Wermelskirchen: Voller Klang und große Gefühlen

Sinfonieorchester der Musikgemeinde Wermelskirchen : Voller Klang und große Gefühle

Drei Dirigenten, ein Konzert: Das Sinfonieorchester begeisterte beim Sommerkonzert. Umjubelter Star des Abends war Pianistin Yadviga Grom.

Beethoven. Kein Schnickschnack. Keine Experimente. Beethoven. Schließlich bringt der große Meister genug Energie und Poesie mit, dass sich ein Orchester austoben kann. Und das Sinfonieorchester der Musikgemeinde Wermelskirchen ergreift diese Chance am Sonntag. Es ist ein ungewöhnliches Sommerkonzert, das am frühen Abend in St. Michael angestimmt wird – vor allem weil drei verschiedene Dirigenten am Pult stehen. David Hecker ist als zweiter dran und er hat sich Beethoven ausgesucht. Das Klavierkonzert Nr. 2, B-Dur, op.19. Es ist jenes Konzert, das Beethoven eigentlich für sich selbst und die stille Kammer geschrieben hatte, aber mit dem er sich dann doch der Öffentlichkeit als Komponist und Pianist vorstellte. Und wie der Name schon sagt: Das Stück braucht einen Pianisten.

Den, in diesem Fall eine Pianistin, hat David Hecker mit Yadviga Grom gefunden. Ihr gibt das Orchester vor allem zum großen Finale des Stücks genug Raum, dass sie zum Star des Abends avancieren kann. Schon zuvor hatten die Streicher alle Hände voll zu tun. Aber zum Ende hin, als sich der Kirchenraum als willkommener Mitspieler entpuppt, als sich der ganze Hall, das ganze Volumen vor den Ohren des Publikums entfaltet: Da überlassen die Orchestermusiker der Pianistin die Bühne. Sie betten ihr rasend schnelles Spiel, ihre musikalische Leidenschaft ein in temperamentvolle Melodien, die dem Zuschauer den Komponisten selbst vor Augen malen wollen. Und dann hält es den ein oder anderen Gast kaum mehr auf den Kirchenbänken, der Applaus will gar nicht aufhören, die Solistin muss viermal auf die Bühne zurückkehren, bevor es leiser wird. Und auch erst, als sie sich noch mal an die Tasten setzt, ein bisschen frech und schelmisch zur Zugabe ansetzt, lässt das Publikum die Musikerin, den Dirigenten und das Orchester gehen.

„Fantastisch“, bekennt ein Zuhörer in der Pause. Und meint damit nicht nur den Beethoven, der sich gerade vor seinen Ohren entfaltet hat, sondern auch den Auftakt mit Dirigentin Sylvia Wimmershoff. Die hatte sich für eine Ouvertüre von Ludwig Spohr entschieden. „Ich wollte ein Stück, das zum Orchester passt“, bekennt sie in der Pause, „lebendig und fröhlich, ohne hektisch zu werden.“ Die Bläser sollten zum Zuge kommen. Also Spohr: Die Energie, die zwischen Dirigentin und Musikern fließt, berauscht das Publikum. „Es ist eine Kommunikation ohne Worte“, sagt Wimmershoff nach dem großen Auftritt und muss erstmal frische Luft schnappen. Alles hat funktioniert – jene heiklen Stellen, an denen die Geigen in den Proben zu schnell geworden waren, das Zusammenspiel, die Herausarbeitung der verschiedenen Charaktere. Das Publikum hat gejubelt.

In der zweiten Halbzeit übernimmt dann Alfred Karnowka – erst mit Purcell, dann mit Bach. Der erste solle das Orchester ein bisschen entspannen, ihm die Möglichkeit geben, nach der Pause warm zu werden, hatte Karnowka gesagt. Und auch diese Möglichkeit nehmen die Musiker gerne an: Während die Bögen der Streicher in die Luft ragen, zupfen sie mystische Feenmelodien, bringen Shakespeares „Tralalala“ zum Klingen.

Der ungeübtere Zuhörer verpasst dann den Übergang zu Bach – weil Karnowka schnörkellos und bescheiden auf den Applaus für Purcell verzichtet. Aber irgendwann lässt sich nicht mehr leugnen: Jetzt spielt das Orchester Bach – die emotionale Chaconne. Inzwischen ist das Sinfonieorchester um einige Bläser gewachsen. Und auch dank ihnen spüren Publikum und Musiker, und nicht zuletzt der Dirigent selbst  die Kraft des Stückes, seine Wahrheit, seine Geschichte. Tod und Auferstehung, Trauer und Trost: Die Musik wächst über sich hinaus. Das Publikum, noch nicht so recht bereit, den Abend zu beenden, bedankt sich mit minutenlangem Applaus. Und wer genau hinsieht, entdeckt in den Reihen auch Hamed Garschi mit seiner Frau – den neuen Dirigenten.

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