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Wrmelskirchen „Sprache ist ein Ausdruck von Persönlichkeit“

Wermelskirchen Sandra Meurer : „Sprache ist ein Ausdruck von Persönlichkeit“

Sandra Meurer ist Deutschlehrerin am Gymnasium in Wermelskirchen. Im Interview spricht sie über den Tag der deutschen Sprache.

Frau Meurer, kennen Sie das aktuelle Jugendwort?

Sandra Meurer Die Wahl des letzten Jugendwortes des Jahres liegt schon etwas zurück. 2018 schaffte es das Wort „Ehrenmann/Ehrenfrau“ auf Platz 1. Heute, nur zwei Jahre später, hört man es eher selten, das veraltet sehr schnell. Oft fragen Schüler beim Blick auf die Jugendwörter der zurückliegenden Jahre: Was ist das denn für ein Wort?

Wie verändert sich Sprache eigentlich grundsätzlich?

Meurer In der Oberstufe lesen wir Werke aus verschiedenen Epochen, da wird dann der unterschiedliche Sprachausdruck verglichen – wie war Sprache früher, wie ist sie heute? Jugendsprache verändert sich sehr schnell. Andere Strömungen, wie die vermehrte Verwendung von Anglizismen, verbreiten sich langsamer, sind aber zeitlich konstanter. So gibt es unterschiedliche Veränderungsformen von Sprache.

Was ist für Sie das Schöne an der Sprache?

Meurer Für mich ist Sprache ein Ausdruck von Persönlichkeit. Ich finde es wunderbar, dass man mit Sprache ausdrücken kann, was man denkt und fühlt. Sprache bedeutet aber auch Verständigung und Kommunikation. Der Mensch als soziales Wesen tritt über Sprache mit seinen Mitmenschen in Kontakt. Und dann gibt es noch den Bereich der Literatur, der einem das Eintauchen in andere Welten ermöglicht. Sprache ist sehr vielfältig – und das fasziniert mich.

Haben Sie eine Lieblingssprache?

Meurer Ich bin Deutschlehrerin, daher gefällt mir die deutsche Sprache natürlich gut. Ich unterrichte aber auch Englisch – beide Sprachen liegen mir sehr gut.

Firlefanz, Mumpitz und Schabernack – finden Sie es schade, wenn solche Worte aus dem Sprachgebrauch verschwinden?

Meurer Ich persönlich könnte manchmal auf Schabernack und Firlefanz durchaus verzichten – zumal ständig neue Worte hinzukommen. Wenn natürlich mit einem Wort eine spezielle Idee verbunden ist, dann kann es natürlich sein, dass diese Idee mit dem Wort zusammen verschwindet. Andererseits ist das der ganz normale Sprachwandel, wir sprechen heute ja auch nicht mehr so wie vor 500 Jahren. Sprache verändert sich – man muss mit der Zeit gehen und das Positive sehen. Man kann heute viele neue Dinge ausdrücken, einfach weil es neue und andere Wörter gibt.

Werden spätere Generationen wohl über Worte wie Babo, Smombie oder verbuggt ähnlich denken?

Meurer Wahrscheinlich schon, denn Worte kommen und gehen. Diese habe ich bisher übrigens nicht bei meinen Schülern gehört.

Welche Rolle spielen Kurznachrichten und Soziale Netzwerke bei der Sprachentwicklung von Jugendlichen?

Meurer Wenn man es positiv sieht, kann man sagen: Schüler schreiben auf diese Weise sehr viel. Zwar verkürzt, ja, aber immerhin wird geschrieben. Und das finde ich zunächst einmal gut. Es liegt in der Natur der Sache, dass man sich dabei kurzfassen muss, dass Satzstrukturen vereinfacht oder Wörter abgekürzt werden. Wir behandeln im Deutsch-Unterricht auch Sprachvarietäten. Und die Chat-Sprache, oder die Sprache der Sozialen Netzwerke, ist solch eine Sprachvarietät. Solange den Schülern klar ist, dass sie diese Form der Sprache nur in diesem Kontext verwenden sollten und nicht, wenn sie eine Analyse schreiben müssen, habe ich damit auch überhaupt kein Problem.

