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Wermelskirchener Klienten jetzt wieder persönlich beraten

Schuldnerberatung Wermelskirchen : Corona-Schulden mit Verzögerung

Die Schuldnerberatung der Arbeiterwohlfahrt setzt ihre offenen Sprechstunden bis zum Jahresende aus. Nach vorheriger telefonischer Anmeldung sind persönliche Treffen im Büro am Markt 10 aber ab sofort wieder möglich.

Keine direkten Kontakte, obwohl persönliche Gespräche doch so wichtig sind – mit dieser Problematik haben die drei Mitarbeiterinnen der Schuldnerberatung der Arbeiterwohlfahrt in ihrem Büro am Markt 10 seit Beginn der Corona-Pandemie zu kämpfen. Seit dem Shutdown sind die offenen Sprechstunden viermal in der Woche ausgesetzt – „und wir werden auch bis Ende des Jahres keine mehr anbieten, sondern Beratung nur nach vorheriger Anmeldung jeweils zur vollen Stunde von 7 bis 18 Uhr von Montag bis Freitag“, sagt Jutta Paulig. So wolle man Begegnungsverkehr vermeiden.

„Trotzdem stoßen wir an Grenzen, wenn der persönliche Kontakt wegfällt“, sagt Jutta Paulig, die sich mit Constanze Hempel und Andrea Scheidler um die Schuldner kümmert. „Wir wollen Da-Sein, haben aber langsam ein einsames Gefühl“, meint Jutta Paulig. Man sei in der Corona-Krise bewegungs- und arbeitseingeschränkt. „Wir sind keine geschulten Zuhörerinnen. Wir sind auch abhängig von Mimik, Körperhaltung und Augenkontakt“, sagt sie. Körpersprache sei eine der elementarsten Sprache, gerade in der Beratung. Am Telefon gingen viele Sprachebenen verloren. „Da haben wir nur noch den Klang“, meint Constanze Hempel. Außerdem sei die Beratungsstelle nicht vorbereitet, komplett ins Digitale zu schwenken. Immerhin gehe es um hochprekäre Daten, die nicht so einfach in einer Videokonferenz preisgegeben werden dürften. Doch trotz Corona wurde weiter beraten. Viel am Telefon, was die Beraterinnen an der Telefonrechnung gemerkt haben.

Wartezeiten gibt es derzeit kaum, vielleicht mal eine Woche. „Das liegt aber auch an unserer eigenen Flexibilität“, sagt Jutta Paulig. Sind die Probleme drängend, geht es meist schnell mit einer Erstberatung. „Denn wer uns anruft, tut das meist nicht präventiv, sondern es herrscht größte Not“, berichtet Constanze Hempel.

In Wermelskirchener zählt die Schuldnerberatungsstelle etwa 300 Klienten im laufenden Bestand. Bedingt durch die Corona-Krise hätten sich vor allem Menschen frühzeitig gemeldet, die von Kurzarbeit betroffen sind. Oft genug stellen die Beraterinnen fest, dass sich Menschen viel zu spät melden. Aus Scham und Angst. Die Hemmschwelle ist groß. „Für sich gefühlt sind unsere Klienten gezwungen hier. Sie sollen sich bei uns aufgehoben und anerkannt fühlen“, sagt Constanze Hempel. Denn Schulden zu haben, heißt immer auch, nicht gesellschaftsfähig mitlaufen zu können. „Sie haben das Gefühl, raus zu sein“; sagt Constanze Hempel.

Die Beraterinnen glauben, dass ihnen Corona viele neue Klienten bringt, aber wohl erst im Winter. „Dann, wenn es die Kleinstunternehmen doch nicht geschaffen haben oder die Solo-Selbstständigen“, sagt Constanze Hempel. Denn dann müssten die Zahlungen erfolgen, die jetzt aufgeschoben werden dürfen. Wichtig ist den Expertinnen, dass die Klienten erkennen, was sie selber tun können. Jutta Paulig glaubt, dass fast immer irgendetwas geht. „Wir haben hier höchstens eine Hand voll Menschen erlebt, für die wir nichts tun konnten“, sagt sie. Ansonsten sei man sehr kreativ mit Lösungen. Letztendlich entscheide aber der Klient, wohin der Weg geht. „Klassiker“ unter den Gründen für eine Überschuldung ist immer noch der nicht bezahlte Strom oder der Konkurs von Kleinunternehmen wie Einzelhändler, Gastronomen oder Friseure. Auch Angestellte in der Gastronomie sowie aus den Bereichen Kultur, Kunst und Freizeit seien verstärkt betroffen. Sie alle eine ein Gefühl: „Ich bin gescheitert!“

Deshalb findet Constanze Hempel den Begriff Schuldnerberatung nicht gut, das klinge nach Schuld und Scheitern. „Finanzcoaching“ sei viel passender. Dass jemand zu viel eingekauft hat, erleben die Beraterinnen selten, obwohl die Gesellschaft auf Wachstum und Konsum ausgerichtet sei. „Viele Menschen sind arm, können nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen“, sagt Constanze Hempel. Hier könne sie Chancen und Perspektiven aufzeigen. „Denn auch jede gescheiterte Beziehung kann zu finanziellen Engpässen führen, ein Jobverlust hat gravierende Folgen oder Krankheit und Stress in der Familie“, sagt Jutta Paulig. Da sei Schuld relativ, denn in den meisten Fällen seien die Klienten nicht Schuld an ihrer Krise.