Wermelskirchen: Wie das Unternehmen Steintex Frauenförderung vorantreibt

Für Mitarbeiterinnen werden Seminare angeboten : „Frauen trauen sich immer mehr zu“

Das Unternehmen Steintex ist von der IHK Köln als „Chancengeber des Jahres 2018“ ausgezeichnet worden.

Bei der Auszeichnung handelt es sich um einen Preis, der das Engagement in der Frauenförderung ehrt. Hella Weber vom Stein, deren Ehemann Walter vom Stein das Unternehmen leitet, und Ayse Tomris, Mitglied der Geschäftsführung, setzen sich seit einigen Jahren für einen Wandel ein. Ein Gespräch über „Female Empowerment“, die Bedeutung von Kommunikation und eine neue Unternehmenskultur.

Mit welchen Angeboten fördert Steintex speziell Mitarbeiterinnen?

Tomris Unsere Mitarbeiterinnen nehmen regelmäßig an verschiedenen Seminaren und Workshops teil. Im März 2018 haben acht Mitarbeiterinnen einen Wochenend-Workshop besucht zum Thema „Aufstiegskompetenzen“ speziell für Frauen. Auch Wiedereinstiegsmanagement für Frauen ist für uns ein brandaktuelles Thema. Seitdem ersten Workshop kommen die Frauen im Unternehmen auch jeden zweiten Freitag im Frauen Treff zusammen, um sich über verschiedene Themen auszutauschen.

Welche Themen beschäftigen Ihre Mitarbeiterinnen besonders?

Weber vom Stein Wir besprechen persönliche Erfahrungen. Wo gibt es Probleme, was möchte ich erreichen. Konkret geht es meistens um Kommunikation. Wir analysieren die Kommunikationskultur im Unternehmen. Frauen müssen oft lernen konkreter zu kommunizieren, Männer müssen lernen, genauer hinzuhören.

Wie profitieren Unternehmen davon, wenn sich die Kommunikation zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verbessert?

Weber vom Stein Wenn die Kommunikation nicht stimmt, kann das teuer werden. Probleme muss man ansprechen, sonst kommen diese Befindlichkeiten eben anders zum Vorschein. Mit gelungener Kommunikation verbessert sich die Wertschöpfung eines Unternehmens. Aber auch die Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen steht im Fokus.

Welche Rolle spielt die Persönlichkeitsentwicklung der Mitarbeiter? Müssen sich Frauen oder Männer verändern, damit die Zusammenarbeit besser klappt? x

Weber vom Stein Unsere Erkenntnis lautet „Nicht entweder … oder…“ sondern „sowohl … als auch“. Alle Aspekte die Männer und Frauen mitbringen ergänzen und bereichern sich. Denn in einem Unternehmen braucht man beides: Menschen, die die Schlagkraft haben, den Weg vorzugeben. Und Menschen, die das erfolgreich umsetzen können, dafür braucht es die weibliche Energie. Das „Weibliche“ ist langfristiger, umfassender, langsamer - aber auch nachhaltiger. So kann eine neue Unternehmenskultur entstehen.

Wie sieht diese neue Unternehmenskultur aus?

Weber vom Stein Weibliche Eigenschaften sollen in ihrer Wertigkeit steigen. Das ist ein Wandel, der findet gerade überall statt. Wir nehmen diese Andersartigkeit dankbar wahr und arbeiten an der Gleichwertigkeit. Wir schauen uns auch die Motivationen des Einzelnen im Beruf an.

Tomris Die Bedürfnisse, die Männer und Frauen an ihren Arbeitsplatz haben, sind da unterschiedlich. Als kleiner Familienbetrieb zeichnet uns aus, darauf Rücksicht zu nehmen.

Weber vom Stein Es geht nicht mehr um „Human Resources“ – welche Ressourcen bringen Mitarbeiter mit – sondern um „Human Potential“ – welche Potenziale kann ich bei meinen Mitarbeitern freisetzen.

Wie sieht das konkret aus?

Tomris Ich gebe ein Beispiel. Wir hatten eine Stelle in der Buchhaltung ausgeschrieben. Ich saß mit einer jungen Frau im Bewerbungsgespräch und stellte fest: Sie ist fachlich gut geeignet, aber ihr Herz schlägt eigentlich für den Vertrieb. Das ist die Kunst: zu erkennen, dieser Mensch ist in etwas anderem vielleicht noch besser.

Was hält Frauen dann vielleicht zurück, wenn es darum geht, sich beruflich zu verwirklichen?

Tomris Frauen trauen sich immer mehr zu. Das fängt bei der Bewerbung an. Statistisch gesehen bewerben sich Männer auch auf eine Stelle, wenn Sie nur 50 Prozent der genannten Anforderungen in der Stellenanzeige erfüllen. Frauen bewerben sich erst, wenn sie mindestens 80 Prozent erfüllen. Auch im Bewerbungsgespräch zeigt sich oft: Frauen sind fachlich gut, aber können sich nicht verkaufen.

Es geht also darum das Selbstbewusstsein von Frauen zu stärken?

Weber vom Stein Frauen müssen selbstbewusster werden und auch lernen, besser zu verhandeln. Es geht um weibliche Ermächtigung. Wenn Frau mehr Macht nimmt, dann ist das auch gut für den Mann. Dann kommt auch für ihn eine Entspannung.

Tomris Frauen brauchen keine Angst vor der Führung zu haben. Sie müssen sich sagen: Ich kann, ich will und ich werde führen.

Frau Tomris, Sie sind bereits seit über dreißig Jahren im Unternehmen. Sie haben damals eine kaufmännische Ausbildung gemacht, jetzt sind Sie Teil der Geschäftsführung. War das als Frau ein schwierigerer Weg, als für einen Mann?

Tomris Definitiv. Ich bin geprägt worden. Aber was wichtig war, das war die Rückendeckung des Geschäftsführers, die ich erfahren habe.

Weber vom Stein Du hast dein Fingerspitzengefühl und deine weibliche Diplomatie in die Führung gebracht. Das ist eine tolle Kombination, für die wir dankbar sind.

Tomris Das hat sich all die Jahre gut ergänzt.

Weber vom Stein Das tut es immer noch.

Mehr von RP ONLINE