1. NRW
  2. Städte
  3. Wermelskirchen

Wermelskirchen Wieso sich kein Schwein blicken lässt

Bergisches Land : Wieso sich kein Schwein blicken lässt

Vor einem Jahr, mit Beginn der Pandemie, tauchten Videos von Ziegen in Städten und Elchen in Dörfern auf. Hat sich die Natur ihren Lebensraum wirklich zurückerobert? Thomas Wirtz, seit 40 Jahren beim Nabu aktiv, über Tiere, die den Wald verließen – und die wieder heimisch sind in der Region.

Das Glück der einen bedeutet das Leid der anderen, so spielt das Leben mitunter. Heißt für die heimische Fauna konkret: Wer nicht unbedingt muss, sollte dieser Tage besser nicht als Kormoran das Licht der Welt erblicken. Denn in unmittelbarer Nähe zum Nest wartet womöglich schon der Feind – der nichts lieber verspeist als den dunkel gefiederten Wasservogel. Die Rede ist vom Uhu.

Lange schien die größte Eule der Welt nicht mehr besonders angetan vom Alltag im Rheinisch-Bergischen-Kreis, suchte sich anderswo ein nettes Plätzchen zum Fliegen, sich fortpflanzen, Mäuse fangen. „Nun aber beobachten wir seit einiger Zeit mindestens vier Brutpaare“, erzählt Thomas Wirtz. Der 57-Jährige leitet die Geschäftsstelle des Naturschutzbunds (Nabu) im Kreis ehrenamtlich und kennt in der heimischen Flora und Fauna quasi jeden Stein mit Vornamen. Oder, anders ausgedrückt: Würde er mitten in der Nacht mit verbundenen Augen in einem Waldstück ausgesetzt, er würde schnurstracks und ohne Probleme nach Hause finden.

Dass der Uhu, der in der gesamten Bundesrepublik als selten gilt, wieder in die Region zurückkehrte, erklärt sich Wirtz mit den Voraussetzungen, die sich für den Greifvogel anscheinend zum Positiven veränderten. „Womöglich störten ihn früher Kletterer, oder eine andere Eulen-Art verdrängte ihn“, glaubt der Witzheldener, der sich oft mit Landwirten, Förstern und Jägern austauscht. Die Pandemie spiele für sein Comeback jedenfalls keine Rolle.

Zu Beginn des Corona-Ausbruchs vor einem Jahr, das beobachtete auch der 57-Jährige, fanden sich in den sozialen Netzwerken und im Fernsehen auf einmal Videos, die Tiere zeigten, die entspannt durch Straßen streiften. In einem Vorort von London machten es sich Hirsche auf der Wiese einer Wohnsiedlung gemütlich, in Chiles Hauptstadt Santiago wurde ein Puma zum Tourist. Hat er ähnliche Beobachtungen auch im Bergischen gemacht? Entdeckten auch hier die Tiere wegen der fehlenden Präsenz des Menschen, der sich zwangsläufig drinnen aufhalten sollte, ihre Heimat neu? „Ehrlich gesagt stehe ich diesen Videos skeptisch gegenüber, denn es könnte sich auch um Fakes handeln“, gibt Wirtz zu Bedenken. „Tatsächlich ist es auch gar nicht ungewöhnlich, wenn zum Beispiel in nordischen Ländern Elche durch ein Dorf laufen.“ Der einzige Entdecker, die sich in Städten herumtreibt, seien alte Bekannte: die Marder. In Sachen Zivilisationsfolger gibt es also keine Überraschung zu vermelden.

Wirtz beobachtet seit einigen Monaten tatsächlich das Gegenteil: dass sich die Tiere weiter in den Wald zurückziehen. „Dadurch, dass in 2020 weniger Urlauber im Ausland waren, sind viele Menschen hier spazieren und wandern gegangen oder auch Rad gefahren“, sagt Wirtz. „Und das auch in eher abgelegenen Gegenden, die sonst selten jemand betritt.“ Selbst mit E-Bikes sei mancher durch tiefen Schlamm gefahren, „was mich doch fassungslos stimmt“. Durch die Unruhe, die so auf einmal im Wald herrschte, hätten sich beispielsweise Wildschweine und Rehe tiefer ins Dickicht begeben, mitunter seien sie sogar von einer Parzelle zur nächsten geflüchtet. „Die Tiere müssen dabei ihre Energieressourcen nutzen, was sich als problematisch gestaltet, wenn sie im Winter nicht genug zu fressen finden konnten“, betont der Nabu-Geschäftsführer. Am besten sei es, der Mensch bliebe auf den ausgegebenen Wegen; dort müsse er auch nicht fürchten, häufig auf „Heimlichgänger“, also nachtaktive Tiere wie eben Wildschweine, zu treffen.

Zumal sich auf den leicht zugänglichen Pfaden Spuren vieler Tiere erkennen lassen. Zum Beispiel vom europäischen Biber, ein weiterer Heimkehrer, der sich an den Talsperren und rund um die Wupper ansiedelt und sich mit seinen nachwachsenden Zähnen an Baumstämmen zu schaffen macht. Und in Zeiten des Lockdowns sei es sogar problemlos möglich, die lokale Fauna vom eigenen Garten aus zu beobachten – und dabei sogar dem Naturschutzbund bei einer bundesweiten Aktion zu helfen. In der Zeit vom 8. bis zum 10. Januar seien alle Bürger eingeladen, eine Stunde lang sämtliche Vogelarten zu zählen, die ihnen auffielen. Auf der Homepage www.stundederwintervoegel.de könnten sie die Daten dann eingeben. Wirtz: „So schauen wir, welchen Einfluss die Pandemie auf beispielsweise Stare, Zeisige, Spechte, Sperlinge und Rotkehlchen hat“, sagt Wirtz. Und wer weiß: Vielleicht gesellt sich der inzwischen hier ansässige Eisvogel dazu. Oder ein Uhu taucht auf.“

Auch wenn das natürlich keinem Kormoran zu wünschen wäre.