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Wermelskirchener Historiker widmet Vertriebenen seine Masterarbeit

Wermelskirchen wissenschaftlich betrachtet : Masterarbeit über die Vertriebenen

Marc Pawlowski Mariano hat im Stadtarchiv und beim Geschichtsverein recherchiert: Am Ende steht eine Fallstudie.

Marc Pawlowski Mariano hatte Fragen. Schon damals am Küchentisch wollte es der Schüler genau wissen: Wie hatten seine Großeltern und sein Vater die Vertreibung aus Schlesien erlebt? Und wie war die Ankunft in Wermelskirchen ausgefallen? „Aber es wurde nicht viel über dieses Thema gesprochen“, sagt der heute 32-Jährige. Und damit bringt er auch schon eine seiner Erkenntnisse auf den Punkt, die er Jahre später bei seiner wissenschaftlichen Recherche gewinnen würde. „Viele Familien haben das Thema eher tot geschwiegen“, sagt der Historiker.

Mark Pawlowski Mariano entschied sich für das Gegenteil: Er wollte Antworten auf Fragen finden, hinter Anekdoten und erste Eindrücke blicken und veröffentlichen. „Mich haben geschichtliche Themen schon immer interessiert“, sagt er und erzählt von seiner Schulzeit auf dem Wermelskirchener Gymnasium und schließlich seiner Entscheidung für das Geschichtsstudium – in Aachen, Düsseldorf und Köln. „Ich glaube, dass man das Heute nur verstehen kann, indem man sich das Gestern anschaut“, sagt er. Und genau das tat er.

 Marc Pawlowski Mariano ist in Wermelskirchen aufgewachsen.
Marc Pawlowski Mariano ist in Wermelskirchen aufgewachsen. Foto: Pawlowski Mariano
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Beim Fußballtraining kam er mit Achim Schulte ins Gespräch – über die Masterarbeit, über mögliche Themen und Recherchewege. Schulte vermittelte den Kontakt zum Geschichtsverein. „Und ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass man sich dort über die Möglichkeit freute, ein heimisches Thema wissenschaftlich unter die Lupe zu nehmen“, sagt Pawlowski Mariano. Volker Ernst öffnete dem Studenten die Wege ins Stadtarchiv und ins Archiv des Geschichtsvereins – und schnell kamen die beiden zu dem Schluss: Die Geschichte der Vertriebenen und ihre Ankunft in Wermelskirchen wäre eine wissenschaftliche Arbeit wert. „Zumal darüber noch nichts Vergleichbares vorlag“, sagt der Historiker. Er entschied sich für eine empirische Fallstudie.

Und er begann zu lesen: Im Stadtarchiv traf er auf die Jahresbände der Bergischen Morgenpost, auf Protokolle aus dem Stadtrat und Veröffentlichungen des Geschichtsvereins. Er fand eine Zusammenstellung von Gerhard Braun über den „Neuanfang in Wermelskirchen“. Jeden Donnerstagabend saß er über Monate bei Volker Ernst im Archiv des Geschichtsvereins und sammelte Daten, Informationen und Unterlagen. Anfang 2021 legte er schließlich seine Masterarbeit vor – und veröffentlichte sie auch als Buch: „Fremde Nachbarn – Vertriebene in Wermelskirchen 1945 bis 1957. Eine Fallstudie über die gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Integration“. Er hatte Antworten gefunden und Einsichten gewonnen. Der Historiker stellte fest, dass die Suche nach Wohnraum und Arbeitsplätzen zu den dringlichsten Themen gehörte. Dass Konkurrenzsituationen auf dem Wohnungsmarkt entstanden und die Stimmung beeinflussten und Vertriebene häufig die Arbeitsplätze nehmen mussten, die sie bekamen – ohne an alte Lebensverhältnisse anknüpfen zu können.

Er fand heraus: Die Stadt forderte Dankbarkeit ein und erwartete gleichzeitig, dass nicht weiter über die Geschichte der Vertriebenen gesprochen werde. „Lange Zeit wurde eher über die Neuankömmlinge gesprochen als mit ihnen“, hat er festgestellt. Erst in den späten 1950er Jahren bekamen Vertriebene eine politische Stimme auf kommunaler Ebene. Bundeskanzler Konrad Adenauer habe damals gefordert, „nicht den preußischen Geist in unsere rheinische Jugend zu pflanzen“. „Jeder ist für sich geblieben“, sagt Pawlowski Mariano und erinnert an Erntefeste, die lange im geschlossenen Kreis der Vertriebenen stattgefunden hätten. Und an den Vertriebenen-Stempel, den auch nachfolgenden Generationen noch aufgedrückt bekommen hätten.

Heute sieht der Wermelskirchener, der inzwischen in Düsseldorf lebt, seine Stadt gelegentlich mit anderen Augen. „Dann fallen mir Straßennamen auf oder ich sehe Ecken in der Stadt anders, weil ich sie mit historischen Bildern verbinde“, sagt er.

Und vor allem habe er verstanden: „Wir müssen miteinander reden und uns verstehen lernen. Einheimische und Neuankömmlinge. Damals und heute.“