1. NRW
  2. Städte
  3. Wermelskirchen

Wermelskirchen: Wenn Jugendbücher Flügel verleihen

Deutscher Jugendliteraturpreis : Wenn Jugendbücher Flügel verleihen

Mit dem Leseclub ging’s los: Die Wermelskirchenerin Marie-Louise Lichtenberg schreibt den Deutschen Jugendliteraturpreis mit aus.

Manchmal muss Marie-Louise Lichtenberg noch an jenen stillen Moment auf der Buchmesse 2010 denken. Damals hatte der Leseclub, den sie vier Jahre zuvor mit ihren Schülern an der Hauptschule gegründet hatte, gerade die siegreichen Titel des Deutschen Jugendliteraturpreises vorgestellt. Zum ersten Mal waren die Schüler als Jurymitglieder zur Messe nach Frankfurt gefahren. Unter großem medialem Interesse hatten die Jugendlichen ihre Titel für den begehrten Preis vorgestellt. 1500 Besucher hatten ihnen zugehört. Und als sich die Aufregung gelegt hatte, Marie-Louise Lichtenberg und ihre Schüler begannen, ihr Material zusammen zu räumen, da trat eine ihrer Schülerinnen neben sie. „Wissen Sie, Frau Lichtenberg“, sagte das Mädchen damals, „hier in Frankfurt sind wir wer. Zuhause sind wir wieder nur die Hauptschul-Dummis.“

Wenn Marie-Louise Lichtenberg heute diese Geschichte erzählt, dann klingen Wehmut und Traurigkeit gleichermaßen mit. Dann erinnert sie sich daran, wie die Bücher den Jugendlichen Flügel verliehen, wie das Lesen sie veränderte, die Arbeit in der Jugendjury ihnen Aufwind gab.

Aber sie erinnert sich auch an die Vorbehalte: „Als wir damals anfingen, da waren sich viele nicht sicher, ob so ein Projekt an die Hauptschule gehört. Ob das überhaupt passt“, sagt die ehemalige Lehrerin. Würde es Interesse für einen Leseclub geben? Würden die Schüler überhaupt als Jury beim Deutschen Literaturpreis mitmachen wollen? Marie-Louise Lichtenberg ließ sich nicht beirren: „Mein Motto war immer: Traut den Kindern was zu“, sagt sie.

Häufig war sie zuvor etwas unzufrieden aus Projekten zur Leseförderung gegangen. Dann suchte sie die Kooperation mit dem heimischen Buchhandel, ihre Schüler der fünften Klasse begannen damals mit Buchvorstellungen. „Und plötzlich erlebten wir eine Dynamik, die fast jeden in der Klasse mitriss“, erzählt sie. Jugendliche begannen, die nominierten Bücher des Jugendliteraturpreises zu lesen, vorzustellen und zu bewerten. 2004 fuhr die Klasse zum ersten Mal zur Messe, zwei Jahre später gründeten die Schüler den Leseclub „Do it – read a book!“.

Und schließlich glückte die Bewerbung für die Jugendjury des begehrten Preises. Wofür der ganze Aufwand? „Ich habe erlebt, wie Bücher Kinder und Jugendliche verändern“, erzählt Marie-Louise Lichtenberg. Zwischen den Seiten entdeckten die Schüler fremde Welten, die zu Phantasiereisen einluden. Bücher würden so viele neue Informationen und damit auch Bildung vermitteln, sagt die Lehrerin. „Manchmal denke ich an einen Schüler, der freudestrahlend in die Klasse kam, weil er damals den ersten Harry Potter ausgelesen hatte“, erzählt Marie-Louise Lichtenberg, „das hat ihm Selbstvertrauen gegeben.“ Und dazu biete die Literatur schon den Jüngsten die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Weil die Pädagogin nun um die Macht der Bücher wusste, ließ sie auch mit dem Ruhestand von ihrer Idee nicht ab. „Wenn man für etwas brennt, dann macht man doch weiter“, sagt sie. Also bewarb sie sich im vergangenen Jahr für das Amt der stellvertretenden Vorsitzenden des Arbeitskreises Jugendliteratur, der einmal im Jahr den Deutschen Jugendliteraturpreis ausschreibt. „Die restliche Zeit unterstützen wir Leseclubs und Literaturprojekte“, erzählt sie. Auch der Leseclub in Wermelskirchen, der an die Sekundarschule gewandert ist und dem Lichtenberg etwa 1000 Bücher hinterließ, profitiert von dem Einsatz des Arbeitskreises.

Die Entscheidung über die Preise allerdings treffen andere: Eine Kritikerjury nominiert jeweils sechs Bücher in vier Kategorien, die Jugendjury nominiert sechs weitere Bücher, daneben werden „neue Talente“ gewürdigt. Mit dem Preis wolle man Eltern und Lehrern, Buchhändlern und Vermittlern eine Orientierung geben: 647 Neuerscheinungen wurden von den Verlagen im vergangenen Jahr eingereicht. „Die Jurys helfen beim Sichten“, erklärt Lichtenberg.

Zur Buchmesse in Leipzig hätten die Titel vorgestellt werden sollen, die Preisverleihung findet jedes Jahr auf der Messe in Frankfurt statt. In diesem Jahr verändert Corona die Regeln – aber die Nominierungen stehen.