Besondere Therapie für Sterbende in Wermelskirchen Hospizverein stärkt Würde am Lebensende

Wermelskirchen · Besondere Therapie für sterbende Menschen: Gudrun Anger vom Hospizverein zeichnet mit Menschen Erinnerungen auf und fasst sie in ein kleines Buch.

Gudrun Anger vom Hospizverein bietet „Würdezentrierte Therapie“ an - dabei können Sterbende eine kleine Biografie über ihr Leben erstellen.

Gudrun Anger vom Hospizverein bietet „Würdezentrierte Therapie“ an - dabei können Sterbende eine kleine Biografie über ihr Leben erstellen.

Foto: Theresa Demski

Wenn Gudrun Anger Menschen im Sterben begleitet, dann kommt es vor, dass sie Papier und Stift zur Hand nimmt. „Eine Dame hat mich mal gebeten, ihre Gedichte abzuschreiben“, erzählt Gudrun Anger. In ihren letzten Lebenstagen wünschte sich die Frau, dass etwas von ihr bleibt. Gudrun Anger begann zu tippen und den Wunsch der Dame zu erfüllen. Ein anderes Mal bat eine Frau die Sterbebegleiterin darum, Markierungen in einem Buch vorzunehmen. „Sie wollte die Lebensweisheiten für ihre Enkelin festhalten“, erzählt Gudrun Anger. In diesen Momenten spürt die Sterbebegleiterin des Hospizvereins den Wunsch der Menschen, etwas zu hinterlassen. Schwarz auf weiß. „Jeder Mensch möchte doch, dass etwas von ihm bleibt“, sagt sie.

Jetzt hat die Ehrenamtliche eine neue Möglichkeit, diesem Wunsch nachzukommen. Sie bietet den Sterbenden die „Würdezentrierte Therapie“ an. Als die 73-Jährige auf einem Seminar zum ersten Mal von der neuen Methode hörte, da wusste sie: „Das hat mir bisher gefehlt“, sagt sie heute. Also ließ sie sich von der Deutschen Gesellschaft für Patientenwürde für das besondere Therapieverfahren ausbilden. „Ich komme mit den Sterbenden ins Gespräch über ihr Leben“, erklärt sie. Die Erinnerungen hält sie in einem kleinen Buch fest. „So entsteht eine Art Biografie“, berschreibt Gudrun Anger. Das Büchlein lässt sie drucken und binden – die Sterbenden können es verschenken. „Es ist eine Wertschätzung am Ende des Lebens“, sagt Gudrun Anger und weiß um die Momente, in denen Sterbende nicht loslassen wollen, weil sie noch nicht alles gesagt haben. „Diesem Gefühl begegnet auch die Würdezentrierte Therapie“, erklärt sie. Für das Gespräch orientiert sich die gelernte Krankenschwester an einem Fragenkatalog, den Harvey M. Chochinov in Kanada entwickelt hat. Was sind die wichtigsten Aufgabenbereiche, die Sie in ihrem Leben eingenommen haben? Was haben Sie über das Leben gelernt, das Sie gerne an andere weitergeben möchten? Wann haben Sie sich das letzte Mal richtig lebendig gefühlt?

Manchmal hätten Menschen vor allem das Bedürfnis, letzte Worte zu formulieren. Ein anderes Mal kämen schöne Erinnerungen und wertvolle Geschichte zutage, die lange verschüttet gewesen seien Das Interview dauert etwa eine Stunde. Die Antworten zeichnet Gudrun Anger auf und tippt sie im Wortlaut ab. „Die Authentizität ist wichtig“, erklärt sie, „Angehörige und Freunde sollen auch den Wortlaut und den Klang wiedererkennen.“ Nach dem Abtippen liest Gudrun Anger den Menschen ihre eigenen Worte nochmal vor. „Sie können ergänzen oder auch streichen“, sagt sie. Erst danach wird die Endfassung erstellt. Die Menschen können eigene Zeichnungen oder Fotos dazugeben. „Es entstehen sehr individuelle kleine Werke“, sagt die 73-Jährige. Dann gibt Gudrun Anger das Büchlein in den Druck und zur Bindung. „Die Menschen entscheiden selbst, wer das Büchlein bekommen soll“, erklärt die Ehrenamtliche des Hospizvereins und verweist auf den Datenschutz und die Verschwiegenheitszusage.

„Es ist nicht auszuschließen, dass auch Themen an die Oberfläche kommen, die die Menschen belasten“, sagt die Sterbebegleiterin. Diese Erinnerungen finden nicht unbedingt Eingang in das Büchlein. „Aber manchmal ist es gut, in diesen Momenten einen Seelsorger oder einen Psychologen dazu zu bitten“, sagt Gudrun Anger. Schließlich wisse sie um ihre eigenen Grenzen als Sterbebegleiterin.

„Die Würdezentrierte Therapie ist ein freiwilliges Angebot“, betont sie. Jedem sei selbst überlassen, was er erzähle und worüber er schweige. Das Angebot sei auch nicht für jeden geeignet. „Es muss noch möglich sein, zu reflektieren“, sagt sie. Gleichzeitig ist die Therapie aber genau für jene Menschen gedacht, die wissen, dass sie bald sterben. Denn Gudrun Anger weiß: „Dann verdichten sich die Erinnerungen.“