Was sagen Sie dazu, wenn gesagt wird, dass die Sprache dadurch verkümmert?

Meurer Ich glaube, deswegen kommt das Thema Sprachreflexion auch im Lehrplan vor. Die Schüler müssen sich darüber klar werden, dass es unterschiedliche Sprachvarietäten für unterschiedlichen Lebensbereiche gibt. Wenn das nicht bewusst ist oder thematisiert wird, ist die Gefahr groß, dass sich die Sprachvarietäten vermischen und unter Umständen Sprache verkümmert.

Inwieweit findet Jugendsprache auch im Unterricht statt?

Meurer In der Mittelstufe gibt es das Thema Sprachreflexion. Da bekommen die Schüler von mir zunächst eine Checkliste, mit der sie sich und ihre Spracheverwendung selbst einschätzen, um sich über ihren eigenen Sprachgebrauch bewusst zu werden. Dann kann man sich die Jugendwörter der vergangenen Jahre ansehen, auch Anglizismen werden häufig behandelt – immer auch mit der Frage, inwieweit man selbst sie bewusst oder unbewusst verwendet. In der Oberstufe ist Sprachentwicklung ein Thema – wie war Sprache früher, wie ist Sprache heute? Und dann gibt es noch Spracherwerb – wie kommt der Mensch zur Sprache? Was war zuerst da, der Gedanke oder das Wort? Das ist faszinierend. Außerdem ist in der Oberstufe die Beschäftigung mit dem sogenannten „Kiezdeutsch“ ein bei Schülern beliebtes Thema. Das geht auch Hand in Hand mit der Jugendsprache. Viele Schüler begrüßen sich zum Beispiel mit „Digga“ oder „Alter“ – aber eben nur untereinander. Sie wissen, dass es untereinander passt und in anderen Bereichen nicht. Da trägt Sprache auch zum Gruppenverständnis bei – man ist Teil einer Gruppe und begrüßt einander mit einem bestimmten Wort. Dazu gibt es auch viele Veröffentlichungen, die zum Beispiel die Frage danach stellen, warum bestimmte Gruppen so miteinander sprechen.

Wie kann man den Jugendlichen die Klassiker von Goethe oder Schiller mit ihrer „alten“ Sprache schmackhaft machen?

Meurer Es hilft, wenn man als Lehrer selbst eine gewisse Begeisterung für das jeweilige Thema mitbringt. Allerdings bietet gerade Goethes Faust mit seiner zeitlosen Thematik der Sinnsuche oder Erkenntnissuche durchaus Andockpunkte für Jugendliche von heute. Man kann also einen Zugang über die Thematik finden und Interesse wecken. Wenn das funktioniert, dann erscheint die Sprache meistens nicht mehr allzu schwierig. Manchmal hilft es auch, neue und moderne Inszenierungen anzusehen – etwa von Schillers Räubern oder Shakespeares Romeo und Julia. Die kann man dann mit dem Original vergleichen. Manchmal muss man bestimmte Phrasen aber auch einfach in die heutige Ausdrucksweise übersetzen – Schillers Räuber sind gerade für jüngere Schüler wirklich nicht leicht zu lesen, keine Frage.

Was ist der Anlass für den Tag der deutschen Sprache?

Meurer Verschiedene Verbände und Institutionen möchten dafür sorgen, dass die Schönheit der deutschen Sprache erhalten bleibt. Andere sagen, dass die Sprache sich einfach wandelt und man sich dem nicht in den Weg stellen kann und soll. An diesem Tag geht es darum, das Bewusstsein für die eigene Sprachverwendung zu schärfen. Ich glaube, dass mit einem solchen Tag auch eine gewisse Wertschätzung für die Sprache geweckt werden kann. Denn Sprache ist etwas Schönes!

Wie wichtig finden Sie solche Tage?

Meurer Es gibt ganz viele solcher Tage für ganz unterschiedliche Themen. Ich finde das grundsätzlich richtig und wichtig, damit den Fokus auf diese Themen zu richten.