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Wermelskirchen: Ziegeleiloch Hilgen ist heute Lebensraum für Tiere

Themenwoche: Natur und Umwelt : Eine Idylle mit dramatischer Geschichte

Das Ziegeleiloch ist heute Heimat für viele Pflanzen und Tiere. Das war nicht immer so. In den 80er Jahren sollte hier ein Gewerbegebiet entstehen. Doch dann kam unerwartet Hilfe.

Schon beim ersten Schritt in das besondere Stückchen Wald, beginnt es in den Kronen der Bäume zu rascheln. Das Knacken eines Astes hat einen Vogel aufgescheucht. „Überall sind die Spuren der Tiere erkennbar“, sagt Ulrich Schott vom Bergischen Naturschutzverein (RBN). Dann deutet er schweigend und zufrieden zum Wasser. „Die Gänse“, sagt er und lauscht dem lauten Rufen der Tiere, zu dem sich das Singen der Vögel gesellt. Als er vorsichtigen Schrittes den Hang zum Ufer hinabgeht und achtsam den sumpfigen Boden hinter sich lässt, eröffnet sich vor ihm die ganze Idylle. Insekten kreisen über der Wasseroberfläche, Gänse putzen sich vertrauensselig auf ihren kleinen Inseln. Und dort, wo niemand sie findet, haben vermutlich Kröten ihren Laich abgelegt. Reiher bauen hier ihren Horst. „Es ist für viele auf den ersten Blick gar nicht sichtbar: Aber hier ist ein Paradies entstanden“, sagt Ulrich Schott, „hier können wir sehen, was Naturschutz erreichen kann.“

Wenn Ulrich Schott an diesem besonderen Ort hinter Bechhausen – direkt an der Stadtgrenze zu Burscheid – nach dem Rechten sieht, erinnert er sich an die dramatische Geschichte, an die vielen Stunden, die sein Vater hier verbrachte, weil er der Zerstörung nicht einfach zusehen wollte.

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Am 4. November 1898 nahm am Nordwestrand die Hilgener Dampfziegelei GmbH ihren Betrieb auf. Der wertvolle Tonschiefer, der hier im Boden liegt, wurde in Ziegel- und Klinkerprodukte weiterverarbeitet. Der Tonabbau gelang mithilfe einer Förderbahn, deren Schienen noch heute aus dem Ziegeleiloch Richtung Berg führen. Im Tal entstand eine tiefe Grube. „Die Grube hätte sich mit Regen- und Grundwasser gefüllt“, sagt Schott, „eine Pumpe verhinderte das.“ Die Zeiten änderten sich: 1975 wurde der Betrieb der Ziegelei eingestellt, die Pumpe abgestellt. „Das Gebiet wurde sich selbst überlassen“, sagt Schott. Und innerhalb weniger Jahre holten sich Tiere und Pflanzen den Ort zurück. Der menschliche Eingriff in die Landschaft hatte es im Grunde erst möglich gemacht, dass an diesem Ort ein kleines Paradies entstand: „Für die Tiere ist das Wasser mit unterschiedlichen Tiefen der entscheidende Faktor“, sagt Schott. Das Ziegeleiloch bot innerhalb kurzer Zeit so viele verschiedene Lebensräume, das Vogelarten zurückkehrten, Amphibien ein Zuhause fanden und die Zugvögel den Ort als Stützpunkt entdeckten. Regenpfeifer und Haubentaucher: Ende der 1970er Jahre beobachteten Naturschützer wie Ulrich Schotts Vater, wie ein Biotop und ein Zuhause für viele Tiere entstand. „Wir haben hier in dieser Region viele fließende Gewässer, aber kaum natürliche stehende Gewässer“, sagt der RBN-Vorsitzende, „deswegen ist dieser Ort so wertvoll und so selten.“ In den 1980er Jahren allerdings befand die Industrie, dass die alte Ziegelei und die Grube deutlich besser zu nutzen seien. Die Eigentümerfamilie habe sich gewünscht, die Grube zuzuschütten und Raum für ein Gewerbegebiet zu schaffen, erinnert sich Schott. Plötzlich kamen Lastwagen mit Bauschutt und Abfällen zum Ziegeleiloch. „Hunderte Kubikmeter Müll wurden hierher gebracht, um die Grube aufzufüllen.

  Ein Blick in die Vergangenheit: Erst diente das Ziegeleiloch als Abbaugebiet, später wurde damit begonnen, die Grube zuzuschütten.
 Ein Blick in die Vergangenheit: Erst diente das Ziegeleiloch als Abbaugebiet, später wurde damit begonnen, die Grube zuzuschütten. Foto: RBN

Das Wasser wurde wieder abgepumpt“, erzählt Schott. Sein Vater protestierte, prozessierte und warb um Aufmerksamkeit für diesen besonderen Ort. In einer Nacht- und Nebelaktion sei der damalige Regierungspräsident nach einem Notruf der Naturschützer ans Ziegeleiloch gekommen, habe die Lastwagen entdeckt und sofort veranlasst, die Pumpen abzustellen. Der Naturschutz hatte sich Gehör verschafft – nach großem Einsatz erreichten die Ehrenamtlichen 1983 die Unterschutzstellung. Seit dem dürfen Spaziergänger die Wege nicht mehr verlassen, Hunde dürfen nicht frei laufen, Lagerfeuer, Picknicks, erst recht Angelausflüge oder Bootsfahrten sind strengstens verboten. „Die Tiere sind zurückgekommen, weil sie wissen, dass sie hier ihre Ruhe haben“, sagt Ulrich Schott. An den steilen Hängen entwickeln sich Laubmischwälder aus Buchen, Eichen und Birken, am Übergang zum Gewässer wachsen Eschen und Asch-Weiden. „Nach all den Jahren müssen wir den heimischen Naturschutzgebieten hier und da noch mal ein bisschen helfen“, sagt Schott und denkt an ehemals sandige Uferbereiche, die heute verwildern und verbuschen. „Damit zum Beispiel der Flussregenpfeifer, der den sandigen Uferbereich braucht, hier weiter leben kann, wollen wir in den nächsten Monaten an einigen Stellen die Äste zurückschneiden“, sagt Schott und deutet auf die andere Seite des Ufers. Dann tritt er vorsichtig den Rückweg an. Er hoffe fast ein bisschen, dass die Menschen diesen Ort nie wieder für sich entdecken, sagt er nachdenklich. Denn jetzt gehört er der Natur.