicht retten", sagt er. Aber die Menschen seien glücklich über die Hilfe. Am Anfang hätten sie sehr verhalten reagiert. "Sie dachten damals, sie müssten die Behandlung zahlen", erzählt der Zahnarzt. Einen Dollar verdienen die Männer und Frauen am Tag. 20 Dollar kostet es, einen Zahn zu ziehen. Als sie verstanden hätten, dass der ärztliche Dienst sie kein Geld kostet, habe sich vieles verändert. Heute lassen die Einheimischen ihren Zahnarzt nicht mehr ohne ein Abschiedsfest zurückfliegen. Dann greift Glaser auch schon mal zu Zaubertricks. "Das nimmt einem die Angst vor dem Zahnarzt", sagt er und lacht, "das funktioniert dort genauso wie hier."

(RP)
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