Wermelskirchen: Wenn Seenotrettung ein Gesicht bekommt

Kirchenkino in Wermelskirchen : Seenotrettung bekommt im Kino ein beeindruckendes Gesicht

Das Kirchenkino zeigte den Film Styx – und Ousmani Diallo aus Guinea berichtete von seiner eigenen Flucht. Das war eindrucksvoll und bewegend.

Als Ousmani Diallo den Mittelgang des Kinos entlanggeht, blickt er sich etwas unsicher um. Er trägt eine Art Tracht. Gelb und farbenfroh, so wie sie Menschen in Guinea tragen. Dann erklärt er den Besuchern im Film Eck, er habe seine Erinnerungen aufgeschrieben. Um nichts zu vergessen, um von jenen Jahren berichten zu können, die alles veränderten. Irgendjemand hat ihm geholfen, die richtigen Worte zu finden, wenn er selber an die Grenzen der neuen Sprache stieß. Diallo bedankt sich – dass man ihm zuhöre.

Das Film-Eck ist voll. Das Team des Kirchenkinos zeigt das prämierte Seenot-Drama Styx und hat dafür mit Rettungswesten in der Innenstadt geworben – und Diallo eingeladen. „Weil man sich die Zahlen der Menschen, die auf dem Mittelmeer sterben, eigentlich gar nicht vorstellen kann“, sagt Jochen Bilstein von der Initiative „Willkommen in Wermelskirchen“, die zu diesem Anlass eine Kooperation mit dem Kirchenkino geschlossen hat. Und dann erzählt Diallo von seiner Flucht aus Guinea. „Ich habe viele Bilder im Kopf“, sagt er. Von dem Leben in Guinea, von dem Massaker 2009, von Morddrohungen, Verhaftung und Folter. „Dann bin ich geflohen“, sagt er. Erst aus dem Gefängnis, dann aus seiner westafrikanischen Heimat. Sein Ziel: Libyen. „Ich dachte, dass ich dort für immer leben könnte“, erzählt er. Aber auch Libyen entpuppte sich als eine Hölle auf Erden. „Ich hatte mich geirrt“, sagt Diallo und blickt von seinem Papier auf, „einfach geirrt.“ In Libyen wurde er erst ins Gefängnis geworfen, dann als Sklave verkauft. Und dann hörte Ousmani Diallo von Europa – von Demokratie und menschenfreundlichen Gesetzen. Im Winter 2016 bezahlte er mit seinem letzten Geld den Schlepper, bestieg mitten in der Nacht das volle Schlauchboot und kämpfte gegen die Angst.

„Nach ein oder zwei Stunden gerieten wir in Seenot“, erzählt er. Ein Mann sei über Bord gegangen und ertrunken. Und plötzlich sei ein leeres Schlauchboot in Sichtweite getrieben, Leichen schwammen im Wasser. Dann spricht Diallo frei, lässt den Zettel sinken. „Das war nach dem Massaker das zweite Mal in meinem Leben, das ich Leichen gesehen habe“, sagt er und schweigt eine Weile – bevor er wieder seinen Zettel zur Hand nimmt. „Wir hatten Glück“, sagt er dann. Erst kam ein Hubschrauber, dann sahen die Flüchtlinge ein Schiff am Horizont. „Es hat so unendlich lange gedauert, bis es bei uns war“, erzählt Diallo. Dann: Westen, Wasser und die Rettung. Italien. Er stellte keinen Asylantrag, arbeitete für ein bisschen Geld und erwischte am 27. Februar 2016 den Zug von Mailand nach München. Und dort gaben ihm die Menschen ein Signal, das er bisher in seinem Leben nicht bekommen hatte: „Ich war willkommen.“

Dann bedankt sich Diallo. Ohne Zettel, ihn hat er längst zusammengefaltet. Vermutlich kennt er den Film noch nicht, der ihm gleich die Szenen auf dem Mittelmeer vor Augen führen wird. Was sie wohl mit ihm machen? Aber jetzt schaut er ins Publikum: „Die Menschen, die hier angekommen sind und noch ankommen werden, brauchen Ihre Hilfe“, sagt er, „auch weiterhin.“